Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1916)
- Date
- 1916-03-10
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Wissenschaft ebenso wie im Leben durch eine neue Fassung des Persönlichen und Ueberpersönlichen, des Idealen und des Teleologischen zu bewältigen und zu überwinden. „Person und Lache", ich' Gegensatz und ihre Versöhnung, das ist das Grund' Problem, das mir der kommenden Weltanschauung stellen müssen." In seiner Psychologie erscheint Stern uns vor allem als Gelehrter; seine Philosophie zeigt ihn uns als Menschen, als einen Menschen, der um Ideale ringt und für Ideale eintritt. Gegen geistige Unterdrückung hat er sich schon als junger Student in öffentlicher Rede gewandt, als die Lex Heinze erregte Erörterungen herausbeschwor; in demselben Geiste ist er 1913 in dem unerquicklichen Streit um Gerhart Hauptmanns Festspiel mit Wort und Schrift für die Freiheit der Kunst eingetreten. Ueber die Stellung des einzelnen zum Staat hat er im Herbst 1915 sich ausgesprochen; in der ersten öffentlichen Versammlung des Bundes für Frauendienstpflicht in Breslau begründete er damals seine Anschauungen über „Ethik der Frauendienslpslicht". Nicht nur Frauendienstpflicht ist sein Losungswort, sondern Alldienstpflicht: jeder einzelne hat „ein Jahr des Lebens dein Tunst der Gesamtheit" zu weihen. Er selbst stellte sich in den Dienst des Vaterlandes, indem er in den ersten Kriegsmonaten in Breslau eine „Versandstelle für Auslandsauftlärnng" ins Leben rief und leitete. Das ist der Mann, der nun berufen ist, seine Stimme von einem Katheder aus hören zu lassen, von dem sie weiter hinausdringt in alle Welt, als es von dem Breslauer Extraordiuariat ans der Fall sein konnte, flieht auf jüdischem Gebiet liegt seine Bedeutung: trotzdem erschien ein Versuch, ihn zu würdigen, in diesen Blättern am Platze. Tenn ein Jude mag sein, wer er will und was er will: er wird meistens von der Welt zunächst als Jude betrachtet. Don seinen Taten füllt ein Abglanz auf die jüdische Allgemeinheit, denn Kol Jissroel arewim soll boseli, ganz Israel ist Bürge, einer für den anderen. To begrüßen nur denn freudig die Berufung William Sterns und begleiten sie mit den aufrichtigsten Wünschen. Tr. E. M. Meyerbeers Stammbuch. oit dem Antiquariat von Leo Lippmannssohu, Berlin, wird Meyerbeers Stammbuch zum Verkaufe angeboten für den sehr ansehnlichen Preis von 350 Mark, womit allerdings die 26 Eintragungen recht reichlich bezahlt sind. Trotzdem wäre es sehr schön, wenn sich ein jüdischer Mäzen fände, der dieses wertvolle Denkmal in jüdischen Besitz brächte, am besten wohl für die Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in B e r l i n stiftete, wohin es in erster Linie gehört. Tenn dieses Stammbuch ist von ganz hervorragendem jüdischen Interesse. Meyerbeer begann es im Jahre 1810, da er 19 Jahre alt war, und folgte, indem er seinen Lehrern und Freunden ein Stammbuch zum Einschreiben überreichte, einer im 17. und 18. Jahrhundert, namentlich in Deutschland,' üblichen Sitte. In dieses Buch haben sich seine Lehrer und Meister: der Berliner Kapellmeister B. A. Weber, der Musiker Franz Lauska und dessen Gattin, der damals berühmte Komponist und Schriftsteller I. F. Reichhardt eingeschrieben, die alle in ihren Inschriften die große Hoffnung ausdrückten, die sie auf den jungen Musiker setzten. Auch der große Schauspieler Isfland ist mit einem Spruch vertreten, ferner verschiedene Philosophen und Schauspieler, die damals in Berlin einen Namen hatten. Sind schon alle diese Urteile, Hoffnungen und Verheißungen, die