Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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II. Baruch ging auf den Fußspitzen in der Kammer herum, um den Freund nicht zu stören. Vor zwei Stunden brauchte er ihn nicht zu wecken. Die Audienz bei dem Präfekten sollte erst um elf Uhr stattfinden, und die Ruhe tat dem Schläfer not. Es 'war etwas Fürsorgliches. Brüderliches in dem Mick, mit dem Baruch das schöne Gesicht des Schläfers betrachtete. Gabriel hatte erst in den Morgenstunden sein Lager aufgesucht; aber auch jetzt noch schienen häßliche Träume ihn zu beunruhigen, wie ein sturmgepeitschtes Schiff, das nach einem schweren Sturm doch nur einen zweifelhaften Ankerplatz gesunden. Es waren schwere Gedanken, die ihn auch jetzt noch quälten. Und Baruch kannte wohl diese Gedanken: waren es doch seine eigenen, nur daß ec sie mit seinem eisernen Willen hinunterwürgte und in den verborgensten Winkel seines Verstandes verschlossen hielt. Bis zu den weit hinter ihnen liegenden Tagen in ihrem Geburtsstädtchen waren ihre gemeinsamen Gedanken zurückgeschlichen. wo beide in unzertrennlicher Jugendsrenndschast ihre Kindheit verlebt hatten. Beide saßen sie zusammen in dem dumpfen „Eheder", in der jüdischen Schule; beide hatten sie dort aus dem zerlesenen Folianten die herbe, schwierige talmudische Wissenschaft in sich ausgenommen, und beide hatten sie kindliche Tränen vergossen bei den Schlägen desselben Lehrers. Baruch, frühzeitig verwaist, war von jeher auf die Mildtätigkeit der Nebenmenschen angewiesen. Aber auch Gabriels Schicksal war nicht viel freundlicher gewesen; höchstens, daß das Mutterauge mitleidig auf ihm ruhte, wenn Hunger und Kälte Den Knaben zum Weinen gebracht hatten. Beide waren sie unter allerlei Entbehrungen herangewachsen und besaßen auch später nichts, das ihrem grauen, eintönigen Dasein irgendwelche Farbe hätte verleihen können, außer den goldenen Traum, den sie gemeinsam webten, wenn sie an den Ufern des Dnjepers saßen, der stolz und majestätisch an den elenden Lehmhütten vorbeirauschter Da saßen alle drei, Baruch, Gabriel und Malta, jenes kleine Mädchen, dessen bleiches, schmales Gesichtchen von einer mächtigen, schwarzen Haarfülle eingerahmt war, was ihr den Namen „schwarze Mälka" eingetragen. Auch um Mälka, die mit einer alten, halb närrischen Großmutter zusammenhauste, kümmerte sich keine Menschenseele, so daß sie in wilder Freiheit emporwucherte und tun und lassen konnte, was sie nur wollte. Und meistens wollte Mälka ebenfalls am Ufer sitzen und der ihr nur halb verständlichen Unterhaltung der Jungen lauschen, die immer nur von ihrer Unzufriedenheit mit Welt und Menschen sprachen und mit einer geheimnisvollen, goldenen Zukunft sich trösteten. Mälka konnte es nicht begreifen, daß es noch etwas Besseres geben sollte, als müßig dazusitzen. kleine Steinchen auf der Oberfläche des Wassers Hüpfen zu lassen oder dem sanften Murmeln der Wellen oder dem leisen Rauschen der Trauerweiden zu lauschen, wenn der Abendwind leise dahinstrich. Und es war an einem Sabbatnachmittag, da die ganze Welt still zu stehen schien, als wollte auch sie am heiligen Tage ruhen und feiern, da rückte Baruch mit seinem kühnen Plane heraus, bei dessen Anhören das schwarze Mädel verzweifelt ausschrie und mit tränenfeuchten Augen zu Gabriel aufsah. Baruchs Vorschlag bezweckte nichts Geringeres, als daß er und Gabriel dem Düster ihrer Umgebung entfliehen und in die weite Welt hinausziehen sollten, um dort das große Glück, die ersehnte Freiheit zu finden. Gabriel war sofort Feuer und Flamme und mit Leib und Seele dabei, nur mußte man ganz heimlich zu Werke gehen, da er den Widerspruch seiner Eltern fürchtete. Seinen Schmeicheleien gelang es, Malka zu beschwichtigen und sie zur Geheimhaltung ihres Vorhabens zu verpflichten. Und so waren beide Knaben noch an demselben Ätend— mit leeren Taschen, aber mit einer Wagenladung rosigster Hoffnungen — fortgezogen, wie Baruch sagte, aus der j finsteren Nacht zum hellen Morgen. i Freilich war Baruch schon damals nicht ganz sicher, ob wirklich nur der Wissensdurst die einzige Triebkraft seiner