Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1916)
- Date
- 1916-03-10
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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114 in die Hände. Nicht immer freilich gelingt es der wachsamen Polizei, ihre Anordnungen zum Ziele zu führen. Die „Birfchewhja Wjebomosti" erzählen von -einem sehr charakteristischen Vorfall, der die Wiedergabe wohl löhnt. Es heißt dort wörtlich: „Diese Juden sind ein schreckliches Volk! Sie widerstreben immer den Forderungen des Gesetzes. Hier ein Beispiel: Der Pristaw des zweiten Polizeireviers in Petersburg stellte folgenden Passierschein aus: „Nr. 73 017. Dm Tochter des erblichen Ehrenbürgers Scheine-Eta Abramowna Lurie erhält hiermit die Weisung, sich sofort, und zwar ohne unterwegs Mchtaufenthalt zu nehmen, nach Wilna zu begeben . . Bitte, wann wurde der Passierschein ansgestellt? Wann? Am 3. Dezember 1916. „. . . Nach Wilna zu begeben und sich nach Ankunft am erwähnten Orte unter Vorzeigung dieser Urkunde bei der dortigen Polizei Verwaltung zu melden." Bei welcher Polizeiverwaltung? Bei der deutschen? . . Im Falle sich Scheine-Eta Abramowna Lurie nicht unverzüglich aus freien Stücken nach der gedachten Stadt Wilmr begeben sollte, so wird die Ausweisung im Etappenwege erfolgen." Die ,Mrschewyja Wjedomosti" schließen den interessanten Bericht mit den Worten: Der Beseht ist klar und kategorisch. Da nun Scheine- Eta Lurie nicht nach Wilna gefahren ist, so wird es wohl nötig sein, daß die militärische Etappe die polizeiliche Verfügung unter Nr. 73 017 zur Ausführung bringt! * Aus der Schweiz wird uns ein als. Nummer 1 bezeichnetes Blatt eines in Lausanne erscheinenden ,,Bulletin juif“ zugeschickt. Es enthält unter verschiedenen Titeln: „Russische Dokumente", „Neue Scheußlichkeiten", „Illusorische Unterdrückung der jüdischen Wohnungszone", meist aus russischen, aber auch aus ausländischen Quellen entnommene bekannte und unbekannte Beispiele des unmenschlichen Verfahrens, das gegen die Juden geübt wird. Das Blatt schildert ferner die Reise des russischen Finanzministers nach England, gibt Nachrichten über neue Vertreibungen der Juden, über den Zustand der Juden Finnlands, bringt den Wortlaut eines Aktenstückes des Senats der Universität Gens an die jüdischen Studierenden, in dem diesen „die Sympathien, die sie immer verdient haben", öffentlich ausgedrückt werden. (Das Aktenstück bezieht sich aus einen Vortrag des Professors Eternod, der scharfe Bemerkungen gegen die Juden enthielt, die dieser jedoch später zurücknahm.) Zum Schlüsse werden einige sozialistische Dokumente abgedruckt, besonders über die Stellung der amerikanischen Sozialisten in der Judensrage, ferner eine Erklärung der jüdisch-sozialistischen Partei in Oesterreich über die Behandlung der Juden in Polen. Wir kommen vielleicht gelegentlich aus die interessante Sammlung zurück. * Endlich entnehmen wir der „Voss. Zeitung" einen sehr merkwürdigen Bericht über eine Massenversammlung der jüdischen Bevölkerung von New Jork, der solgenden Wortlaut hat: Eine humanitäre Riesenkundgebung. Eine imposante Massenversammlung der jüdischen Bevölkerung von New Jork hat, wie wir dortigen Blättern entnehmen, in der riesigen Carnegie Hall stattgefunden. Sie war zum Zwecke der Einleitung einer Hilfsaktion zugunsten der durch beu europäischen Krieg in Notlage geratenen Juden einberusen, und der Aufruf nannte neben den russischen und russisch-polnischen Juden, denen Hilfe aus Aruerika kommen sollte, offiziell auch die Inden in Galizien, in Preuszisch-Polen, Serbien, Türkei, speziell in Palästina, der Wiege des Judentums. In Wahrheit gestaltete sich das Massenmeeting, in dessen Verlause einer der Redner packende, erschütternde Schilderungen von der unerhörten Bedrückung und Mißhandlung der russischen Juden, von der barbarischen Grausamkeit, die sie von den Behörden zu erdulden haben, entwarf, zu einer Kundgebung gegen Rußland und nur gegen Rußland allein. Von einer schlechten Behandlung oder einer drückenden Notlage der Juden in Oesterreichisch- oder in Preußisch- Polen, in Serbien oder in der Türkei war mit keinem Wort die Rede. Die Carnegie Hall war bis zur äußersten