Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
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90 Dem dort Gesagten ist nicht viel hinzuzufügen, In wenig Tagen (am 2. März) hätte der Verehrte seinen 80. Geburtstag feiern können. Man sah dem Rüstigen und Beweglichen die Last der Jahre und der Schmerzen nicht am unter denen er häufig litt. Sein Wille, sein Pflichtbewußtsein, seine Erkenntnis, daß er tätig sein müsse, besiegten alle Hindernisse. Er war vorbildlich in der Ausübung der übernommenen Tätigkeit. Aber nicht minder vorbildlich war er in der Ehrlichkeit seiner Ueberzeugung, in seinem Bemühen, auch den Gegner zu verstehen, in dem Versuche, sein Leben seiner Ueberzeugung gemäß zu gestalten. Er führte im edelsten Sinne ein jüdisches Haus, er war ein rechter Berater Gebeugter und Hilfesuchender, ein trefflicher Deutscher, ein allgemein gebildeter Mann, der sich nicht begnügte mit dem Fortstreben in seiner ärztlichen Wissenschaft, sondern der mit jugendlicher Frische teilnahm an wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen aller Art. Manchmal befehdet und doch von den Gegnern geschätzt, geliebt von einem großen Kreise von Freunden und Verwandten, bewundert von Tausenden, denen er Heilung lind Rettung verschaffte, gehört er zu denen, die eine unendliche Lücke zurücklassen im Herzen all der Seinigen, seiner Standes- und Glaubensgenossen, die in Verehrung und Liebe zu ihm aufschauten und an seiner Treue und Charakterfestigkeit sich erbauten. Ehre seinem Andenken! Charles L. tzaügsrten'). er allgemein bekannte, in j unseren Kreisen bewunderte und geliebte große Philanthrop, der am 19. April 1908 gestorben ist, war am 18. November 1838 in Mainz geboren. Er besuchte die Lateinschule in Mannheim, ivandte sich dem Geschüftslebeu ju und ging ziemlich jung nach Amerika. Dort erwarb er sich eine umfassende Bildung, so daß er die englische, französische und italienische Sprache beherrschte, in die letztere zum Beispiel Lessings „Nathan" übertrug. Er hielt in einer Gesellschaft junger Leute Vorträge, die die verschiedensten Wissensgebiete streiften. Er vermählte sich am 17. August 1861 und lebte mit seiner Gattin bis zmn Jahre 1895 in einer reich gesegneten Ehe, der mehrere Kinder entstammten. Er erlebte die Freude, daß diese Kinder sich alle verheirateten, und hatte an der Entwicklung dieser Kinder und an dem Heranwachfen seiner Enkel viele Freuden. Hallgarten wurde in seinen geschäftlichen Unternehmungen durch seine geniale Begabung und durch das Glück so unterstützt, daß er zu den reichen Männern Amerikas gehörte. Er kehrte 1875 nach Deutschland zurück, unternahm zwar vielfache Reisen in seine zweite Heimat Amerika, um seine geschäftlichen Unternehmungen zu fördern, lebte aber dauernd in Frankfurt a. M. zuerst in einer Mietwohnung, dann in einem prächtigen Heim Miquelstraße 21, keinem Kunstmuseum, aber der fürstlichen Wohnung eines Privatmannes, das er durch manche güte Kunstwerke zu einem wahrhaften Patrizierhause gestaltete. M Charles L. Hallgarten. Von Robert Hallgarten. 1815, Verlag von Englert u. Schlaffer, Frankfurt a. M. Hallgarten war ein Deutscher und ein Jude im vollen Sinne des Wortes. Ein Mann vielseitiger Begabung, gründlichen Wissens, erquicklichen Humors. Ein großzügiger Mensch, der von seinem Reichtum den allerbesten Gebrauch machte, ein Wohltäter, der nicht wahllos spendete, obgleich er eine offene Hand für alle Bittenden und Leidenden besaß, sondern der große Ziele ins Auge faßte. Der sozialen Fürsorge wandte er in umfassendem Sinne seine Kräfte zu. Er wirkte nicht bloß zu Frankfurt, wenn auch dortige Einrichtungen: der Kunstgewerbeverein, die Börne-Stiftung, die Gesellschaft für Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler, sein besonderes Interesse in Anspruch nahm, sondern er wendete jüdischen Angelegenheiten sein besonderes Interesse zu. Unendlich viel tat er für die russischen Juden und wirkte in mannhafter Weise gegen den Antisemitismus in Deutschland. Dem „Hilfsverein der deutschen Juden", der „Alliance israelite universelle“, der „Jewish colonization association“ weihte er in den letzten Jahren seines Lebens seine Hauptkraft. Bei dieser Tätigkeit wurde er durch sein von den Biographen als „diplomatisches Talent" bezeichnetes Wesen unterstützt. „Die Anmut und Leichtigkeit seiner Umgangsformen, ein mit Respekt vordem Ernst in glücklicher Weise vereintes Verständnis für den Scherz." Sein Name ward zum Hort für die Bedrängten geworden. In einein der ihm gewidmeten Nekrologe kommt das schöne Wort vor: „In manchem russischen Flecken wußten die verfolgten Juden in ihrer Not keine andere Rettung und Hoffnupg, all daß es irgendwo in der Welt einen Mann Hallgarten gäbe, der ihnen Helsen könne, und mancher von ihnen .hat sich wirklich auf den Weg gemacht und ist durch die Länder gewandert mit dem einzigen Namen „Hallgarten" auf den Lippen." In einem Nachruf des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus heißt es zu seiner Charakteristik: „Er ivar Jüde. Aber es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß er, wenn er einer christlichen Konfessionsgemeinschaft angehört hätte, die Bestrebungen unseres Vereins mit gleicher Wärme und Hingebung gefördert haben würde. Als er an der Bahre Heinrick Rickerts in eindrucksvollen Worten der Dankbarkeit für die durch Rickert dem Verein geleisteten Dienste aussprach, bekannte er, daß nicht die Konfession ihn unserem Verein zugeführt habe, sondern der Wunsch, dem Grundsätze staatsbürgerlicher Rechtsgleichheit zum Siege zu verhelfen. Nicht für die Juden allein verlangte er diese Rechtsgleichheit, sondern für alle, denen sie versagt war, einerlei, um welche Konfession, um welchen Stand und welche politische Partei es sich handelte. Der Hinweis auf offizielle Ehrenbezeugungen, die hervorragenden Glaubensgenossen zuteil wurden, vertiefte in ihm nur das Gefühl des Unrechts, das die Regel bildet. Da, wo die staatsbürgerliche Rechtsgleichheit ins Spiel kam, blieb er auch völlig taub gegen opportunistische Erwägungen. Hier verwarf er die Politik der Abschlagszahlungen, die feinen praktisch geschulten Geist sonst durchaus nicht abstießen. Er war durchdrungen von der einfachen Wahrheit, daß die Gerechtigkeit keine Summe ist, die man größer, kleiner besitzen kann und immer doch besitzt, daß es bei der staatsbürgerlichen