Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
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102 - Verwaltung augelw tene Unterstützung im Betrage von 2000 Rubel für die Flüchtlinge anzu nehmen. und erklärte: ..Wenn die christliche Bevölkerung uns für Verräter hält, so brauchen wir Dom Eenistwo keine Unterstützung." Ta verkündeten der Vorsitzende des Semstuw und der Fsprawni (Poligeiches) öffentlich, das; die Zuden keine Verräter feien, sondern ans militärischen Gründen evakuiert würden, und trafen Maßregeln. so daß der Pogrvni unterblieb. Tann erst nahm der Rabbiner die staatliche Unterstützung an. Braucht man diesen Fällen noch einen Kommentar hiuZnzufügend Werfen sie nicht ein grelles Licht auf die ruf fische Negierung? Aber das Unglaublichste ist, daß ein solcher Artikel in einem russischen Blatte erscheinen konnte, daß die Zensur ihn stillschweigend durchließ und daß das Blatt, das diese furchtbare Anklage gegen die russische Negierung wagte, nicht bestraft wurde ... * Endlich sei aus einen Artikel der „Preußischen Jahrbücher" hingewiesen. Er ist um so bemerkenswerter, als diese Monatsschrift, die, wie bekannt, vor vielen Jahren die wütenden und hämische Angriffe Treitschkes gegen die Juden brachte, seit längerer Zeit förmliches Amtsvrgan der beutfdjen Zionisten geworden zu sein scheint. Um so freudiger ist es daher zu begrüßen, daß in der Letzten Nummer des genannten Blattes ein ausführlicher Artikel von £>. Goldschmidt-Faber: „Bon Deutschen und Inden, eine Entgegnung" Aufnahme gestmden hat. Tie Entgegnung richtet sich im wesentlichen gegen die starken Angriffe, die in früheren Artikeln gegen Hermann Eohen geschleudert worden waren. Es finden sich in dem Aufsatz ferner folgende Sätze, die ich mit dein größten Vergnügen unterschreibe. „Tie deutschen Juden müssen nur die mit ihrem Klauben verbundene Liebe 31t einer heiligen Erde auf ihre neue Heimat übertragen. Das gelobte Land, das der gläubige Jude mit der Seele sucht, das von Gott zu den höchsten sittlichen Aufgaben auserwählte Volk müssen ihnen das deutsche Land und das deutsche Volk sein. Wie Fichte dem sonnenverwandten Geiste die Ausgabe zugewiesen hat, sich abzuwenden von seinem Staate, wenn dieser gesunken, und sich dorthin zu wenden, wo Licht und Recht seien, so wendet sich nach prophetischer Anschaung Gott von seinem Volke ab, wenn es nicht-Gottes Aufgaben zu erfüllen sich fähig zeigt. Die deutschen Juden, die heute kein Bolk mehr im Volke bilden wollen noch bilden dürfen, können an diesen ewigen Aufgaben nur in ihrem deutschen Vaterlande erfolgreich Mitarbeiten." Ter Verfasser, amb auch darin geben wir ihm vollständig recht, polemisiert lebhaft gegen eine vorhandene Antipathie der Juden gegen die Deutschen, wobei er nachdrücklich darauf hinweist, in welch hervorragender Weise die Juden an der Entwicklung des deutschen Geisteslebens mitgearbeitet hätten. Er bestreitet außerdem den so häufig ausgesprochenen Vorwurf der kapitalistischen Gesinnung der Juden und zeigt sodann in einer ausführlichen geschichtlichen Betrachtung viele Wesensähnlichkeiten der Deutschen «und der Juden auf. Ich bin keineswegs mit allem einverstanden, was der Verfasser sagt. Namentlich kann ich seine Gesinnung nicht teilen, daß bei dem liberalen Judentum die „Entjudung", wie er sich ausdrückt, begonnen habe. Aber ein Satz wie der folgende verdient lebhafte