Handlung gewesen, und Gabriel war der letzte, den er darüber hätte befragen mögen, oder ob nicht auch die Eifersucht und der Neid eine große Rolle mitgespielt hatte, weil es all seinen Bemühungen. all seiner Beredsamkeit nicht gelingen wollte, jenes Aufleuchten in Malkas schwarze Augen zu zaubern, das Gabriel schon durch wenig Worte Hervorbringen konnte. Viele, viel Jahre waren seit damals dahingegangen, ohne daß einer von ihnen den Namen jenes Mädchens auch nur über die Lippen gebracht hätte; Gabriel nicht, weil sie ihm bald gänzlich aus dem Gedächtnis geschwunden war, und Baruch nicht, weil er nicht der Mensch war, etwas über seine Lippen fließen zu lassen, was er in der tiefsten Tiefe seines Herzens verschließen wollte. An eine Reise nach der Heimat war natürlich nicht zu denken; sie hatten nie den Luxus eines überflüssigen Groschen gekostet, viel weniger besaßen sie die Unmenge Rubel, um eine solche weite Reise bestreiten zu können. Alle sechs Monate, zu Ostern und Neujahr, eine engbeschriebenc Postkarte, das war alles, was Gabriel sich leisten durfte, um seine Eltern von seinem Wohlergehen zu benachrichtigen. (Fortsetzung folgt.) Lprechsaal. Kolb erg, den 14. Februar 19 Hi. Lehr geehrter Herr Geheimrat! In Nr. 0 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Februar d. I. befindet sich ans Leite 63 in dem Abschnitt der „Woche", welcher über Jacob Herz berichtet, wörtlich die Bemerkung, er sei „einer der wenigen Inden, dem in Deutschland ein öffentliches Denkmal errichtet worden ist, vielleicht dem einzigen außer Nt o s e s M endelsfo h n." Hierzu habe ich zu bemerken, daß, lange bevor Moses Mendelssohn im Jahre 1889 in Dessau ein öffentliches Denkmal errichtet worden ist. bereits am 8. Juli 1886 in Kolberg aus der Promenade, in dem damals schönsten Teile unseres Badeortes, dem am 17. Juli 1885 Hierselbst verstorbenen Sanitätsrat Dr. H vv schseld , welcher sowohl als medizinische Autorität als auch als edler Menschenfreund und humanitärer Arzt weit über Pommern hinaus bekannt war, ein öffentliches Denkmal errichtet und dem hiesigen Magistrat als Eigentum der Stadt übergeben wurde. Hierzu hatten sich am 30. Juli 1885, unmittelbar nach dem Ableben des genannten Sanitütsrats Tr. Hirschfeld außer vier jüdischen noch 17 christliche Personen, die ersten und besten Bürger der Stadt, zu einem interkonfessionellen Komitee zur Errichtung eines öffentlichen Denkmals für den Verklärten zusammengeschlossen. Zur Begründung heißt es in dem damals veröffentlichten Aufruf, daß Dr. Hirschfeld „durch feine außerordentliche Pflichttreue und Opferwilligkeit, durch seine selbstlose Hingebung und Unverdrossenheit in der dreißigjährigen Ausübung seines ärztlichen Berufes in Kotberg und Umgegend, durch seine allzeit hilfsbereite, uneigennützige Menschenfreundlichkeit gegen die Armen, durch seine öffentliche Tätigkeit als Stadtverordneter und Vorsteher vieler gemeinnützigen Vereine, und ganz besonders auch durch seine hervorragenden Verdienste um die Hebung und Entwicklung Kolbergs zu einem Badeort ersten Ranges sich ein unvergeßliches Denkmal in dem Herzen seiner Mitbürger gesetzt hat." Was in dem Ansrufe nicht bemerkt ist, möge hier noch Hinzugesügt werden, daß Dr. Hirschfeld auch jahrelang erster Vorsteher der Gemeinde war, und als solcher dieselbe im friedlichsten Sinne und echt jüdischem Geiste leitete. — Ein Jahr nach dem Ableben des Dr. Hirschfeld wurde das Denkmal am 8. Juli 1886 vor einer vieltausendköpfigen Festgemeinde, darunter Vertreter.des Magistrats und der Stadtverordneten, der Geistlichkeit und der Spitzen der Behörden, enthüllt, wobei der Vorsitzende des Komitees, beiläufig bemerkt der damalige Führer >der Konservativen in unserer Stadt, Herr v. Bu g g e n h a ge n, die Feier mit einer Ansprache eröffnete und der Schriftführer des Komitees, Herr Rabbiner Dr. Goldschrnidt, die Festrede hielt. Alsdann übernahm der dazu verordnete Stadtbaurat Bach mann das Denkmal in das Eigentum der Stadt und Justizrat Dr. Mann in z Stettin dankte im Namen der Verwandten und Hinterbliebenen. Das j Denkmal hat an der Vorderseite folgende Inschrift: