Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-10 · Heft 10 (10.3.1916) · p. Seite 119

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 10 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
Seite 119 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229243--72064-3284484
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

119 mgend tn Betracht ziehen, indem ich Ihnen noch vierundvanzig Stunden Bedenkzeit gebe, ob Sie „geneigt" sein werden,; a§ anzunehmen, um was Sie mich gebeten. — Bitte, hier durch Lese Tür." „Und vergessen Sie nicht, daß jeder sich selbst der nächste ist." Es war die Baronin, die die letzten Worte gesprochen. Mit einer kurzen Verbeugung verließ Gabriel das Zimmer. - r hatte es absichtlich vermieden, die grauhaarige Dame annblicken, um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, als ühle er sich auch ihr gegenüber sür etwas verpflichtet, was cherlich nur durch eine Weiberlaune entstanden war. Als er wieder die gemeinsame Bodenkammer betrat, fand r Baruch über ein altes Kleidungsstück gekauert, das er mit lumpen Fingern auszubessern suchte, während zwei zerhlissene Reisetaschen neben ihm lagen. Ohne auszublicken, fragte er in seiner sarkastischen Weise: „Äst jetzt die Posse vorüber?" „Ja, alles ist vorüber," murmelte Gabriel tonlos; „Posse, wmödie und zugleich Trauerspiel, dea ex machina, alles, alles ■t vorüber." „Wieso Trauerspiel?" witzelte Baruch mit Galgenhumor. Es war sogar noch possenhafter, als ich dachte. Der „humane, icnschenfreundliche" Präfekt ließ sogar das Wort von „höllischen Verwicklungen" fallen. — Ist das nicht zum Totlachen? irme jüdische Studenten und „Politische Verwicklungen"!" Gabriel gab keine Antwort. „Na, Herzchen," fuhr Baruch in gleicher Weise fort, „du nagst grollen und schmollen so viel du willst, du wirst den lkas mit den „vierundzwanzig Stunden" nicht aus der Welt chafsen, und dann — ade Odessa! Hin nach dem wunderseinen, nelgeliebten Ditomsk! Es ist doch schon so lange, daß wir nicht nit der Eisenbahn gefahren sind, da sollten wir doch froh sein, üblich wieder eine solche Fahrt machen zu können. — Freilich, >ie „Politischen Verwicklungen", die mit im Spiele sind, dürften s ratsam erscheinen lassen, keine Extratouren zu machen, sondern den geraden Weg dorthin zu nehmen. Sicherlich wird luch die Polizei ihre liebevolle Aufmerksamkeit uns zuwenden lnd als unsichtbare Schutzengel uns begleiten, bis wir auf 'ent heimatlichen Dunghaufen glücklich gelandet sind. Mit 'em Gelbe, das wir uns sür die nächsten Kollegien erhungert lnd mit dem Erlös für unsere Uniformen werden wir eine jroße Strecke mit der Eisenbahn zurücklegen können; den Rest nachen wir per pedes und schlafen in den lustigen Hallen Lei .Mutter Grün"." Mit einem ironischen Seufzer der Ereichterung biß er den Zwirnsfaden mit den Zähnen durch. ,Gott sei Dank! Der Galastaat ist fertig und die Reise kann osgehen! — Du, Gabriel, ob sie bei unserer Ankunft in Litomsk staggen und weißgewaschene Ehrenjungfrauen auftellen werden?" Wortlos hatte Gabriel bisher Baruchs zerfleischende Reden ingehört, und mit einem Gefühl der Uebelkeit wendete er sich etzt dem Fenster zu; doch in seinem Schweigen lag etwas, >as Baruchs Aufmerksamkeit erregte; er sah ihn scharf an und var mit einem Satz an seiner Seite. „Gabriel, du hast etwas auf dem Herzen!" Doch dieser gab auch jetzt keine Antwort. „Gabriel, sage mir, was es ist, oder ich reiße es dir von der Zunge!" Mit geballten Fäusten und knirschenden Zähnen taub er vor ihm. „>Sage mir, was vorgefallen ist. Ach, richtig. Su sprachst vorhin etwas von einer dea ex macliina. Wer var sie und was wollte sie?" „Die Frau des Präfekten," erwiderte dieser, den Frager mit stieren Blicken ansehend. „Sie