Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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90 spruch höherer und niedrigerer Vorstellungen und Formen Hinweisen, auf Ausscheidung deS Schlechteren und auf konsequente, ungebrochene Entfaltung des Höheren dringen. Ob freilich das Leben, der tatsächliche Verlauf der Geschichte sich dieser Kritik fügt, hängt davon ab, wieviel Wahrheit die Kritik enthält, und wieviel Kraft die Wahrheit besitzt. Dagegen ist - ine Kritik, wie sie Cohen übt, von einem Jdeälbegrifs, der „den Sinn und Wert eines Ursprünglichen, eines Ewigen, eines über alle Entwicklungsmöglichkeiten Hinausragenden" hat, nicht nur praktisch erfolglos, sondern auch theoretisch unmöglich, weil uns Menschen das Ideal immer nur in der Form der Entwicklung gegeben, die menschliche Jdealbildung stets geschichtlich bedingt und darum allmählich fortschreitend ist. DaS wird gerade durch die Geschichte der Religion deutlich bewiesen. Sie Woche. Berlin, den 29. Februar 1916. ndern wir dieses Datum niederschreiben, erinnern wir A uns, daß volle 19 Monate seit dem Beginne dieses fürchterlichen Krieges vergangen sind. Es ist kaum auszudenken, welche ungeheuren Werte vernichtet, wie viele Millionen ihrem bürgerlichen Berufe entzogen, wie viele Hunderttausende eines heroischen und doch elenden Todes gestorben sind. Und noch ist kein Ende abzusehen. Daneben geht freilich, und das ist ein wundervolles Zeugnis der unbesieglichen Kraft in Deutschland, die literarische Tätigkeit überall weiter. Handel und Industrie entwickeln sich zum Teil in großartiger Weise. Und wenn es auch allerorten knapp genug zu gehen anfängt, so ist die Lebenslust, die Daseinsfreudigkeit kaum gewichen: Theater, Konzert- und Vortragssäle, Cafes und Restaurants sind gestopft voll. Daß die notwendigen Bedarfsartikel trotz ihres zum Teil wesentlich erhöhten Preises gekauft werden, versteht sich von selbst. Aber auch Luxusartikel finden ihre Käufer. Nicht bloß Altertümer, Gemälde, Juwelen, in denen vorsichtige Lieferanten einen Teil ihrer ungeheuren Kriegsgewinne anlegen sollen, sondern auch manches andere, dessen Ankauf in diesen schweren Zeiten geradezu wie ein Rätsel erscheint. Auch in den parlamentarischen Körperschaften herrscht reges Leben. In ihnen ist nicht etwa bloß von Kriegsanleihen und Deckung der Kriegsbedürfnisse die Rede — über Kriegsziele soll wenigstens in Deutschland nicht gesprochen werden —, sondern auch von inneren Angelegenheiten. In den Verhandlungen des Preußischen Abgeordnetenhauses ist viel von Zensur geredet worden, sozialdemokratische Abgeordnete haben in einer Weise, die dem Auslande gegenüber höchst unangemessen erscheint, Beleidigungen der anderen Parteien, Anklagen gegen ihre Handlungen und Forderungen 'ür die Zukunft ausgesprochen. Auch in den Landtagen anderer Länder werden politische Erwägungen aller Art vorgebracht. Die russische Reichsduma ist nach beständigem Hinaus- "hieben und außerordentlichen Zögerungen endlich eröffnet rorden, und — was wohl noch niemals oder jedenfalls seit langer Zeit nicht geschehen war — der russische Zar ist persönlich darin erschienen, nicht zwar, um eine Eröffnungsrede \\i halten, aber um seine Treuen zu begrüßen und ihre Huldigungen entgegenzunehmen. Während der neue Ministerpräsident Stürmer sich mit verhältnismäßig geringen Ansprachen begnügt hat, hielt Herr Sasonow große Reden, deren Länge out durch ihre Inhaltslosigkeit ubertroffen wurde. Aber es mag konstatiert werden, daß in diesen Ansprachen, trotz aller Verkündigung eines endgültigen, wenn auch nicht baldigen Sieges, die Phrase von der Vernichtung Deutschlands fehlte, ja, daß sich das Bekenntnis vorwagte, daß von einer Zertrümmerung Deutschlands nicht die Rede sein könne. Ganz anders muteten die Reden des Herrn Asquith im englischen Parlament an. Man sollte den Eindruck empfangen, als wenn England und seine Verbündeten wirklich auf allen Kriegsschauplätzen Sieger wären, während sie in Wirklichkeit auf vielen Kriegsschauplätzen die Unterlegenen sind, an andern sich nur