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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-03-10 · Heft 10 (10.3.1916) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 10 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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112 Jude nicht gewählt werde. Es gibt eben auch Imponderabilien bei Oberrichterwahlen. Deutlicher möchten wir an dieser Stelle nicht werden, um so mehr als die Freude in der ganzen schweizerischen Judenheit eine allgemeine ist über die Wahl Dr. Mameloks. Er wird ein Kiddnsch Haschern sein als Richter, wie sein ganzes Leben bis anhin ein solcher gewesen ist. Dr. Mamelok gehört auch dem Borstand der Israelitischen Kulbusgemeinde Zürich an und bekleidet als Mitglied desselben das Präsidium der Schulpflege, dem er sich mit Eifer und Ernst in echt jüdischem Sinne widmet. In Baselland ist derzeit Dr. jur. Beith Landratspräsident, in St. Gallen der Schulpräsident der politischen Gemeinde Tr. med. Reichenbach Großratspräsident. Zwei Juden als Kammerpräsidenten und nun gar in Zürich ein Oberrichter, nachdem vor wenigen Jahren das Volk des Bezirkes Winterthur den Dr. jur. Biedermann zum Bezirksanwalt (Untersuchungsrichter) wählte. Es geht langsam, aber sicher vorwärts. * Aus A nt erit a wir uns von sehr geschützter Seite geschrieben: Der Präsident der Bereinigten Staaten hat am 26. Januar Louis D. Brandeis zum Richter am obersten Gerichtshof ernannt. Es ist zum ersten Male, daß ein Jude zu diesem hohen Autte ernannt wurde. Die Ernennung unterliegt der Bestätigung von seiten des Bundessenats, und im Falle Mr. Brandeis' macht sich eine starke Opposition geltend, da er in Fragen der Nationalökonomie, besonders des Korporationsgesetzes, als ein halber Sozialist gilt. Die bestinformierten Kreise glauben aber, daß seine Bestätigung trotz der Opposition gesichert ist. Louis D. Brandeis ist in Louisville am 13. November 1856 geboren. Sein Bater stammte aus der bekannten Prager Familie dieses Namens, der unter anderen auch der Mainzer Rabbiner Moses Brandeis entstammte. Seine Mutter war die Schwester des bekannten Anwalts des Konservatismus Louis Dembitz, der ebenfalls als juristischer Schriftsteller sich einen bedeutenden Namen erworben hat und in Louisville im Jahre 1909 starb. Die Familie Brandeis hat dem Judentum ziemlich fern gestanden, und erst in den letzten Jahren begann Brandeis, sich an der zionistischen Agitation zu beteiligen. Seinen Namen im öffentlichen Leben hat sich Brandeis, der in Boston lebt, als Anwalt des „kleinen Mannes", besonders in Arbeitersragen und in Fragen des Eisenbahnrechtes erworben. Er wurde auch,! als Mr. Wilson ins Amt trat, als Kandidat für die Stelle eines! Attorney General (Justizminister) in Aussicht genommen. * Derselbe Korrespondent sendet uns nachstehenden Artikel: Joseph Jacobs, der bekannte Schriftsteller auf jüdischem Gebiete, starb in Ionkers, einem Vororte New Horts, am 30. Januar im 62. Lebensjahre. Am 29. August 1854 in Sydney, Australien, von russischen Eltern geboren, machte Jacobs seine Studien in Eambridge und widmete sich der Literatur. Nachdem er seine ersten Sporen auf dem Gebiete der Volkskunde sich erworben hatte, begann er bei der Nachricht von den ersten Pogroms im Jahre 1881 sich mit jüdischen Angelegenheiten zll befassen. Die öffentliche Meinung Englands war damals stark gegen Rußland eingenommen, und eine Massenversammlung im Mansion House verurteilte die russische Barbarei in den schärfsten Worten. Jacobs, welcher dem Komitee publizistische Dienste leistete, schrieb einen Aufsatz über die Judenfrage, der von eitler Bibliographie der polemischen Literatur begleitet war. Gleichzeitig sammelte er Materialien über jüdische Statistik. Mit seinem Kollegen Lucian Wolf vereinigte er sich dann zu Vorarbeiten für eine anglo-jüdische Ausstellung, die 1887 in London eröffnet wurde. Jacobs unternahm später eine Sammlung aller auf die ältere Geschichte der Juden in England bezughabenden Materialien aus jüdischen ltnd nichtjüdischen Quellen, und