Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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101 habe, ba Oberregieruugsrat Seiler, der durch seine Kenntnis oer einschlägigen Verhältnisse und durch das Vertrauen israelitischer Kreise die berufene Persönlichkeit für die Durchführung der schwierigen Revision gewesen wäre, im Kriege gefallen sei. — Bei diesem Anlaß sei nachgetragen, daß gelegentlich der Besprechung des Militäretats im Finanzausschuß der Kriegsminister, Freiherr Kreß v. Kressenstein, aufs entschiedenste den Verdacht abwies, israelitische Soldaten und Unteroffiziere würden als weniger brauchbar oder weniger beförderungsgeeignet von der Front zurückgehalten oder bei weniger ausgüchnungsfähigen Truppengattungen zurückgehalten. * Ein buntes Allerlei von Nachrichten möge folgen. Ueber die Juden in Saloniki bringen die „Deutschen Nachrichten" in Berlin nachstehende Notiz: Saloniki ist eine wahre Judenstadt, da die reichliche Halste der Einwohner Juden sind und die Stadt mehr Synagogen als Mosch.'en und Kirchen zusammen zählt. Diese Juden sind spanischer Herkunft (Sephardim). Obgleich sie ihrer Religion treu sind und auch ihre alten Sitten bewahren, besonders ihren regen Familiensinn sich erhalten haben, freilich auch noch manchen abergläubischen Brauch pflegen, kleidet sich doch schon ein großer Teil von ihnen europäischmodisch und ersetzt die alten jüdischen Namen durch deutsche, ab und zu -auch durch englische, französische. Rüben wird Robert, Elieser Karl, Chaim zu Hektar oder Heinrich. Menochem wird in Michel oder Max geändert. Auch die Mädchennamen werden umgewandelt. Tamer heißt jetzt Therese, Miriam geht selbstverständlich in Marie über, wie Perla in Margarete, Malka wird zu Olga. Der Sabbat wird nicht mehr so streng gefeiert wie früher, da an ihm kein Lchiff im Hafen laden oder löschen konnte, weil die Lastträger, die ausschließlich Juden waren, an diesem Tage nicht arbeiteten. Nur die Geschäftslokale sind geschlossen, in den Kontoren aber wird in der Neuzeit gearbeitet und die jüdischen Banken halten wenigstens bis Mittag offen. * Von „Jiddisch als Amtssprache" weiß die „B. Z. am Mittag" folgendes zu melden: Der „American Israelit" läßt sich aus London melden, .die d e u t - scheu Behörden in W ar s ch a u beschränkten die Rechte der Juden und behinderten insbesondere die Verbreitung der jiddischen Sprache, des sogenannten Jargons. Den Beweis des Gegenteils erbringen, wie die „F. Z." meldet, einige amtliche Bekanntmachungen, aus denen zu ersehen ist, daß ein deutscher Polizeipräsident, daß sogar der Generalgouverneur sich trefflich auf Jiddisch auszudrncken gelernt haben. Die erste Bekanntmachung lautet: „Der Termin sich einzumelden in der Gew.erberole wert verlengert bis'm 29. Februar 1916 .... Gesellschaften müssen anmelden seier Firme, a chnz dem müssen besunder gemeldet werden die beschäftigte Direktoren ltnb steierflichtige Angestellte. Lodz, 28. Januar 1916. Der Kaiserlich deutsche Polizei-Präsident, v o n Ope m." Die Ueberschrist einer anderen amtlichen Bekanntmachung lautet: „Verordnung b'nangea der Einführung von allgemeinem Paß- Zwang". Dann Ale Personen turnen General Gouvernement musen alt werd-endig 15 Johr hoben a Paß und dem dösigen ständig trogen bei sich. Wegen Verlieren a Paß muß teikef gemeldet weren der Ausgabeschtel. Der G e n e r a l g o u b e r n c u r von Beseler, General vun Infanterie. Dem „Neuen Wiener Journal" entnehmen wir eine längere Ausführung über die jüdischen Kriegsflüchtigen in Rußland, die, wenn sie auch manches Bekannte wiederholt, doch als Dokument über sehr traurige Zustände ausbewahrt werden soll: Aus Kopenhagen schreibt man uns: Die in Moskau erscheinende Zeitschrift „Jewreistaja Nebelja" veröffentlicht -erschütternde Einzelheiten von den Leiden der jüdischen Kriegsslüchtlinge, die von der russischen Negierung gewaltsam aus den Gebieten entfernt wurden, die nun von den siegreichen deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen besetzt sind. Die Zahl dieser Flüchtlinge beträgt etwa 300 000. Ihre materielle Lage ist mehr als trostlos, da sie nur auf die private