Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1916)
- Date
- 1916-03-10
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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!:H5 — „sich an das Königliche Provinzialschulkollegium in Posen gewandt und ihm die Bitte unterbreitet habe, ihm die Teilnahme an den demnächst stattsindenden Versetzungslonferenzen gestatten zu wollen". Wer hätte aus diesen Worten ersehen sollen, daß Herr Dr. Gelles eine ihm persönlich zugefügte Kränkung hat abwehren wollen? Warum hat er dann zwei Jahre lang die „Demütigung" ertragen? Offenbar hat Herrn Dr. Gelles bei seinen Eingaben an die Behörden die Hoffnung geleitet, daß der hervorragende Anteil der Juden an dem Kriege die Behörden bestimmen werde, von ihrem Standpunkt abzugehen. Ich habe mich veranlaßt gesehen, den Fall zur Sprache 31t bringen, weil Herr Dr. Gelles nicht der einzige Rabbiner ist, der in der letzten Zeit unter Uebergehung der Verbände sich an den Minister gewandt hat. 2. Die Berufung des Herrn Dr. Gelles auf die „Meie Vereinigung für das orthodoxe Judentum" halte ich nicht für glücklich. Es wird ihm nicht unbekannt sein, daß diese Vereinigung sich grundsätzlich weigert, den „Verband" als die geordnete Vertretung der deutschen Juden anzuerkennen. Der Verband soll nur in Fragen allgemeiner Gesetzgebung und allgemeiner Verwaltungsanordnungen die Führung haben; daher konnte sehr wohl dem „Hilfsverein der deutschen Juden" die Anwerbung jüdisch-polnischer Arbeiter übertragen werden. 3. Es ist leider wahr, daß der Deutsch-Israelitische Gemeindebund trotz wiederholter Bemühungen in bezug auf die rechtliche Stellung des Religionsunterrichts an den höheren Schulen nichts erreicht hat. Wäre es anders, so brauchten wir uns nicht wiederum in langen Sitzungen mit der Materie zu befassen. Aber glaubt Herr Dr. Gelles, daß Gesuche einzelner Personen mehr Erfolg haben werden? Von dieser Selbsttäuschung wird er nun wohl geheilt sein. 4. Es ist bedauerlich, wenn Rabbiner dem Religionsunterricht im Vergleich zu ihren sonstigen Obliegenheiten die geringere Bedeutung beimessen. Das Publikum soll nicht dem Rabbiner die Zeit für die Kasualien vvrschreiben, sondern es muß daran gewöhnt werden, seine Wünsche den Bedürfnissen und Bestimmungen der Rabbiner unterzuordnen. puge um Auge. Russischer Sozialroman von M. P u l v e r m a n n. (Fortsetzung.) bet, Sergi," flüsterte sie ihrem Gatten zu, „hast du +\. denn ihn dir auch angesehen?" Jetzt erst hielt es der Beamte für angebracht, den Bittsteller wenigstens anzusehen. „Armer Kerl!" erwiderte er ebenso leise. „Er ist kreidebleich geworden. Aber ich kann ihm doch nicht helfen. Du weißt doch. Adele." Er zuckte bezeichnend mit den Achseln. „Sergi," war ihre Gegenrede, „hast du jemals ein solch getreues Abbild des „Apollo von Belvedere" in Fleisch und Blut gesehen?" „Du hast recht. Er ist wirklich ein bildhübscher Mensch. Aber — aber — du weißt doch, meine Jnstruk." „Dieser junge Mensch würde eine Zierde für jeden Salon sein," fuhr sie unbeirrt fort, während sie Gabriel kritisch, aber l och teilnehmend betrachtete. „Sergi, dieser verdient Wohl eine gewisse Berücksichtigung." „Was soll ich aber machen?" „Eine Ausnahme," war ihre lakonische Antwort. 