einem jungen jüdischen Künstler zuteil werden, von großer Wichtigkeit, so wird unser ganz besonderes Interesse dadurch erregt, daß eine' Anzahl jüdischer Inschriften darin steht. Zi ihnen gehört ein zwei Seiten füllender Eintrag von Davit Friedländer, der einen Spruch seines „unsterblichen Lehrer- Moses Mendelssohn" beisteuert und eine herzliche Nachschrif hinzufügt. Zu diesen Inschriften ist sodann zu rechnen eim des damals erst 10 Jahre alten Bruders, des späteren bekannten Dichters Michael Beer, der einen vierzeiligen Vers von Uz in kindlichen Zügen auf liniierten Bleistiftstrichen ein trägt. Es folgen die Tanten Seraphine und Henrietb Ephraim, die Vettern und Cousinen Paul, Meyer und Minette Ephraim und Babet Moses sowie Benda, Erzieher der. Ephraimschen Kinder. Ob der Letztgenannte Jude war, is: freilich nicht ganz sicher. Jedenfalls ist, wie aus den vorstehenden Notizen ersichtlich in diesem merwürdigen Denkmal, das der junge Musiker anlegte, als er, wiewohl schon als bedeutender Künstler angesehen die Reise von Berlin nach Darmstadt unternahm, um bei dem dortigen berühmten Musiklehrer, dem Abt Vogler, seine höhere künstlerische Ausbildung zu erlangen, eine ziemlich große Anzahl der Mitglieder der damaligen jüdischen Gemeinde und der Meyerbeerschen Familie vertreten. Stammbücher christlicher Gelehrter, Musiker und Dichter gibt es genug, dagegen möchten Stammbücher aus alten jüdischen Familien, deren Mitglieder es später zu einer bedeutenden Stellung brachten, wohl zu den größten Seltenheiten gehören. Aus diesem Grunde würde es von ganz hervorragender Wichtigkeit sein, wenn die Bibliothek der Jüdischen Gemeinde, die, wie in weiten Kreisen wohl nicht allgemein bekannt sein dürfte, außer ihren Bücherschätzen eine bedeutende Kunstsammlung verwahrt, deren Grundlage die berühmte Wolfsche Sammlung aus Dresden ist, in den Stand gesetzt würde, dieses Schmuckstück, dem außer seiner literarischen Bedeutung ein außerordentlicher Pietätswert zukommt, zu erwerben und als ein kostbares Berliner Denkmal vergangener Zeit dauernd zu erhalten. L. G. Mch einmal: Lur Stellung des jüdilchrn Keligionsunlerrichts an den höheren Lehranstalten in Kreutzen. Von Rabbiner Dr. Gelles, Lissa. u meinem Aussatz „Zur Stellirng des jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Schulen in Preußen" hat Herr Professor Türk in „Bemerkungen" und Herr Becker in „Anregungen und Ergänzungen" Stellung genommen. Ich will zunächst die „Bemerkungen" des Herrn Professors Türk unter absichtlicher A u s s ch a l t u n g aller persönlichen Momente rein 's a ch l i ch widerlegen. 1. Es ist in meinem Aufsatz klar gesagt worden, daß mir am 15. März 1915 nur noch neun Tage bis zur Konferenz zur Verfügung standen. Ich konnte daher unmöglich beit ganzen Apparat des Rabbinerverbandes in Bewegung setzen, wenn ich rechtzeitig — und daran lag mir sehr viel — Bescheid haben wollte. Daher entschloß ich mich, „der Not gehorchend", selbständig mit einem Gesuch an die Behörden heranzutreten; ein Schritt, der weiter unten aus Punkt 7 gut zu verstehen ist und mir von vielen Seiten znstimmende Urteile eingebracht hat. 2. Es ist mir allerdings unbekannt, daß „alle Verbände und Organisationen sich darauf geeinigt haben, mit den Behörden stets nur durch den Verband der deutschen Juden zu verhandeln". Ich stelle hierzu folgende Tatsache fest: In bezug auf die Versorgung s ä m t l i ch e r deutschen Juden mit dem für die Mazzoth notwendigen Mehl hat die Freie Orthodoxe Vereinigung in Frankfltrt a. M. mit den Behörden verhandelt. Desgleichen hat der