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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-10 · Heft 10 (10.3.1916) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 10 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
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115 5tcrn§, des Begründers der Berliner Reformgemeinde und Direktors des Frankfurter Philantropin, zu Berlin geboren. besuchte dort das Köllnische Gymnasium; dann studierte r, ebenfalls iu Berlin, Philosophie und Psychologie. Unter einen Lehrern ist neben Paulsen, Stumpf und Ebbinghaus azarus zu nennen. 1892 promovierte er; 1897 habilitierte r sich in Breslau; zehn Jahre darauf wurde er in Breslau rtvaordinarius und Direktor des psychologischen Seminars. Zeine Breslauer Lehrtätigkeit unterbrach er, als er 1909 von er Clark-Universität in Worcester (Mass.) die ehrenvolle Anforderung erhielt, anläßlich ihres Jubiläums einen Voresungszyklus zu halten. Bon dieser Hochschule wurde Stern um Uvetor ok Iave8 h. c. ernannt. In jüngster Zeit, 1915, rnannte ihn die Ungarische Gesellschaft für Kinderforschung u ihrem Ehrenmitglied. »lpril 1916 wird er nunmehr ne Stätte seiner bisherigen Wirksamkeit verlassen, um in äamburg als Nachfolger Ernst Neumanns ein größeres Arie itsfeld zu betreten. Die vorstehenden knappen llngaben zeigen, daß Stern -ich einen Namen gemacht ,at weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Er hat im§ getan in Arbeit für Theorie und Praxis, als Psychologe und als Philosoph. Von seinen t h eure t i s ch-p sy ch o l o g i s ch e n Arbeiten dürften im großen Publikum am bekanntesten geworden sein die mit seiner Gattin, Frau Klara Stern, gemeinsam verfaßten „Monographien über die seelische Entwickelung des Kindes", die sich in eine Untersuchung der „Kindersprache" (1907) und eine Abhandlung über „Erinnerung, Aussage und Lüge in der ersten Kindheit" (1909) gliedern; ferner die 1914 erschienene „Psychologie der frühen Kindheit", ein Werk, das keineswegs nur für den Gelehrten geschrieben ist. Experimentelle Forschungen und rheoretische Betrachtungen führten Stern dazu, den Ver-! schiedenheiten nachzugehen, die im Seelenleben von Knaben; und Mädchen, von Männern und Frauen, überhaupt von j Angehörigen eines bestimmten Lebenskreises gegenüber den | Gliedern eines anderen sich bemerkbar machen (mögen diese ■ Verschiedenheiten nun angeboren sein oder anerzogen); so! begründete er als besonderen Wissenschaftszweig die Psychologie der individuellen Verschiedenheiten, der Differenzen! zwischen dem Seelenleben der Individuen, die ihre Gesamtdarstellung 1911 fand in dem Werk „Die differentielle Psychologie in ihren methodischen Grundlagen". Noch manche andere Arbeit Sterns wäre zu nennen, die sich in dieser Richtung bewegt; hier sei nur noch ein Buch genannt, in den: er eine merkwürdige Persönlichkeit analysiert: Helen Keller.? „Die Entwicklung" dieser „Taubstummblinden als psychologisches, pädagogisches und sprachtheoretisches Problem" hat er 1905 dargestellt. Helen Keller ist, wie der Titel des Buches zeigt, auch als pädagogisches Problem aufgeführt. Das führt auf eine andere Seite in Sterns Schaffen: seine pädagogischen Bestrebungen, in denen er die Ergebnisse seiner psychologischen Theorie für die Praxis der Erziehung und des Unterrichts nutzbar machen will. In Zyklen und Kursen über pädagogische Psychologie für Lehrer, vor allem aber im Rahmen des Allgemeinen Deutschen Verbandes für Erziehungs- und Unterrichtswesen, kurz „Bund für Schulreform" genannt, leistete er hier erfolggekrönte Arbeit; und wenn die Breslauer Ortsgruppe des Bundes sich stets durch eine besonders eifrige Tätigkeit anszeichncte, so ist das nicht zuletzt Sterns Verdienst. Die Durchdringung der Studentenschaft mit pädagogischen Interessen hat er stets wirkungsvoll gefördert. Die Ergebnisse seiner Forschung wußte er fruchtbar auch für die Rechtspflege zu machen, und gern und zahlreich erschienen die Jünger der Themis in seinen Vorlesungen über Psychologie der Allssage. Das Breslauer psychologische U n i v e r s i t ä t s s e m i - nar und das psychologische Laboratorium hat Stern erweitert und ausgestattet; hier erzog er seiner Wissenschaft eifrige Schüler, die an ihm einen ivohlwollenden Förderer auch über ihre Studienzeit hinaus fanden. Anderen Zwecken dient ein zweites Institut, mit dem auch sein Name verknüpft ist: das „I n ft i t it t s ü r a u - g e w a n d t e P s y ch o l v g i e und psychologische Sauinielforschung" in Klein-Glienicke bei Potsdam. Gemeinsam mit Otto Lipmann leitet er es seit 1906; mit diesem zusammen gibt er auch seit 1907 diZ. „Zeitschrift für Psychologie und psychologische Sammelforschung" heraus, der von 1903 bis 1906 die „Bei- -träge zur Psychologie der Aussage" vorangingen. Auf philosophischem Gebiet stellt sich das Werk Sterns dar als eigenes System, das er 1906 im ersten Bande seines Werkes „Person und Sache" zu entwickeln begonnen hat. Ter zweite Band, der in Vorbereitung ist, wird die philosophische Grundlegung der Psychologie enthalten, wird also die Psychologie, die in mancher ihrer Richtungen aus dem Gebiet der Philosophie Hinalls in das der Naturwissenschaft überzugehen schien, wieder als philosophische Disziplin feM stellen. Was der Ausdruck „Person und Sache" besagen will, sei mit den Schlußworten eines Büchleins angegeben, das Stern 1901 schon geschrieben, 1915 aber erst veröffentlicht hat, der „Vorgedanken zur Weltanschauung". Sie lauten: „Es gilt, das Unpersönliche, rein Sächlich-Mechanische in der Prof. <Dr. William Stern in Breslau wurde als ordentlicher Professor nach Hamburg berufen.

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