Fassungskraft gefüllt, und über 3000 Personen, die gleichfalls gekommen waren, um an der großartigen Kundgebungder Nächstenliebe teilzunehmen, konnten keinen Emlas; mehr erlangen. Und was sich drinnen in dem großen Saale, der sonst der Pflege der Kunst gewidmet ist, abspielte, erinnerte an die biblischen Erzählungen von der unerschöpflichen Hilfsbereitschaft des jüdischen Volkes für seine leidenden Stammesgenossen. Tie Versammlung war von dem „American Jewish Relief Committee" einberusen worden, dem Hilssausschusse der amerikanischen Juden, der -es sich zur Aufgabe gemacht hat, im Lause des Jahres 1916 fünf Millionen Dollar, also Zwanzig Millionen Mark, ftir die durch den Krieg notleidend gewordenen Juden unter den amerikanischen Glaubensgenossen zu sammeln. Seit dem Kriegsbeginn hat dieser Ausschuß bereits 1 500 000 Dollar aus diesenr Wege aufgebracht, aber diese Summe reicht natürlich nicht aus. Noch -ehe eine halbe Stunde nach der Eröffnung der Versammlung verstrichen war, konnten vier Spenden von je 100 000 Dollar angekündigt werden. In hellen Scharen strömten die Anwesenden zum Podium, um dort ihre Liebesgaben niederzulegen. Auf dein Tische des Redners hausten sich Schecks in Höhe von 50 bis 50 000 Dollar, andere schriftliche Zahlungsversprechungen, Bargeld und Wertsachen. Männer eilten herbei und leerten buchstäblich ihre Taschen auf den Tisch. Einer befaß nur 1 Dollar und 5 Cents; er gab den Dollar her und behielt die 5 Cents, um nach Hause fahren zu können. Ein anderer, der 7 Dollar Wochenlohn hat, verpflichtete sich, die Hälfte davon während der ganzen Dauer der H-ilsskampagne herzugeben. Dutzende von Frauen zogen ihre Ohrringe, ihre Fingerringe, alles Geschmeide, das sie trugen, ab und übergaben es dem Ausschüsse, Männer stifteten neben dem Bargelde ihre Taschenuhren und was sie sonst an Wertsachen bei sich hatten. Als die Versammlung geschlossen wurde, lagen 1% Millione n D o l l a r , fünf Millionen Mark, in Schecks, Bargeld und Schmucksachen zur Verfügung des Ausschusses. Eine über den lokalen Rahmen hinausgehende Bedeutung erhielt die Versammlung in Carnegie Hall durch eine Rede, in der Bischof Greer von der pr-otestaulisch-episkopalischen Kirche in New Jork von der „Schuld des Christentums an die Juden" sprach. Diese Schuld müsse endlich getilgt werden, und zu diesem Zweck forderte der Bischof alle Christen auf, sich an dem Hilsswerke für die notleidenden Juden nach Kräften zu beteiligen. „Auch die Zivilisation und die Humanität," schloß der angesehene Geistliche, „stehen in der Schuld der' Juden. Und deshalb appelliere ich an die Humanität des amerikanischen Volkes ohne Unterschied des Glaubens, diese Schuld mH vollen Händen dem jüdischen Volk in der bitteren Stunde seiner Not zurückzuzahlen." Auch der Leiter des Unterrichtswesens im Staate New Aork, Fi n la h, der Präsident der Cornell-Universität, Dr. Schurman, und der Kongreßabgeordnete Meyer London sprachen in der Versammlung; die tiefste Wirkung erzielte Dr. M a g n e s mit den eingangs erwähnten Berichten aus Rußland über die furchtbare Lage der dortigen Juden. Langsam, in großen Menschenwellen, zogen die 3500 Männer und Frauen, die feierlichen Töne des patriotischen Hymnus „America" anstimmend, aus dem Riesenraum ins Freie. Krok. Dr. Millism Stern. Anläßlich seiner Berufung an das Hamburger Allgemeine Borlesungswesen. och ist es nicht zur Selbstverständlichkeit geworden, daß unsere Glaubensbrüder unter denselben Bedingungen zu Ehren und Ansehen im öffentlichen Leben gelangen wie die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften; vor allem rächt, daß sie, wenn sie sich schon die ihnen gebührende Anerkennung errungen haben, auch in eine Stellung gelangen, die ihrer Bedeutung entspricht. Wir freuen uns, heute von einem Ereignis berichten zu können,.das die schon gewohnheitsmäßig hingenomrnenen Vorgänge unterbricht, freilich ohne daß man etwa sich erkühnen dürste, in ihm schon eine Verheißung für die Zukunft zu sehen: von der Berufung Prof. Dr. William Sterns an das Allgemeine Vorlejungswesen zu Hamburg. Ueber den äußeren Lebensgang des Gelehrten sei kurz folgendes mitgeteilt: 1871 wurde er, ein Enkel Sigismund