Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108 für das Fehlen der Jugend sein sollte. Und nun waren sie gereiste Männer, wo aber blieb der Ersatz, die erwartete Entschädigung? Von allem beraubt, blieb ihnen nur die Peinigende Gabe des unvollendeten Wissens, die den spitzen Stachel unerfüllbaren Sehnens nur tiefer in die Seele drücken mußte. Was sollten sie mit dieser halben Gabe beginnen? Wie den Durst nach mehr stillen? Wie sollten sie das Stückwerk im elenden Heimatsdorfe verwerten, wohin sie ja zurückkehren müßten? Baruch warf wieder einen forschenden Blick auf Gabriel, als erwarte er von ihm eine Antwort. Doch dieser schlief noch immer, und nur die verzerrten Gesichtszüge und die dichtgefaltete Stirn ließen auch bei ihm die seelenbeängstigende Arbeit seines Gehirns erkennen. Eine ganze Weile sah Baruch mitleidsvoll auf den Schläfer nieder; bald aber umspielte wieder ein bitterer Fug seine dünnen Lippen. Warum sollte er sein Mitleid sür einen Fremden verschwenden, da er es ja ganz gut für sich selbst gebrauchen konnte? Freilich war er mit seinen stämmigen Armen besser sür den bevorstehenden Lebenskampf ausgerüstet, besser geeignet, der traurigen Wirklichkeit entgegenzutreten. Allein war nicht sein Herz ebenso zart besaitet wie Gabriels? War nicht auch sein eigenes Seeleninstrument so fein abgestimmt, um bei den Schicksalsschlügen ebenso zu zittern? Gleich Gabriel fühlte auch er sich berufen, die glorreiche Höhe zu besteigen, von wo auch er, den Sternen gleich, Licht und Erkenntnis ans die Tieferstehenden niederstrahlen lassen lvollte! Gabriel hatte recht, Furcht macht grausam, und da er für die Zukunft fürchtete, so wollte er kein Mitleid kennen, weder für sich, noch für seinen Jugendgenossen, noch für irgendein anderes Wesen! Wollüstig wollte er jede Spalte und jeden Winkel seines gemarterten Herzens mit Haß und Rache ausfüllen, und es wäre sinnlose Raumverschwendung, auch noch jenes weibische, wässerige Empfinden in sich anfznnehmen! Nein, nein! Eisenfest, stahlhart soll sein Herz keinem anderen Gefühl zugänglich sein! Rache, unauslöschliche Rache, unversöhnlicher Haß den Machthabern, die eine Seelenmarter erfunden, gegen welche die kvrpertvuende spanische Inquisition nur Kinderspiel gewesen. Seine Geisteskraft, seine Intelligenz, die bisher aller Not gespottet, allem Elend Trotz geboten, sie würde fortan noch riesenhaft ivachseu, mit seinen rächenden Arm zu stählen, mit seine Vergeltung erfolgreicher zu gestalten, und ob er aitch Jahrzehnte daraus warten sollte. Wie ein ertappter Dieb sprang er jetzt vom Bette zurück, als er Gabriels weit geöffnete Augen auf sich gerichtet sah. „Steh auf!" rief er barsch, um seine galligen Empfindungen nicht zu verraten. „Ter Tee ist warm, und wir haben nicht viel Zeit zu verlieren. Tu weißt, hohe Herren warten nicht gern." Tas ärmliche Frühstück, atis Tee und Schwarzbrot bestehend, war bald verzehrt, und nach wenigen Minuten schon waren sie bereit, den folgenschweren Gang zum Präfekten anzutreten. Dennoch zögerten sie und machten sich hier und da noch unnötig zu schaffen, als wollten sie die Entscheidung so lange als möglich hinausschieben. Sie empfanden den tiefen Ernst des Augenblicks. Gabriels Gesicht war aschfahl, und ein heftiges Zittern erschütterte seinen Körper. Mit leiser Stimme sprach er: „Baruch, was auch komincn mag, das eine ist sicher . . . ." „Daß man uns noch heute ausweisen wird," unterbrach ihn dieser rauh, während ein herzzerreißendes Lächeln seinen Mund verzerrte. „Baruch. ich bitte dich, laß deine zynischen Scherze in dieser ernsten Stunde. Was ich sagen wollte . . . ." Baruch unterbrach ihn abermals: „Was du sagen wolltest, iveiß ich ganz genau. Wir sollen