war meine gütige und erfolgreiche Fürsprecherin meines Gesuches bei ihrem Mann, ich aber sagte ..." „Nun?" Die kurze Silbe klang scharf und hart wie Stahl. „Ich aber sagte, daß wir beide zusominengehören." „Du hast also meiner gedacht und auch für mich gebeten - natürlich! Und dann?" „Dann wies er mir die Tür." „Wiederum ganz natürlich," sagte Baruch tonlos, seine Arme schwer am Körper sinken lassend. Er blieb eine ganze Weile stumm, und nur die blutigen Lippen bekundeten den schweren Ernst seines inneren Kampfes. Endlich richtete er sich energisch auf und schüttelte abwehrend seinen großen Kopf. „Nein, Gabriel," sprach er mit wilder Entschlossenheit; „das geht nicht, du verlangst zu viel von mir." Gabriel sah ihn verständnislos an. Baruch fuhr fort: „Du willst dein Schicksal an das meinige knüpfen, indem du die Gnade des Präfekten nur unter der Bedingung annimmst, wenn diese sich auch aus meine Person erstreckt. Du verlangst dadurch, daß ich dabei beteiligt sein soll, wenn du geistigen und gesellschaftlichen Mord begehst; du willst mein Gewissen mit dem Mord deiner Karriere belasten! Nein, Gabriel; das darfst du nicht. Ich bin nicht stark genug, um zwei Schicksale zu tragen. Darum mußt du unbedingt hier bleiben! Nicht allein deinetwegen, sondern noch mehr meinetwegen!" Gabriel kannte Baruch und er rang verzweifelt die Hände. „Baruch, du dämonischer Sophist! Du gutherziger Teufel! Du stachlige, goldlautere Seele. . ." „Sehr hübsch! Hast du noch mehr solche Kosenamen für mich? Mache nur weiter so; ich sehe dich gern in Ekstase! — Wenn du aber genug hast, dann wollen wir zum letztenmal unsere gemeinsamen Mahlzeiten verzehren. Allerdings wirst du dich heute noch mit Schwarzbrot und Käse begnügen müssen; doch von morgen ab gibt es für dich nur Marzipan und gebratene Tauben. -Denke dir nur: sechzig halbverhungerte Studenten weniger! Die Privatlehrer in Odessa j werden bald einen raren Artikel bilden!" Er stand auf und fing an, seinen Ranzen zu schnüren. Bald war er damit fertig. „Und nun, Gabriel, Gott befohlen und Glück auf!" Wie geistesabwesend nahm Gabriel die dargebotene Hand; endlich schien er sich auf die Wirklichkeit zu besinnen. „Du hast recht, Baruch. Wir wollen hier schon mit dem Abschied beginnen- Am Bahnhofe dürfte uns die nötige Weihe fehlen." (Fortsetzung folgt.) Mchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Die Motive der preußischen Judenemanzipation von 1812 mit besonderer Berücksichtigung ihres Verhältnisses zu den Ideen der Judengesetzgebung der französischen Revolution. Von Dr. Phil. Nosa Dukas. Verlag Louis Lamm, Berlin 1916. Gedichte und Lieder von Dr. Mannheimer für die Soldaten-- und Verwundetenabende zu Oldenburg. 2., vermehrte Auflage. Verlag. Louis Lamm, Verlagsbuchhandlung, Berlin C, Neue Friedrichstraße. Das Vincenz-Lied. Nach dem von Rektor I. L. Schudt in seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten" (Frankfurt und Leipzig 1714) ausgezeichneten- „Vintz Hanß-Lied", metrisch ins Hochdeutsche übertragen von I. B. Levy. Mit zwei Bildern und einer Notenbeilage.. Berlin 1916. Verlag von Louis Lamm. Die polnische Judenfrage. Von B i n j a m i n Segel, Lemberg. Verlag von Georg Stille, Berlin NW 7, Hofbuchhändler Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen. 1916. Allah il Allah. Mit den Siegesfahnen an den Dardanellen und auf Gallipoli. Von E. B l e e ck - S ch l o m b a ch, Kriegsberichterstatter im Kaiserl. Osmanischen Hauptquartier. Mit Bildernvon Werner Godow. Leipzig 1916, Verlag von Otto Gustav Zehrseld. Die religionsphilosophischen Lehren des Isaak Abravanel. Von I a c o b G u t t m a n n. Breslau, Verlag von M. u. H. Marcus, 1916.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.