Anerkennung: „Der Deutsche will heute gerade das, was der Jude sich einst zur Zeit seiner nationalen Kraft und Hoffnung geschaffen hat: er will unter Führung seiner eigenen Propheten seinem überirdischen Dolksgenius auf deutschem Gotteswege nachwandeln und als deutscher Gottesstreiter dienen." Vor allen Dingen glaube ich, daß es recht gut ist, wenn wir auch in diesern Blatte die Schlußausführungen des Verfassers zitieren, die folgenden Wortlaut haben: „Die Theorie der Glaubens- und Rassengemeinschaft ist von den Erfahrungen des Weltkriegs schwer erschüttert. Während einst das Abendland zur Ehre des Christentums gegen den Islam in den heiligen Kampf zog, bekriegen sich jetzt viel erbitterter die christlichen Völker untereinander, auf beiden Seiten mit Andersgläubigen verbunden. Arische Rassen suchen einander zu vernichten und verbinden sich hierzu mit nichtarischen, germanische zu gleichem Zwecke mit slawischen und romanischen. Aber die Gemeinschaft von Boden und Umwelt, von Sprache und Kultur, von historischem Schicksal und gegenwärtigem Erlebnis, von Leid und Freud, von Tod und Sieg in einem Existenz- und Freiheitskampf ist ein fester Kitt und wird vielleicht auch die Deutschen ohne Unterschied von Glarrben, Rasse und Klasse fester zusammenschmieden zu einer ihres Deutschtums bewußten Nation, die mit vereinter Kraft gegen jede neue Drohung zusammensteht. Das Geschick hat uns eine Heimstätte zwischen begehrlichen Nachbarn rechts und links angewiesen. Diese Gefahr kann uns zum dauernden Segen werden, wenn sic uns niemals in Besitz und Genuß erschlaffen läßt und uns immer mahnt, die Kraft nach außen nicht durch Glaubens-. Rassen- und Klassenstreit im Innern zu schwächen." Lin Breslauer Maler. I' Heinrich Tischler Rops eines Juden. n der Breslauer Kunstwelt, die größer und reicher ist, als man in dem bevorzugten Süden und Westen des Reiches glaubt, nimmt ein noch sehr junger Maler, der dreiundzwanzigjährige Heinrich Tischler, eine Sonderstellung ein, die berechtigt isi, das Interesse der gebildeten jüdischen Kreise auf ihn zu lenken. Tischler bevorzugt in der Wahl seiner Motive die Juden, und zwar die Märtyrer des Ostens, und wie er sie malt, das spricht ebenso für sein Können wie für sein Herz. Da ist ein großes Bild: „Betender Jude" der nicht nur die inbrünstige Andacht des Frommen zeigt, sondern ein begeisterndes Glaubensbekennen, ein heiliges Empfinden zu dein Beschauer spricht- Eines seiner besten Bilder zeigt ein altes jüdisches Ehepaar (Polen). Das Mütterchen sorgenvoll, vergrämt, traurig — der Gatte hinter ihr stehend, zärtlich, tröstend, liebevoll um die treue Gefährtin seiner Jugend besorgt — das Bild atmet die innige Gattenliebe, die so kennzeichnend für den Juden und eine seiner selbst von Feinden anerkannten Kardinaltugenden ist. Wahrhaft Aufsehen erregt ein virtuos gemaltes Genrestück: „Drei Schnorrer" - ein Trio von Paradeexemplaren dieser nicht umznbringenden Plagegeister.— Köpfe voll Pfiffigkeit, Schalkheit, in den Augen jenen famosen Witz, der die stärkste Waffe der Enterbten des Lebens bedeutet. Der Kritiker Labischin nannte den jungen Tischler eine der stärksten Hoffnungen der östlichen Kunst; wer seine Bilder sieht, insbesondere jeder fein empfindende Jude, wird sich von ihnen nicht nur ästhetisch hoch befriedigt, sondern auch angeheimelt und ans Herz gerührt finden. Clemens Berg.