Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1916)
- Date
- 1916-03-10
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Kielce 1× ep/1001109
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113 stvilverwältung empfangen, welche der Wohltätigkeitsaktion -er Wiener Allianz wie der Frage der Gestaltung des Unterichtswesens unter der jüdischen Bevölkerung das wärmste Interesse entgegenbringen. Dr. Kaminka besuchte in L u b l i n, n a d o m und Kielce neben den Humanitären Anstalten auch die jüdischen orthodoxen Lehranstalten und Talmlld- Thvras, und äußerte sich über die Sprachenfrage, daß nach leinen Währnehmungen von einer Verdrängung des P o l n i s ch e n im ö st err ei chis ch - u n garis ch e n £> ff u p a t i o n § g e b t et e keine Re d e sein könne; es roürde sich nur darum handeln, dem Bedürfnisse der gewerblichen unb kommerziellen Erziehung entsprechend in den jüdischen Schulen auch dem Deutschen einen breiten Raum zu gewähren; wenn dadurch der Jargon aufgesogen und langsam eliminiert wird, werde dies in keiner Weise zum Schaden' der jüdischen Bevölkerung sein. Die seitens der Wiener Allianz für diesen Monat allein den jüdischen Gerneinden in Russisch-Polen gewährten Unterstützungen - hauptsächlich zum Schutze der allerärmsten Inden in nahezu hundert Gemeinden vor Hunger itni> Kälte — belaufen sich auf zirka 55 000 Kronen. Dazu erhalten wir als Ergänzung folgende Mitteilung des verrn Dr. Kaminka: Der von Ihnen in N-mnmer 8 vom 25. -Februar im „Gemeinde- Voten" unter „Nah -und Fern" über die Aktion der Wiener Israelitische!.- Allianz für Russische-Polen mitgeteilte Bericht ist sehr ungenau und gibt eine unrichtige Vorstellung von der gewährten Hilfe. Die von inir bei meinem Besuch in Lublin der jüdischen Gemeinde übergebene Summe von 5000 Kronen war eine A n zahl u n g auf den Betrag von 3 2 650 Kronen monatlich, der im Januar dieses Jahres auf Grund meines telegraphischen Berichtes dem Hilfskomitee bewilligt und seitdem ans 3 4 00 0 Kronen monatlich erhöht wurde. Entsprechend hohe Monatsbeiträge wurden auch den Jentralfürsorgekomitees in Radom und in Kielce bewilligt. Seit Januar sind von uns nach Russisch-Polen über 120 000 Kronen gesandt worden. Insgesamt hat die Israelitische Allianz in Galizien und in Russisch- Polen seit Oktober vorigen Jahres etwa 250 notleidenden jüdischen Gemeinden bereits mehr als eine Million Kronen bewilligt. * lieber die unsäglich traurigen Verhältnisse, die in Rußland herrschen, liegen verschiedene Nachrichten vor. Zunächst meldet die „Kölnische Volkszeitung": G e n e r a l N u ß k i als I u d e u v e r f o l g e r. S t o ck h o l m, 27. Februar 1916. In Kislowodsk, wo er zur Kur weilte, veranstaltete angeblich General Nußki eine Judenverfolgung. Den jüdischen Kurgästen seien nachts die Fenster eingeschlageu und sämtliche Garderobengegenstände verbrannt worden. Die Stadtverwaltung habe am nächsten Tage ans Wunsch des Generals die jüdischen Gäste ausgewiesen, weil sie Storungen in der öffentlichen Ordnung hervorgerufen hätten. General Rnßki habe sich persönlich an den Plünderungen beteiligt. Sodann wird auch unsere Leser der nachstehende, höchst interessante Bericht des „Berliner Tageblatts" interessieren: I u d e n f r a g e u n d W a g g o n m a n g e l. E h!v o st o s B e r s p r e ch u n g e n. — D e r m e n,s ch e n f r e u n d - l i ch e G v u v e r n e u r. —- P a % fiel’ '\ ch ein N r. 73 01 7. Herr Alorgan, der - ein gern gesehener Gast — in Petersburg beinahe heimisch geworden ist, hat der russischen Negierung mitgeteitt, daß die amerikanischen Juden unter gewissen Voraussetzungen bereit wären, ihre bisherige finanzielle Zurückhaltung anfzngeben und an bcn bevorstehenden Darlehnsgeschästen teilzunehmen. Es sei aller, dings erforderlich, «daß Finanzminister Bark still Versprechen, das er Baron Rothschild in Paris gegeben habe, der Verwirklichung zusühre und den Minister dos Innern zur Aufgabe seiner Ghettopolitik veranlasse. Bark, der die Notwendigkeit, guten Willen zu zeigen, erkannt hat und zu allen Zeiten bereit gewesen ist, Wort und Willen an die Stelle der Tat zu fetzen, beeilte sich denn auch, Herrn Morgan die Kopie eines Rundschreibens vorzulegeu, das er ins Reich geschickt hatte. Darin konnte man schwarz aus weiß lesen, „da ß de n I ud en an a l l e n O r t e.n , w o ihnen d a s Ll u f e n th a l t s r e ch t zuge sta nd en wäre, ohne weiteres H n ndel ssche i ne a u s z u r e i che n s e i