Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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93 höchlichst interessiert. Zurzeit haben wir die Ansiedlungsmögtichkeit durch Missionen in Kleinasien, vorzüglich in Adana und im Süden, und dann in Mesopotamien studieren lassen. Außer den durch die Landesnatur geschaffenen Schwierigkeiten, besonders in Mesopotamien, gibt es auch ethnische, die nicht ]u überwinden sind. Fremde, und zumal Juden, würden in Kürze dort zermalmt werden. Außerdem muß ich noch auf das Chimärische einer Massenauswanderung aufmerksam machen, wohin sie auch gerichtet sei. Man kann die Menschenmassen gewaltsam forttreiben, aber wo sie sich niederlassen würden, würden sie verkommen. Nur eine langsame und selbstgewollte Emigration kann gelingen, wie sie von den russischen Juden nach den Bereinigten Staaten seit 35 Jahren stattgefunden hat, während deren IX- Millionen hinübergegangen sind und dort ihr Brot verdienen. Die I. C. A. hat vielen geholfen, aber das hätte gar keine Wirkung gehabt, wenn die Einwanderer nicht in Amerika die Verhältnisse vorgefunden hätten, die ihr Fortkommen ermöglichten: auch entwickelt die Ansicdlung sich langsam, kann aber nicht künstlich überstürzt werden. Seit zwanzig Jahren beschäftigen wir uns in der I. E. A. mit der Auslvanderungsfrage, und haben wir bis jetzt viel erreicht? Leider nein. Was will es ausmachen, daß in Argentinien jetzt 100 000 Juden wohnen, und zwar durch uns höchstens 40 000! Unsere Versuche in Brasilien sind bisher gescheitert. In Kanada geringer Erfolg. In Zypern ein Fiasko. Das Wertvollste, was die I. C. A. für die Emigration getan, besteht in ihrer Tätigkeit in Rußland selbst, behufs Vorbereitung der Auswanderung und Erleichterung ihrer Uebersiedlung dahin, wo sie selber hinzugehen vorziehen. Jeder, auch nur moralische Zwang zu einem bestimmten Ziele ist verfehlt. Die Idee einer Auswanderung von 2X Millionen Juden innerhalb einiger Jahre ist eine Chimäre, ein Unding. Die bescheidenste Einrichtung für eine ackerbautreibende Familie kostet 10 000 Mark, einschließlich der .Kosten für das tote und lebende Inventar und die Ernährung im ersten Jahre. Das macht also für 500 000 Familien nicht weniger als 5 Milliarden aus. Wie soll man die beschaffen? Aber selbst abgesehen von der Geldfrage gibt sich jeder, der bei einer umfassenden Kolonisation tätig war, Rechenschaft davon, was es heißt, 200 bis 300 Familien an Ort und Stelle neu einzurichten, und wie schwierig es ist, sie zu akklimatisieren. Die Erfahrung lehrt die tatsächliche Unmöglichkeit eines solchen theoretischen Entwurfes der Ansiedlung von großen Menschenmassen. Im besten Falle kann solche nur bescheiden angefangen werden und ganz langsam vor sich gehen. Ueberstürzung ist der sichere Untergang. Auge um Auge. Russischer Tozielronum Von Al. P lt l u c r m n n u. I. aruch Tuchermann rückte mit seinem Buche näher zum kleinen Fenster hin. Es geschah aber nicht etwa ans Ungeduld oder Unruhe, die ihn dorthin trieb oenigstens versuchte er es sich selbst auszureden , sondern, veil das Tageslicht aus der engen Bodenkammer mit dein chiefen Dach bereits zil schwinden begann. Seit zwei Jahren bewohnte Baruch diese elende Dachkammer mit seinem Studrengenossen Gabriel Schmulikof, mit dem er zusammen ausgewachsen, zusammen aus dem Heimatstädtchen geflohen war, jede Spur von Komfort und Behagen entbehrend, gemeinsam hungernd, gemeinsam frierend, aber auch gemeinsam von dem unwiderstehlichen Verlangen beseelt, 3it lernen, zu studieren, Wissenschaft und Kenntnisse sich anzueignen, um später Großes, Hervorragendes für Welt und Menschen zu