Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 England, vielfach auch gegen Frankreich und Rußland. Für unsere Zwecke sei das Berschen notiert: Des Zaren Judenerlaß. „Meine lieben Juden" — unsterbliches Wort! Väterchen hält den Witzrekord. Man kann sich aus diesen Versen eine Vorstellung des ganzen Merkchens machen, das, da die Gesinnung gut ist, nicht unter das kritische Messer genommen werden kann und soll. Eine Sammlung22), die viel höher einzuschätzen ist, soll in unmittelbarem Anschluß an die genannten Gedichtbücher erwähnt werden, obgleich sie weit mehr Prosa enthält als Verse; allerdings bringt ein Abschnitt einen „Blütenstrauß aus der deutschen Kriegsdichtung". Es sind zumeist Aussprüche unserer Denker und Dichter, in mannigfache Abschnitte geteilt: „Vom Erleben des Krieges; Fremde Staaten ohne Maske gesehen; Allgemeines und Einzelnes über den Kriegs- Krieg und Religion." In dem letzteren Abschnitt tritt natürlich das Protestantische stark hervor, aber es findet sich nichts Antijüdisches. Sehr hübsch sind die Abschnitte „Rührende Beweise von Vaterlandsliebe". Daß auch besondere Abschnitte Bismarck und dem Kaiser gewidmet sind, sei kurz hervorgehoben. Der Verfasser sagt zwar ausdrücklich, daß er bei den einzelnen Aussprüchen nicht die Quelle angebe, doch muß ich dieses Fehlen bedauern, denn man hätte gern bei den einzelnen Gedanken gewußt, von wem sie herrühren. Selbstverständlich wiegt im allgemeinen der Ernst vor; der Humor kommt selten zu seinem Recht. Ich will hier einen Vers hervorheben, obwohl er gewiß nicht zur Charakteristik der ganzen Sammlung dient, weil er eine recht niedliche, humoristische Wendung besitzt. Wo wir auch in diesen miesen Zeiten Unsere knickebein'gen Wege schreiten, Allerorten klingt uns arnren Hascheln Diese Mahnung in die Ohreuwascheln: Strecke, Mensch, dich zünftig nach der Decke, Sonst bringt dich der arge Feind zur Strecke! Willst du dich nicht nach der Decke strecken, Mußt du (Schüttelreim) die Strecke decken! Kurz, wohin wir unsre Nasen stecken, Immer heißt es: Strecken, strecken, strecken! Alles streckt man, Nahrung, Heizung, Licht, Bloß die Waffen, nee, die streckt man nicht. Eine Masse anderer kleiner Kriegspublikationen, die alle schon im Büchereinlaus genannt sind, sei hier nur ganz kurz zusammengestellt: „Feldgrau" (Verein Feldgrau), eine hübsche kleine Bildersammlung von Soldatenbildern und Schlachtenszenen. Das einer in der vorigen Uebersicht angeführten Sammlung angehörige Bändchen „Siegesopser"26) enthält nur zwei tragisch -endende Geschichten. Die eine, Ziemlich unwahrscheinlich, schildert die Heldentaten eines deutschen Offiziers, der durch eine ungewöhnliche Fähigkeit, sich französisch auszudrücken, unterstützt, sich in das belgischenglische Hauptquartier schleicht, durch Mißbrauch des Telephons die wichtigsten Nachrichten erfährt und den Feinden die schwerste Schädigung bereitet, schließlich seinem Heldenmut zum Opfer fällt. Die andere, der „Einfall", berichtet von dem heroischen Untergang der Bewohner eines deutsch-lothringischen Grenzdorfes, doch ist die Darstellung eines Spions in der Geschichte der schönen, mutigen Försterstochter etwas konventionell. Auch andere Bändchen derselben Sammlung, von denen der „OZeanslug"27) allerdings mit dem Kriege gar nichts zu tun hat, und Luftschiff und Liebesabenteuer etwas seltsam vermengt, die Sammlung von Scher28) im ganzen recht minderwertig ist, sind hervorzuheben. Recht empfehlenswert ist die Sammlung „Heldinnen"2«). Sie führt 25) Heiliges Vaterland, vergiß es niemals wieder, niemals! Eine Sammlung der herrlichsten Gedanken unserer großen Zeit, zu einem deutschen Volkskatechismus zusammengestettt von Wilhelm Franz. Berlin 8W 11, Concordia, Deutsche Verlagsanstalt G. m. b. H. 1915. 2b) Siegesopfer. Kriegsbilder von Richard Sexau. 1915. Reuß u. Jtta. Konstanz. 27) Der Ozeanflug. Novelle von Leonhard Adelt. 1915. Reuß u. Jtta. Konstanz. S8) Kampf und Lachen. Von Peter Scher. 1915. Reuß u. Jtta. Konstanz. 29) Heldinnen. Kriegserzählungen zu Ehren unserer tapferen Frauen. Ausgewählt von Walter Jerven. 1915. Reuß u. Jtta. Konstanz. nicht etwa Kriegsteilnehmerinllm vor, sondern Heroinen in den Sinne, daß wackere Frauen sich Entbehrungen auferlegen, Opfer, dü ihnen zugemutet werden, standhaft und lächelnd tragen. Besondere schön ist die Erzählung „Schwester Bertha", die Geschichte einer tapferen, entsagungsvollen Frau, die bei dem tiefsten Leide ihrer Seele ihrem Verderber gegenüber fast übermenschlich ihre Pflicht erfüllt. Einige geschichtliche Arbeiten sind Oesterreich, Preußen und Schwaben gewidmet und wollen dartun, wie der deutsche Geist in diesen drei Landschaften etwa vor 100 Jahren tätig war. Die Aufgabe wird aber in sehr verschiedenartigem Weise gelöst. Ganz unbedeutend ist die Arbeit über Oesterreich?«) Man erfährt weder von Grillparzer noch von dem österreichischen und speziell Wiener Geiste etwas Neues oder Bemerkenswertes. Der rechte Mittelpunkt fehlt, das Ganze ist höchst wortreich und unbedeutend. Besser und einheitlicher ist die Schrift unseres Julius Bab2*) über Preußen, doch vermag ich nicht völlig mit ihr übereinzustimmen. Bal überschätzt Kleist als Patrioten, während er das Dichterische in Kleist wohl erkennt und gut darstellt. Der Historiker, der die Vergangenheit versteht, wird Kleist' allzu aristokratisches Streben und seine unmännliche Verzweiflung an dem Geist des preußischen Volkes eher verdammen müssen, als bewundern dürfen. Nicht Kleist, sondern Männer wie Stein und Hardenberg sind unsere Retter in jener trüben Zeit gewesen. Hätten alle so gedacht und gehandelt wie Kleist, so wäre Preußen und Deutschland mit ihm untergegangen und verdorben. Man kann einem großen Dichter, und das war Kleist sicherlich, seine gebührende Stellung einräumen, aber man hat damit nicht das Recht, historische Tatsachen auf den Kopf zu stellen. Ganz vortrefflich ohne jede Einschränkung zu loben ist die Schrift über Schwaben22). Sie enthält wirklich Neues, nicht unnötig. Aufgewärmtes. Die Charakteristiken von Schiller, Hegel, Liszt und Pfitzer, Nümelin und Uhlaud in ihrem Wirken für Schwaben und Deutschland sind in jeder Beziehung sehr zu loben. Man sollte meinen, daß zum Beispiel über Schiller und Uhland kaum etwas Neues zu sagen wäre, und doch sind die Abschnitte unseres Büchleins vortrefflich. Ganz ausgezeichnet ist auch der Abschnitt über Liszt, welcher in einer populären Schrift wohl zum ersten Male so klar gewürdigt worden ist. Schon dieses einen Büchleins wegen ist die ganze Sammlung auss wärmste zu empfehlen. Allgemeine Rückblicke gewährt ein Kalender22), der durch seine hübschen Bilder und unterrichtenden Feldpostbriefe den Lesern ungetrübte Freude machen würde, wenn er nicht durch die empfehlenden Anzeigen der Firma, von der der Kalender herausgegeben worden ist, immer aus der geschichtlichen Betrachtung herausgezogen und in die Reklame des Tages hineingelockt würde. Den deutschen Sieg zu beweisen, d. h. die Notwendigkeit >des -deutschen Sieges zu erklären, ist das Vorhaben eines mutigen Schriftstellers2^). Er versucht gewissermaßen» die Ausländer zu entschuldigen, daß sie an die Ueberlegenheit der Deutschen nicht zu glauben vermochten, gibt interessante Schilderungen aus dem Kriege selbst, unter anderem auch Einzelheiten über die Greueltaten der Russen in Galizien aus den Berichten des Feldrabbiners A. Levh (S. 152 ff.) und bringt, was wohl das Wertvollste an seinem Buche ist, Originalbeiträge mancher hervorragender deutscher Männer, unter denen wir auch unseren trefflichen Ludwig Haas begrüßen, und stellt am Schluß weitere Dokumente hervorragender deutscher Männer zusammen, aus Zeitungsausschnitten und Briefen, unter denen sich Sätze von Rudolf Eucken, Gerh. Hauptmann, Thomas Mann und, was besonders zu erwähnen ist, Albert Neifser befinden. Wäre nicht ausdrücklich bemerkt, daß man die Originalbeiträge der 'Schriftsteller nur mit Bewilligung der Verfasser abdrucken dürfe, so hätte ich die größte Lust, die prächtigen und kräftigen 20) Oesterreich und der deutsche Geist (Franz Grillparzer). Von Willi Handl. 1915. Reuß u. Jtta. Konstanz. 21) Preußen und der deutsche Geist. Von Julius Bab. 1915. Verlag Reuß u. Jtta. Konstanz. 22) Schwaben und der deutsche Geist. Von Theodor Heuß. 1915. Reuß u. Jtta. Konstanz. 33) Ein Jahr Weltkrieg. Feldpostbriefe mit 12 Originalsteinzeichnungen und vielen Bildern im Text von Adolf Uzorski. 1915. Leonh. Tietz, Abt. Verlag. 34) Der deutsche Sieg. Ein Beweis von Hanns Withälm. Berlin 8W 11. Concordia, Deutsche Verlagsanstalt, G. m. b. H. 1915.