jetzt ein bißchen „Dämon und Pythias" spielen, oder, da wir Juden sind, lieber „David und Jonathan"! Doch, das ist gerade, was ich vermeiden möchte. Sentimentale Freundschaften zu pflegen, werden wir noch später Zeit genug haben. Jetzt aber komm!" Als sie eine Stunde später das Regierungsgebäude betraten, waren die anderen Leidensgefährten bereits anwesend, lebhaft und unbefangen miteinander Plaudernd. Baruchs düstere Prophezeiung schien für sie nicht vorhanden zu sein, und erst, als sie in das Vorzimmer geführt wurden, verstummte die Unterhaltung nach und nach, und an deren Stelle trat ein beängstigendes Schweigen. Und die ängstliche Stimmung steigerte sich noch, als kurz nach elf Uhr der erste Student, dessen Name mit A anfing, ins Heiligtum des Präfekten gerufen wurde und nach einer Minute schon der zweite, nach einer weiteren der dritte und so fort in mechanischer, alphabetischer Reihenfolge. Allerdings war es schon vorher bestimmt worden, daß jeder einzeln dort erscheinen — russische Präfekten lieben es nicht, Massenabordnungen zu empfangen — und sein Anliegen vortragen sollte: allein die Geschwindigkeit, mit welcher jeder einzelne abgefertigt wurde, befremdete die Zurückbleibendeu nicht unerheblich, und dieses Gefühl erfuhr noch eine Steigerung, als keiner von den Gerufenen nach dem Vorderzimmer znrückkehrte, sondern sicherlich durch eine andere Tür entlassen wurde. Dieses geheimnisvolle und vorsichtige Gebaren war durchaus nicht hoffnungerweckend, und einer sah den anderen bekümmert an und bemühte sich, herauszufinden, wieviel von seiner eigenen Aengstlichkeit im Gesichte des anderen sich widerspiegelte. Als Baruchs Name aufgcrufen wurde, trat auch Gabriel unwillkürlich einen Schritt vor. Diese impulsive Bewegung machte es Gabriel klar, wie sehr der andere sein zweites Ich geworden. Er wollte diesen Gedanken noch weiter ausspinnen, als er durch den Eintritt einer stattlichen, weißhaarigen Dame in seinem Gedankengang unterbrochen wurde, die nach einem leeren Blick auf die Bittsteller ohne vorherige Anmeldung in das Zimmer des Präfekten eintrat. Ohne zu wissen warum, starrte ihr Gabriel nach, wie wenn sie eine überirdische Erscheinung wäre. „Es ist die Baronin," flüsterteu sie einander zu, und jeder hatte die Frage auf den Lippen, was ihr Erscheinen wohl zu bedettten haben möge. Sicherlich nichts, was die Studenten interessieren konnte! In jedem Falle verlor die Audienz durch die Anwesenheit einer Dame einen Teil des starken, offiziellen Eharakters. Gabriel war es beschieden, die Ursache ihres Erscheinens zu erfahren. Bei seinem Eintritt hörte er sie zu dem Präfekten sagen: „Lieber Sergi, du weißt doch, wie ungehalten die Großfürstin ist, wenn die Gäste ans sich warten lassen, und bei deiner üblen Gewohnheit, über deine Geschäfte die gesellschaftlichen Pflichten zu vergessen, hielt ich es für geraten, dich lieber selbst daran zu erinnern. Habe ich recht getan, lieber Sergi?" „Gewiß, meine Liebe, wie immer," lächelte er ihr freundlich zu. „Doch heute hättest du nicht nötig gehabt, dich zu bemühen; ich bin gleich fertig. Es sind außer diesem nur noch zwei W und ein einziger Z zu erledigen, dann bin ich fertig." Geschäftsmäßig kramte er in den Papieren, die vor ihm lagen. „Schmulikof- Schmnlikof-ach ja. Das sind wohl Ihre Zeugnisse: sehr nett, sehr schön. Nur tut es mir leid, daß ich der Entscheidung der akademischen Behörde nicht entgegentreten darf. Innerhalb vierundzwanzig Stunden müssen Sie Odessa verlassen!" Er war gerade im Begriff nach dem Klingelzug zu greifen, um auch diesen Bittsteller, wie alle anderen, hinausgeleiten zu lassen, als die Baronin mit einer schnellen Bewegung seinen Arm festhielt. (Fortsetzung folgt.)