mit größter Mühe aufrechterhalten. Mit hohen Worten wurde das Kriegsziel verkündet, und der leitende Minister scheute sich nicht, seine Pläne mit der erwünschtesten Deutlichkeit zu verkünden. Er sprach es nämlich aus: . Was ich am 9. November 1914 gesagt habe, wiederhole ich jetzt. Wir werden niemals das Schwert, das wir nicht leicht gezogen haben, wieder in die Scheide stecken, bis Belgien (und ich will hinzufügen, S e r b i e lt) in vollem Maße alles und m c h r als a l t e s, das sie geopfert haben, wieder erlangen, bis Frankreich ausreichend gegen einen Angriff gesichert i st, bis die Rechte der kleineren Nationen Europas auf eine unangreifbare Grundlage gestellt sind und bis die M i l i t ä r h e r r s ch a f t P r e u ß e n s g ü n z l t ch lt n b e n dgülti g v e r u i ch t e t i st. In einer Beziehung wird man dem leitenden Minister recht geben müssen: deutlich sind seine Worte durchaus; nur das Einzige, Kleine fehlt: bisher sind es nur Worte, und man wird warten müssen, bis England und seine Verbündeten diese gespreizten Reden in Taten umsetzen. Wir wollen nicht vergessen, das Datum hinzuzusetzen: gesprochen sind diese Worte am 23. Februar 1916; vielleicht gönnt uns ein gnädiges Geschick, den Frieden zu erleben; wir wollen dann nicht verfehlen, einen Vergleich zwischen diesen Worten und den wirtlichen Friedensbedingungen anzustellen. Gegenüber diesen hochtrabenden, durch die Ereignisse augenblicklich in keiner Weise berechtigten Worten sei auch die Stimme eines ruhigen und objektiven Engländers gebrlcht. Es ist ein wirkliches Verdienst, daß im englischen Nnterhause oer Führer der Arbeiterpartei Snvwden es gewagt hat, die folgenden Ausführungen mitzuteileu. Ein Zeitungsbericht darüber lautet: Snvwden ließ in seiner Rede von vornherein die Frage, uut die Schuld am Kriege habe, beiseite und sagte, daß die Geschichte darüber entscheiden werde. Er berief sich auf die Worte von Ponor Law, der erklärt hat, daß alle Parteien einen ehrenvollen und dauernden Frieden mit beiden Händen annehmen würden, und auf Asguith, der sich im Dezember bereit erklärte, Friedensvorschläge durch j Vermittlung Neutraler oder irgendeiner anderen verantioortlichen i Zwischen stelle entgegenzunehmeu. Snvwden sagte ferner, daß das bei aangene Unrecht wieder gut gemacht werden und eine Garantie gegen ' dessen Wiederholung geschaffen werden müsse. Er wandte sich j c n e r g i s ch gegen die Absicht, D e u t s ch l a n d zu z e r -; i ch mett e r n. Ein Frieden, der von neuen Ungerechtigkeiten und unj vefriedigendeu Ansprüchen begleitet werde, der den Bestand der! kleinen Nationen nicht sichert und weitere Kriegsrüstungen nötig! machen würde, wäre seiner Meinung nach nicht von Tauer. Er legte! deshalb starken Nachdruck auf das, was er eine „schreckliche Pe-; st ätig u n g" der P r o p h e z e i u n g d e s r u s f i f ch e n D i p l o -! uc a t e n B l o ch von dein militärischen S ch a ch m a t t nannte. Ein entscheidender Schlag sei nicht möglich. Ter Krieg eröffuebe auch keine 1 Lösung der europäischen Frage. Ter Redner fuhr fort: Ihr wollt noch ein Kriegsjahr. Fügt zur e r st e n SM i 11 i o n B c x I it ft e c t lt e ' \v eite M 11l i o n und zur Nationalschnld von 2000 Millionen! Pfund Sterling noch 2000 Millionen. Ihr hofft auf einen! Bka durch Erschöpfung. Was soll dann ausden Verz öündeten lverd-en? Snowden erinnerte ferner an die I Rede eines französischen Abgeordneten auf der Konferenz in! Bristol, worin er von F r a n t r e i ch s 800 000 T o ten , 1 400 000 | Verwundete n und 300 000 G e fangen e n sprach, und sagte,! es sei frevelhaft, den Selbstbetrug zu ermutigen. - Achtzehn Monate batten sich die Armeen gegenüber gelegen, und nur einige Meter! B o d e n seien gewonnen oder verloren worden. Solche! -Heere feten unbesiegt u n d u n best e g b a r. Wo könne inan da j die Hoffnung auf Frieden finden? Die lächerliche Borstellung von | einer Verteilung der deutschen Flotte unter die Alliierten, von einer > Zer st ü ck e l u n g Deutschlands, der V e r ä u ß e r n n g seiner