118-- I Der Baron saun eine Weile nach und sprach dann: „Meinetwegen; weil du es wünschest, Adele. Ich glaube, daß die Angelegenheit dadurch einen besseren Anstrich bekommt. Wir beweisen dadurch, daß wir nicht prinzipiell die Juden ausweisen." Sich wieder zu Schmulikos wendend, fuhr er fort: „Herr Schmulikos, Sie haben einen liebenswürdigen Anwalt für Ihre Sache bekommen,' und da auch noch verschiedene andere Tatsachen zutage getreten sind, die zu Ihren Gunsten sprechen, so will ich für Ihre Person eine Ausnahme machen und den Beschluß des Senats aufheben. Sie können gehen." Die fahle Blässe aus Gabriels Gesicht machte einer glühenden Röte Platz. Er richtete sich zu seiner ganzen stattlichen Höhe auf, und in seinen Worten war keine Spur von Freude oder Dankbarkeit.. „Exzellenz verzeihen, daß ich nicht umhin konnte, die Erörterung der neuen „Tatsachen" mitanzuhören." Beide Gatten sahen sich an und lächelten leise. „Es ist wahr," sprach der Baron gutgelaunt, „wir haben unsere Ansichten etwas laut geflüstert. Adele." „Und — und — meine — guten Leistungen?" Gabriel war so erregt, daß er den Satz kaum zusammenhängend Hervorbringen konnte. „Und meine gute Führung, mein Fleiß, kommt dieses gar nicht in Betracht?" Der Baron runzelte die Stirn. „Junger Mann, Sie sind ein wenig keck! Sie haben doch ein Gesuch eingereicht; ich fühle mich veranlaßt, es Ihnen zu gewähren; damit aber ist die Sache für mich erledigt." „Herr Schmulikos," richtete die Baronin jetzt das Wort an ihn, „nehmen Sie die Sache dankbar hin, die die Götter Ihnen gespendet, ohne erst lange darüber nachzugrübeln." Gabriel fuhr zusammen. War es möglich, daß diese stolze Frau eine solche Freundlichkeit in ihre Worte legen, ihr kaltes Gesicht eine solche Teilnahme bekunden konnte? Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit stieg in seiner Brust auf, das aber vor seinem gerechten Stolz nicht lange standhalten konnte. Was sollte er nun machen? Würde es sich nur um seine eigene Existenz handeln, so würde er beide Augen zudrücken und sich mit der Tatsache zufrieden geben; schlimmstenfalls müßte man die Sophistik zu Hilfe nehmen und den Verstand so weit anstrengen, bis man den ganzen Vorgang aus dem Zufälligen herausgedeutelt und in eine gesetzmäßige Handlung hineingeklügelt, um des hohen Zieles wegen auch das Beschämende mit in den Kauf nehmen. — Allein hier war ja auch noch Baruch zu berücksichtigen. Baruch, seine zweite Hälfte; nein, diese durfte nicht vergessen werden. „Herr Baron," sprach er, während sein Blick auch die Baronin umfaßte, „ich bin Ihnen aufrichtig dankbar und auch bereit, von Ihrer Güte Gebrauch zu machen." Der Baron lächelte spöttisch, ohne aber etwas zu erwidern. „Allein," fuhr Gabriel fort, ohne das spöttische Lächeln des Barons, noch den warnenden Blick der Baronin zu beachten, „ich möchte mir untertänigst zu bemerken erlauben, daß mein Geschick mit dem eines treuen Freundes eng verbunden ist, und nur ivenn sich Ihre Gnade auch auf diesen erstreckt, wäre ich bereit, auch für mich ..." „Herr Schmulikos," unterbrach ihn der Präfekt streng, „erlauben Sie mir zu bemerken, daß es nicht meine Gewohnheit ist, mit Leuten Ihres Alters lange zu unterhandeln; am wenigsten mit solchen, die eine Gefälligkeit von mir erbitten, und erst recht nicht mit solchen, die mir noch dabei Bedingungen vorschreiben wollen. Ihr Gesuch habe ich berücksichtigt, Ihren Wunsch habe ich erfüllt; meine Beweggründe brauche ich Ihnen nicht mitzuteilen. Mit Ihrem Freunde aber : habe ich nichts zu schaffen. Aber," durch eine Gebärde feiner i Frau veranlaßt, fuhr er etwas milder fort, „ich will Ihre