Unterstützung angewiesen sind und die jüdischen Gemeinden in Rußland nicht so reich sind, um die Kosten zu bestreiten. Wenn man rechnet, daß die Flüchtlinge bloß 20 Kopeken pro Person täglich erhalten, so benötigt man hierzu ein Tageskapital von mehr als 100 000 Rubel oder jährlich 36 bis 37 Millionen Rubel! Und woher diese Niesensumme nehmen? Gewiß haben diese Evakuierten und Flüchtlinge, wie die andere Bevölkerung, die durch den Krieg gelitten hat, Anspruch auf die staatliche Unterstützung, aber bei der besonderen Lage der Juden in Rußland ist es schwer anzunehmen, daß die reaktionäre russische Regierung eine größere Aktion unternehmen wird, um diesen Bedauernswerten unter die Arme zu greifen. Ein Mitarbeiter der „Jewreiskaja Ned-elj-a" schildert ergreifend die Ankunft solch eines Transportes jüdischer Flüchtlinge in einer kleinen südrussischen Stadt. Schmutzig, in zersetzte, abgerissene Kleider gehüllt, drängen sie sich auf den dunklen Hof der alten Synagoge. Die Armen stehen dicht einer neben dem anderen, als ob sie fürchteten, daß inan sie wieder auseinanderjag-en würde. Der Mitarbeiter schaute in das Frauenabteil der Synagoge hinein, wo das Nachtlager für die Flüchtlinge hergerichtet war. Trotz der späten Stunde schlief niemand. Müde von der langen Reise in Biehwaggons, zermürbt von den seelischen Leiden saßen die Evaluierten, hauptsächlich Frauen und Kinder, auf den Strohsäcken und Bänken und sahen düster vor sich hin. Eine junge Frau, die von vielen Kindern umringt war, schluchzte laut auf. Mau erzählte mir, berichtet der Journalist, daß sie aus S-lobodka sei. Sie hatte eine große Fleischhauerei. Ihr Mcmn fuhr in die Dörfer und kaufte bei den Bauern Vieh ein. Er hatte -einen Kompagnon und die Leute lebten gut. Eine Stunde vor der Abreise der Familie des Kompagnons starb plötzlich seine Frau. Der Manu erschrak darüber so sehr, daß er das einzige Kind ergriff und das Haus verließ, und seit der Zeit ist er spurlos verschwunden. Als die Nachbarn hiervon erfuhren, eilten sie zu Hilfe. Aber die Leute hatten wenig Zeit, denn Großfürst Nikolai Niko-lajewitsch hotte den Befehl erteilt, daß die jüdische Bevölkerung. bis zu einer bestimmten Stunde die Stadt verlassen müsse, und wer nach dem festgesetzten Termin noch angetroffen würde, sollte schonungslos nie^ergeknallt werden. So mußten die Leute fort, und die russische Polizei gestattete nicht einmal, die Leiche der Frau zu beerdigen. Die christlichen Parteien des Hauses haben dann die Tote zur ewigen Ruhe auf den jüdischen Friedhof gebracht. Was mit dem plötzlich zunr Witwer gewordenen Manne geschehen ist, konnte nicht festgestellt werden, und deshalb grämt sich die Frau so sehr. Da die meisten der Evakuierten Frauen und Kinder waren, fragte der Korrespondent, wo denn die Männer wären, und erhielt die Antwort, die russische Regierung verwende die Männer Zwangsweise zu militärischen Zwecken. Mit uns fuhr im Viehwagen, erzählte eine junge, abgehärmte Frau, ein Soldat, welcher von der Front kann Er war verwundet und durfte auf kurze Zeit auf Urlaub gehen. Doch als er in seinem Städtchen emtraf, da wurden gerade auf Befehl der russischen Negierung alle Juden aus dem Orte, der in der Etappe lag, ausgewiesen, und er fand seine Frau in Tränen vor, sie saß auf ihren gepackten Koffern zur Abreise bereit. Obwohl der Mann, der für Tapferkeit mit dem Georgskreuze ausgezeichnet war, bei der Behörde bat, seine Familie nicht auszuweisen, wurden seine Angehörigen mit Gendarmen zur Bahn gebracht und mußten fort, und „ausnahmsweise" gestattete man dem Manne, seine Familie zu begleiten .... Eine andere Frau erzählte mir, sagt weiter der Korrespondent, folgenden Fall: Im Gouvernement Poltawa sollte in einer Stadt eine Partie Flüchtlinge eintrefsen. Als die jüdische Bevölkerung dies erfuhr, wurden sofort die notwendigen Vorbereitungen zur Ausnahme der Flüchtlinge getroffen. Die „Prawoslawnyje" (echten Russen), welche von den monarchistischen Organisationen aufgereizt wurden, drohten darauf mit einem Pogrom und sagten: „Wir brauchen keine Verräter." Als der Ortsrabbiner dies erfuhr, weigerte er sich, die von der Semstwo-