dieses Werk unter dem Titel „The Jews of Angevin England" ist das wissenschaftlich wertvollste Erzeugnis seiner Feder. Auch seine „Quellen spanischjüdischer Geschichte" sind eine nützliche Sammlung. Durch die Freundschaft des einflußreichen Mäcens jüdischer Literatur, der! Richter Mayer Sulzberger, 1900 nach Amerika gezogen, arbeitete er als Mitglied des Redaktionsstabes der „ Jewish Encyclopedia" an diesem Werke mit trnd wurde nach dessen Vollendung als Lehrer der englischen Literatur am Jewisli Theological Seminary und als Redakteur des American Hebrew beschäftigt. Nebenbei arbeitete er auch an nichtjüdischen Zeitschriften als Spezialist für Volkskunde und jüdische Angelegenheiten. Jacobs zeichnete sich durch literarische Gewandtheit aus und leistete der jüdischen Literatur wesentliche Dienste, obwohl ihm gelehrtes Wissen abging. Ein dauerndes Monument seines publizistischen Geschickes ist das von ihm begründete Jewish Yearbook, 1896 begonnen. 3fr Im Rahmen eines größeren Aufsatzes über die Juden irr Serbien bringt das „Israel. Wochenblatt" in Zürich folgende erschütternde Schildevung von den Wirkungen des Krieges: Solange die serbischen Waffen dem Feinde Halb gebieten konnten, mochte von einer Hilfe noch die Rede sein. Sie war auf allen Seiten nötig. Ganze -Familien der Glaubensgenossen fielen den Genteinden zur Last, und beide, die astenafische wie auch die sephardische, suchtet', durch* eigene und dttrch Mittel der einzelnen Mitglieder das Elend zu lindern. Zn der Zahl der iit Serbien lebenden unglücklichen Glaubensgenossen kamen noch 1500 bis 2000 kriegsgefangene feindliche Inden, tvelche sich unter den dem Feinde abgenommenen 08 00!) Kriegsgefangenen befanden. Diese armen Leute besandeu sich in größtem Elend, zerrissen und zerlumpt, barfuß mtd vom Hunger und den Strapazen ganz erschöpft. Mit dem Siege kam aber eine andere Geisel. Die Kriegsgefangenen brachten die schreckliche Flecktyphus' epidemie in unser Land. Zirka 12 000 Soldatett und gegen 200 000 Einwohner, etwa 160 Aerzte (die Hälfte des ganzen serbischen Aerzte korps) fielen dieser Epidemie zum Opfer. Ganze Familien, gartze Dörfer wurden von ihr -ausgerottet. Selbstredend fiel auch eine Anzahl unserer Glaubensgenossen dieser Geisel zum Opfer. . . . Jedoch kam das ganze Unglück erst mit der neuen Offensiv'.' der vereinigten Deutschen, Oesterreicher nnd Bulgaren. Der erste Uebergang der vereinigten deutschen nnd österreichischen Truppen erfolgte bei Belgrad gerade an einer Stelle, tvelche als nnzngänglicli erschien nnd als solche betrachtet wurde. Die kleine Ebene vor der tatteren Festung Belgrads, welche sich zwischen dieser und dem Inden viertel ansbreitet, tvnrde rtU der geeignetste Uebergangspnnkt aus gejucht. Die ganze Umgebung, wurde einem schrecklichen Kreuzfeuer aus über 100 Kanonen ansgcseht, nnd dieses hatte zur Folge, daß dae ganze Jndenviertel zerstört mtb ein geäschert tvnrde. Noch heilte ip nicht bekannt, wieviele Opfer dieses Bombardement gefordert hat Alles, tvas nur Mittel hatte, flüchtete sich vor dein Feinde, die Armer blieben. Diejenigen, tvelche früher für unsere Glaubensgenossen ii Serbien sorgten, sind außer Landes. Die Bedürftigen blieben alleir ohne Hilfe, ohne Möglichkeit, sich -an einen Bekaunteu zu-m Sehnt', nnd um Ultterstützung zu tuenden . . . Um unseren Glaubensgenosse ztl helfen, wäre es ratsam, eine besondere Hilfsaktion einznleiten. Aus R u ssisch - P o l e tt erhalten wir folgenden Original bericht: Lublin, 31. Januar. Im Aufträge der Israelitische! Allianz zu Wien besuchte der Sekretär der Gesellschaft, Tr Armand Kaminka, die größeren jüdischen Gemeinden des vor den österreichisch-ungarischen Truppen okkupierten Teiles vv R >n s s i s ch - P o l e n , um die Hilfe für die notleidend jüdische Bevölkerung zu regeln. Er wurde von Sr. Erzellen dem Generalgouvernenr Freiherrn v. Dill er, vom Stellver. treter desselben, Fürsten Hugo D i et r i ch st e i n, von Generalmajor Lustig v. Preanseld nnd den Chefs de

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