Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1916)
- Date
- 1916-03-10
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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110 zn, das; sw ein Mangelhaft entwickeltes Ehrempfindcn besitzen, ist aber der Ueberzeugung, daß in den Ostjuden ein wichtiges Kulturelement steckt, wenn sie allmählich und langsam aus ihrem Ghetto herausgezogen werden. Am stärksten wird der Zionismus ausgesprochen in den Aufsätzen von Bvdenheimer „Einwanderungsbeschränkung der Ostjuden" und in Franz Oppenheimers Ausführung „Nationale Autonomie für die Ostjuden". Bei Bvdenheimer findet sich das eigenartige Bekenntnis: „Es berührt aber merkwürdig, im Znsanrmenhang mit der Frage des Grenzschutzes, Wohlwollen für die zionistischen Bestrebungen in Kreisen zu finden, die bisher den Juden wenig geneigt waren. Es ist für die Juden 'licht erfreulich, sich auf diese Art nach dem Muster jenes Pfarrers, den die Gemeinde lossein wollte, aus ihrem Lande U'eggelobt zn sehen." Oppenheirner braucht in seinem Aufsatz einmal den Satz: „Man hat den Polen oft die staatsbildende Fähigkeit abgesprochen. Wir glauben nicht an diese böswillige Fabel." Dagegen muß man doch sagen, daß, wer die Geschichte Polens wirklich unparteiisch verfolgt, erkennen muß, daß der Satz viel mehr als eine Fabel ist. Oppenheimer verlangt für die Ostjuden nationale Autonomie, nicht in dem Sinne eines jüdischen Staates, sondern in dem, daß das Judentum nicht als Glaube, sondern als Nationalität zu gelten habe. Er sagt: „Wenn eine ausreichende Zahl von Juden ihren Willen dahin ausdrückt, eine allgemeine Sprach- und Kulturgemeinschaft bilden zu wollen, so verlangt das gleiche Prinzip der Gerechtigkeit, daß man diesen Willen anerkennt und in gesetzmäßiger Form zum Ausdruck bringt." Das ist eben der unüberbrückbare Gegensatz zwischen der Ansicht der Zionisten und unserer eigenen. Wir vermögen nicht anzuerkennen, daß die Juden in irgendeinem Lande etwas anderes sind als Bürger des Staates, daß sie also nicht eine besondere, von den anderen getrennte Abteilung bilden können oder dürfen. Oppenheimer dagegen ist der Ansicht, daß jüdische Matrikeln eingerichtet werden sollen. Er wendet sich, und auch darin besteht ein unvereinbarer Gegensatz zwischen seiner Ansicht und der der wirklich deutschgesinntcn Juden, gegen die Polonisierung der Schulen ebensostark wie gegen ihre vollständige Germanisierung, plädiert für den Jargon und meint, daß die Juden sich die Sprache aussuchen sollen, die sie zu sprechen wünschen. Ich will außer dem, was ich bei Aufführung der einzelnen Aufsätze gesagt, nicht aufs neue Kritik üben, hoffe vielmehr, möglichst objektiv über die einzelnen Aufsätze berichtet zu haben. Ich will noch hinzufügen, daß Walter Lewin über den Zionismus unter dem Gesichtspunkt türkisch-deutscher Zukunftspolitik spricht, Lazar Abramfon über den „Ostjüdischen Rabbiner", Alexander Eliasbcrg über den Chasidismus. Auch in diesen Aufsätzen werden die schwerwiegenden politischen Fragen, die uns gegenwärtig beschäftigen, wenigstens gestreift. So wenig ich mit den Anschauungen, die von den meisten Artikelschreibern geäußert werden, übereinstimmen kann, so erkenne ich gern an, daß eine deutsche Zeitschrift diese Fragen so. ausführlich erörtert und in einer anregenden Weise behandelt. Nur wäre es angebrachter gewesen, daß die Redaktion sich vor Einseitigkeit gehütet hätte. Es gibt glücklicherweise unter den jüdischen Schriftstellern noch gar manche, die diese Angelegenheit nicht vom zionistischen Standpunkte aus ansehen. Warum gelangen nicht z. B. Hermann Cohen und seine Gesinnungsgenossen' zum Wort? Wäre Alfred Philippson nicht mindestens ebenso geeignet gewesen, über die jüdische Kolonisation Palästinas zu