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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-25 · Heft 8 (25.2.1916) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 8 (25.2.1916)
Date
1916-02-25
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
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u bent er seit der frühesten Kindheit zusainmettgelebt, scharf und eingehend zu betrachten. Und Gabriel Schmulikof war auch des Anschauens wert! Baruch gestand dieses, ohne Spur von ilieib, auch bereitwillig zu. Es gab überhaupt nur wenige Männer und noch weniger Frauen, die dieses nicht ebenfalls zugaben, wenn sie Gabriel erblickten. Keiner wollte glauben, daß diese Zusammensetzung von Kraft und Schönheit nicht einer langen Reihe blondgelockter germanischer Recken entstamme, sondern der Sproß eines krummrückigen alten Handwerkers und dessen zusammengeschrumpften Eheweibes sein sollte, die dort weit unten, im Ansiedelungsrayon, mühselig kämpfend, nur sehr schwer den notdürftigen Lebensunterhalt erringen konnten. Vielleicht könnte dieser Umstand als Bestätigung der Erblichkeitstheorie gelten, indem in Gabriel Schmulikof der Typus irgendeiner seiner glaubensstarken, heldenhaften Vorfahren sich wiederfand, der nach Generationen des Niederganges, endlich wieder einen Trieb voller Kraft und Saft hervorgebracht. Glied für Glied und Zug um Zug schien Gabriel in der Form eines Halbgottes gegossen zu sein. Sonderbarerweise waren dieses die Gedanken, mit welchen Baruch sich in diesem Augenblick beschäftigte, ohne daß er sich über die Veranlassung klar werden konnte. Da er noch immer schwieg, warf ihm Gabriel einen ungehaltenen Blick zu, der aber durch ein mildes, herzliches Lächeln schon im voraus abgeschwächt wurde. „Nun, du Brummbär, ist das der Dank, den ich für meine Freudenbotschaft bekomme?" „Ich wäre froh, wenn ich die geringste Ursache hätte, dir zu danken," war Baruchs nüchterne und trockene Antwort. „Du zweifelst doch nicht etwa an unserm Erfolg? Bedenke doch, der Senat rät uns, unsere Wünsche dem Präfekten persönlich vorzubringen, und du weißt es doch, wie human und inenschenfreundlich dieser ist und welche treffliche Eigenschaft er besitzt, welch ein gutes Herz er hat." „Gewiß. Aber er hat auch noch etwas anderes," unterbrach Baruch den schwärmerischen Lobredner des Präfekten. „Was meinst du denn?" „Nun, seine Instruktionen aus Petersburg." Jetzt war es Gabriel, der sprachlos den Freund, anstarrte. „Alle seid ihr bei dem Senat gewesen," fuhr Baruch mit einem bitteren Lächeln fort, „und alle habt ihr euch mit leeren Redensarten, mit Zuckertörtchen abspeisen lassen. Wirklich," Baruch besaß eine Ironie, die Herz und Seele dolchartig verwundete, „wirklich, ihr verdient vollkommen die Bezeichnung, die der Senat euch beilegt. Wie heißt es doch in jenem famosen Schriftstück? „In Anbetracht der übermäßigen Anforderungen an die Lehrkräfte, sehen wir uns veranlaßt, einige der weniger begabten jüdischen Studenten vom Besuche der hiesigen Universität auszuschließen." Wirklich, ihr seid nicht nur „weniger begabt", sondern geradezu beschränkt, wenn ihr dieses plunrpe Manöver nicht zu durchschauen vermöget. Begreift ihr denn nicht, daß auch diese niederträchtige Verordnung im vollen Einklang mit der Vernichtungspolitik steht, die die Regierung gegen uns Juden schon lange treibt? Nur möchte sie so gern das Prestige vor dem Ausland wahren, dessen Hilfe sie doch nicht entbehren kann, und darum wird dem Barbarismus das Mäntelchen der Notwendigkeit umgehängt. Heute hat man euch noch mit Höflichkeitsphrasen abgefertigt, doch morgen wird man euch nüt der Tatsache aufwarten, daß der Ausweisungsbefehl nicht widerrufen werden kann, und, wer sich widersetzt, wird mit den Schneeseldern Sibiriens