e u." Die Gouverneure und Polizeiminister mögen über die Weisung nicht lvenig gelacht haben. Die einen, die Ge- .mäßigten, .machten sich den Passus „au allen Orten, wo ihnen das Aufenthalt srecht zugestandeu wäre", als Grundlage für die Ablehnung solcher Gesuche zurecht, die anderen, die Bösartig-Euergi'seheu, erklärten aber rundweg, daß für sie einzig Anordnungen aus der Kanzlei des Ministers des Innern verbindlich seien. Es läßt sich nicht feststellen, ob der diensteifrige Herr Morgan von den Ergebnissen des Barkschen Rundschreibens etwas erfahren hak. Iuz!vischeu hat auch Ehwostow, der Minister des Innern, eingeschen, daß es bei dem Mangel an Waggons ganz unmöglich sei, die flüchtigen Inden der Westgebiete während der ganzen Dauer, des Krieges in den Elsenbahnen anzusiedeln. Er sah sich deshalb veranlaßt, auch seinerseits aur kulturellen Aufschwung Rußlands -mitzuarbeitell und auzuerdnen, „d a ß d i e a u s g c j i e d c 11 e n Juden üb e r a l 1 i m R e i ch w o h neu dürft e u, a u s ge n o mm e u i n d e n H a n p t st ä d t e u und ä il d e u j e u i g e u Orten, di e de r Ko mpe te uz's p'h ä r e d e s K r i e g sm t it i st c r s atu d >d c s Al i n i ste r s des k a i s e r t i che tt H a u sie s tt n t e r st ä n d e it". Die ministerielle Kundgebung, die auf den ersten Blick als Zugeständnis aasgefaßt werden könilte, bedeutete aber für eine lange Reihe von Leuten, die schweren Herzens nach einem neuen Heim suchten, eine schwere Heimsuchung. Ein früheres Zirkular - auch rom grünen Tische des Ministeriums des Innern ~~ hatte nämlich den flüchtigen Juden die Erlaubnis gegeben, „6 i s zit nt E n -d e des Krieges in Petersburg Aufenthalt zu ll e h men, v o r a u s g e setzt, d -a ß '] i e dort v e r w a n d t - s ch a f t l i ch e ll A u >h a n g h ä t t e ll". Die Glücklichen hatten sich daraufhin um schweres Gdld Wohmmgeil gemietet lind waren wohl der Meimntg, daß sie nun weiligstens in härtester Zeit Dach unb Herd gefunden hätten. Als das neue Rundschreiben Seiner Hohen Exzellenz herauskam, Md Fürst Obolenski, der Stadthauptmann von Petersburg, sehr mit Recht, daß es sich llicht ntit der alten Verfügung in Einklang bringen lasse. Es mußte also ein Weg gesmldeu werden, diesen Widerspruch auszngleichen. Wie gtlt, daß die russische Polizei llicht nur gerecht llnd uilbestechtich, sondern auch erfinderisch ist! Befehl: „Die Verordnung des Ministers des Innern, derzufolge den ans gesiedelten Judeil, die Verwandte in Petersburg hnveu, der Aufenthalt in der Restdeuz gestattet ist, muß dahin ergänzt werben, daß die Aufenthattsberechtigullg rmr bann 'begründet erscheint, iveuil die betreffenden Flüchkliuge in der Wohnung ihrer Verwandten leben." Rußland ist eilt lveites Land. Es ist eilt gutes, treues Mütterchell, das für die Seinigen sorgt, ihnen Arbeit gibt und Brot. Natürlich immer unter der Boraussttzullg, daß es sich u>m gut orthodore Uiltertanen des Zaren handelt. Wieder geht Zug uan Zllg in die Sarmatische Ebene hinaus atnd trägt bis über die uralische Grenze die elenden Nachkommen Ahasvers. Dort aut Ural ist Arbeit, dort braucht mau rührige Hände, offene Köpfe, dort lverden sie Brot sind eil. Vielleicht etn hartes Brot, aber doch Brot. Frau und Kind lucrben ein Obdach haben, und der Manu wird für das Esseil sorgen. Inzwischen hat ja Herr Chavostow an der Budgetkommisstoal deutlich erklärt, ,-d a ß d i e R e g e l u it g des A at f e tt t h a I tsre cht e s d e r I ll d e rt ihm am Herzen liege, und daß er keinerlei feindl iche H a itdl u ngen ge g e u i r g e itdlv e lche fr em d e Nationalitäten z-u l ais,se ll lv e r d e". Offenbar in richtiger Anffassnug dieses ministeriellen Hinlveises verfügte der Gouverneur voll Perm, daß es beit Juden nicht erlaubt sei, sich in Dörfern des uratrschen Fabrikgebietes niederzu lassen; auch nicht in so'lchell Ortschafteil, wo sich Bergwerke und Gruben befändetl. Es ist aber geroiß llicht nötig, nach denr Ural zu gehen, um sich von der Art zu überzeilgeu, -in der die russische Negierung die jüdischen Untertanetl, die ihre Söhne ills Feld geschickt haben und ihre Häuser in Trüimnter . fallen sahen, ihres Dankes versichert. Das Bezirksgericht in Pskolv z verurteilte den -Saul Rnthen'berg, der auf dom flachen Lande mit Mehl gehandelt hatte, zu Ausweisung i-tt den jüdischen Ansiedlungsbezirk bei gleichzeitiger Konfiskation der bei ihm gefiunid'enen Ware. So arbeiten sich Verwaltung und Richtspruch harmonisch gegenseitig