leisten lind Ruhm und Stellung für sich selbst zil erringen. Baruch war jetzt allein in der Kammer und saß gebeugt und zusammengekauert, die Augen fest auf den zerlesenen Horaz gerichtet. Weder durch eine Miene noch durch irgendeine Bewegung wollte er den Sturm verraten, der in seinem Innern tobte, iind durch nichts ließ er erkennen, daß er vor einer Krisis stand, die seine Eristenz, seine ganze Zukiinft bedrohte. Baruch Tuchermann war eine unbeholfene, linkische Gestalt mit einem untersetzten, fast .zwerghaften Körper, der auf ein Paar festen, pliimpen Beinen ruhte, die in unförmlich großen Füßen ausliefen: seine breiten, eckigen Schlittern waren fast 311 breit für einen Jüngling in den zwanziger Jahren. Auch in seinem Gesicht war nichts vorhanden, das das Mißverhältnis seiner ungeschlachten Figur irgendwie hätte mildern können: die niedrige Stirn, die hervorstehenden Backenknochen und die Keinen, stechenden, tiefliegenden Augen konnten sogar seinen semitischen Ursprung bezweifeln lasseil. Ter massige Unterkiefer mit den dünnen, beständig zusammengepreßten Lippen bekundete zwar Kraft und Energie, entsprach aber sonst der ganzen Unschönheit dieser Gestalt. Es war jetzt ganz finster geworden, und Baruch sah sich genötigt, ein dünnes Talglicht anzuzünden, das aber nur einen schwachen Schein verbreitete. Doch das hinderte ihn nicht, seine volle Aufmerksamkeit dem Buche zuzllwenden, lmi rm Geiste den feurigen Falerner Wein aus goldenem Becher zu schlürfen. > oder einer schlauen Daphne im schattigen Hain des Aventinus liachzujagen. Er versuchte noch immer sich einzureden, daß er nicht die geringste Unruhe empfand höchstens ein kleines Unbehagen über die lange Abwesenheit seines Freundes Gabriel, oder „Gregor", wie sein Name im Universitätsj regifter russifiziert worden war, der schon vor fünf Stunden sortgegangen lvar, um sich über die Größe der ihnen drohenden Gefahr zu informieren. Beide gehörten sie nämlich 31t den i jüdischen Studenten, die plötzlich den Ausweisungsbefehl er-! halten. Gabriel hatte sich mit fünfzig anderen Stlldenten zürn! llniversitätsrektor begeben, tun endlich das Resultat ihrer ge-! meinsamen Bittschrift 31t erfahren, da die Frist, bis zu wclcher! sie Odessa verlassen sollten, schon morgen ablief. > Baruch hatte es abgelehnt, sich bei diesem Bittgänge zu bej teiligen, mit der lakonischen Bemerkung, daß er, solange man! ihm noch nicht den Laufpaß eingehändigt, das Recht habe, der! Alma mater nnzugehören und daher auch die Pflicht, seine! Studien fortzusetzen. j „Elieu fugaces . . murmelte er leise. Gewaltsam suchte j er sich im Horaz zu vertiefen, was ihm aber nur sehr schwer! gelang und er konnte einen leisen Seufzer der Erleichterung | nicht unterdrücken, als er endlich Gabriels leichten Schritt vernahm. Er erhob sich schwerfällig und preßte die Hand auf die linke Brustseite, wo er sein Herz so unruhig pochen fühlte. Trotz! seines zur Schau getragenen Gleichmutes, konnte er sich doch! nicht über die Wichtigkeit der bevorstehenden Entscheidung hin- > wegtäuschen. | „Gute Nachricht, Baruch!" rief Gabriel, aufgeregt ins Zimi mer stürzend und den andern bei den Schultern fassend. „Der! Senat hat unsere Petition iu Erwägung gezogen und uns gej raten, persönlich bei dem Präfekten vorstellig zu werden. Wir > haben also die besten Aussichten." Baruch aber trat wortlos und bedrückt einen Schritt zurück: doch nicht etwa, um seiner Enttäuschung Ausdruck zu geben, sondern aus einer unerklärlichen, ihm selbst befremdlichen Ursache, die mit der jetzigen ernsten Stimmung in gar keinem Zusammenhang stand; er tat es, um seinen Jugendgenossen, mit