Bekanntschaft machen. Pah, der Präsekt! Human, menschenfreundlich! Tünche, Schein Flitter! Er wird euch höflich empfangen, aber zugleich außerordentlich bedauern, daß er den Beschluß des Senats nicht zu ändern vermag, da er die akademische Freiheit nicht antasten kann. — Mit blutigen Köpfen werdet ihr dann wieder zum Senat laufen, dieser wieder wird sich auf die höhere Instanz berufen, und so schiebt man euch eine Weile hin und her, bis man euch nach — dem Ansiedelungsrayon abgeschoben hat." Gabriel stand betäubt und gebrochen da. Endlich schlug er mit der Faust auf den Tisch auf. „Du heiserer, krächzender Anglücksrabe! Warum erzählst du mir jetzt all dieses?" „Warum sollte ich es dir denn nicht sagen?" war Baruchs lakonische Gegenfrage. „Weil das Elend groß genug sein wird, wenn es als vollendete Tatsache vor uns steht. Ohne deine finstere Prophezeiung hätte ich doch wenigstens noch ein paar glückliche Stunden verbringen, wenigstens noch diese Nacht ruhig schlafen können!" „Um so gräßlicher aber wäre dann das Erwachen." Gabriel war auf einen Holzstuhl gesunken; bald aber sprang er wieder verzweifelt auf, um die ganze Länge der Kammer aufgeregt zu durchlaufen. Das Talglicht war dem Verlöschen nahe, und Baruch zündete ein neues an. „Das ist Verschwendung," tadelte Gabriel, als sei dieses jetzt sein größter Kummer: „es hätte noch mindestens fünf Minuten ausgereicht." „Für heute wird es noch ausreichen, und morgen werden wir keins mehr gebrauchen," antwortete Baruch trocken. Diese Bemerkung traf den andern wieder wie ein Peitschenschlag. In seiner Fassungslosigkeit ergriff er Baruch am Arm und rief: „Um Gottes willen, was soll aus uns werden?" Mit grimmiger Wollust erhob Baruch seine sehnigen, starkknochigen Arme und sprach zynisch: „Ich habe ja diese! — Du freilich . . ." verächtlich zuckte er mit den Achseln. „Das meine ich nicht," unterbrach ihn Gabriel. „Es ist nicht der Kampf um das tägliche Brot, der mich ängstigt. Gott weiß es, ich habe gelernt zu darben und zu entbehren. Aber, nachdem die goldenen Pforten des Wissens sich vor mir aufgetan, nachdem ich die Schwelle zum Tempel der Erkenntnis überschritten — wieder in den tiefen Abgrund der Unwissenheit zurückgeschleudert zu werden, das, Baruch, ist für mich mehr als Höllenpein! Du hast recht," rief er bitter, „die russische Regierung weiß ganz genau, wie sie ihre Vernichtungspolitik erfolgreich betreiben kann: sie quält unfern Leib in die Engnis und unfern Geist in die Finsternis hinein. Weißt du aber, warum sie es tut. Baruch? — Weil sie uns fürchtet! Unfern Geist, unsere Arbeitsfreudigkeit, unsere Nüchternheit, die uns über das korumpierte Beamtentum, über das verlotterte Militär, über den schwelgerischen Adel emporhebt! —— Und weißt du, Baruch, der Mensch ist nie grausamer, als wenn er Furcht hat." Seine Augen wurden feucht. „Meine armen Eltern, die so stolz auf mich waren, die ihre ganze Hoffnung auf den einzigen Sohn gesetzt. Was wird der alte Mann empfinden, wenn ich vor ihn hintrete und spreche: „Vater, meine Karriere ist vernichtet! Jetzt werde auch ich Pantoffelmacher wie du werden!?" Er hielt inne und sah mit starrem Erstaunen aus Baruch, der sich wieder am Tische niedergelassen, einen Bleistift in der Hand und den aufgeschlagenen Horaz vor sich. „Baruch, was machst du denn?" fragte er. „Meine Aufgaben für morgen." „Morgen werden wir doch ausgewiesen!" „Morgen ist nicht heute." „Du bist kein Mensch!" rief Gabriel voller Zorn, wobei sich aber eine gewisse Bewunderung für den Freund kundgab. Doch dieser -beugte sich tiefer über das Buch und murmelte leise: „Furcht macht die Menschen grausam — sogar grausam gegen die Freunde, grausam gegen sich selbst! — Eheu fugaces!"

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