sprechen, als der Oberleutnant Hans Rhode? Das Heft muß notgedrungen den Eindruck Hervorrufen: so denken die Juden oder die Mehrheit der intelligenten Juden über die Ostjudenfrage. Das ist aber unserer Ueberzeugung nach absolut nicht der Fall, sondern es ist immer nur das kleine Häuflein turbulenter, rühriger und schreibseliger Herren, die es verstehen, sich überall in große deutsche Zeitungen und Zeitschriften einzunisten und die Redaktionen und das Publikum glauben zu machen, daß sie wirklich die Ueberzeugung der Juden vertreten. In Wirklichkeit ist das nicht der Fast, und es ist nur zu hoffen und zu wünschen, daß die bestimmenden deutschen und österreichischen Kreise sich von diesen gewiß ehrlichen, aber einseitigen Lärmmachern nicht ins Schlepptau nehmen lassen. I.. G. Sie Woche. Berlin, den 7. März 1916. er kräftige deutsche Vorstoß bei Verdun ist zwar im Laufe der verflossenen Woche nicht so mächtig und mit so bedeutenden Erfolgen weiter fortgeschritten, wie die Optimisten meinten und die Freunde unserer gerechten Sache hofften. Aber er hat wichtige Resultate ergeben: außer einer überaus stattlichen Anzahl Gefangener und reicher Kriegsbeute auch die Gewinnung des Dorfes Douaumont. Daß er weiter ausgenommen werden wird, daran zweifeln wir ebensowenig wie daran, daß er von schönen Wirkungen begleitet sein wird. Zu einer solchen Hoffnung berechtigen uns auch die sehr kleinlichen und ängstlichen Darstellungen vernünftiger Franzosen, während die amtlichen Heeresberichte unserer Gegner ebenso wie früher bereit sind, unsere Taten zu verkleinern. Wie so oft bei Niederlagen — das ist eine merkwürdige Sitte, wie sie bei unseren Gegnern üblich ist — hat der Präsident der französischen Republik seine Truppen beglückwünscht, und wir hoffen nur, daß er recht häufig Gelegenheit haben wird, durch derartige Glückwünsche die Geschlagenen zu trösten. Unsere Gegner beraten weiter, statt zu handeln. Jetzt sind sie bemüht, schon darüber zu verhandeln, wie sie bei künftigen Handelsverträgen mit Deutschland gemeinsam Vorgehen wollen, und sind übereingekommen, daß kein Staat einzeln mit Deutschland Handelsverträge schließen darf, sondern daß dies nur gemeinschaftlich zu geschehen hat. Von der berühmten großen Frühjahrsoffensive unserer Gegner verlautet bisher noch nichts. Nur die englischen Truppen haben einzelne kleine Vorstöße versucht, die von gewissen Erfolgen begleitet gewesen zu sein scheinen. Unsere Heeresleitung hat in gewohnter Aufrichtigkeit diese kleinen Teilerfolge zugestanden. Unser Verhältnis mit Amerika ist höchst gespannt. Der Präsident Wilson will unseren Standpunkt, daß wir das Recht haben, bewaffnete Handelsschiffe auch ohne Warnung zu torpedieren, nicht anerkennen und scheint diese Angelegenheit zu benutzen, um zum Kriege zu treiben. Während er zn einem solchen Verfahren und zu seiner unerklärlichen Nachgiebigkeit gegen alle englischen Forderungen und seinem unwürdigen Kleinmut gegenüber englischen Verunglimpfungen möglicherweise durch Vertrüge oder durch geheime Abmachungen mit England gebunden ist (was freilich von anderer Seite in Abrede gestellt wird), macht sich im amerikanischen Kongreß und in der Presse der Vereinigten Staaten ein starker Widerstand gegen seine Anschauungen geltend, der nicht gerade von Deutschfreundlichkeit diktiert, sondern von Friedenssehnsucht und von vernünftiger Erwägung der Verhältnisse bestimmt ist. Ein Bruch mit Amerika wäre natürlich unseres Handels wegen und wegen der vielen deutschen Schiffe, die in amerikanischen Häfen stationiert sind, äußerst bedenklich. Anderseits wäre die vollkommene Freiheit, die der Tätigkeit unserer Unterseeboote für den Fall gewährt ist, daß wir keinerlei Rücksicht auf Amerika zu nehmen hätten, von hoher Bedeutung.