Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
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89 Um mit friedlicher Literatur zu schließen, sei auf folgende Rotiz im „Berliner Börsen-Courier" aufmerksam gemacht: Eine „jiddische" Ausführung des K a u f m a n n s von ' enedig". Im Pavillon-Theater im Londoner Mile-End hat dieser; age eine interejfante Shakespeare-Aufführung stattgefunden: ein jüt scher Schauspieler, Moritz M o s k o w i t s ch, hat nämlich eine „jidk sche" Aufführung des „Kaufmanns von Venedig" veranstaltet und; itr jüdische Kräfte darin beschäftigt. Der Shhlock, den er auf die äh ne stellte, war wesentlich anders ausgesaßt als sonst üblich; er i at würdig und empsindungsvoll auf, und wenn er nicht mit Antonio i?er Geldangelegenheiten verhandelte oder vor dem Gerichtshof auf i inenr Rechte bestand, so wirkte er eher wie ein Patriarch als wie ein . weherer. Aehnlich eigenartig soll Sarah Sylvias Portia, S. Teitell mms Prinz von Marokko und Frau Goldsteins Nerissa gewesen sein.; ie zur Aufführung gebrachte Bearbeitung ähnelte der auf italienischen i ad deutschen Bühnen gebräuchlichen; es wurden vier Akte gespielt > ad die häufigen Verwandlungen zusnmmengezogen; das Nebenspiel i it den Ringen wurde so gut wie ganz unterdrückt, und so wuchs hylock tatsächlich zur Hauptfigur des ganzen Dramas empor. Merk- > ärdigerweise war die Ausnahme der Vorstellung recht lau; das Stück > fiel nicht; es war, wie sich einzelne ausdrückten, zu phantastisch und t wenig glaubhaft. * Auch eine historische Erzählung von Martha Schiff Die Edelsrau und der Jude", ein Bild aus t er Reforrnationszeit, aus der „Frankfurter Zeitung"! i hier angedeutet. In dieser Geschichte wird nach 'riefen Luthers an den thüringischen Reformator Justus cenius erzählt, daß eine christliche Adelige, Lorche v. Kronl erg, die Schwester des reforrnatorifchen Schriftstellers artrnut v. Kronberg, die mit einem Herrn v. Dalberg t erheiratet gewesen war, zu Luther kam, in Wittenberg ein ind zur Welt brachte und von Luther, der zwar ihre Not, nicht > der ihre Vergangenheit kannte, an den thüringischen Refori tato* weiter empfohlen wurde. Sie hatte Mann und Kinder erlassen und war einem Juden Jacob aus Groß-Gerau * ffolgt, den sie seit drei Jahren kannte und lieber zu haben er- ' ärte als irgendeinen auf der weiten Welt. Die verschiedenen -Mitglieder der adligen Familien, denen die Frau durch Verwandtschaft angehörte, wandten sich gegen den Juden, den sie . ls bloßen Verführer erklärten, und schlugen" ihn tot. Was Ueser Jacob, der auch schon vorher verheiratet gewesen war, > der seiner Geliebten erklärt hatte, er könne sich durch einen cheidebrief ohne weiteres von seiner Gattin trennen, eigentlich ar, ob ein bloßer Abenteurer, „der in einem verbrämten Rocke - en Hut mit Zindel überzogen und mit einem Federbusche i eschrnückt" durch die Lande zog, oder ob er wirklich ein edler Mensch war, der große Leidenschaften empfand ttitb zu erwecken i achte, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Rührend erscheint -1 dieser ganzen Angelegenheit Luther selbst, der in seinen wiesen zur Milde rät und, nachdem er die volle Schuld des Leibes erfahren, von ihr sagt: „daß sie ein treffliches Weib >ar und ist, deren Schicksal ich tief bedaure". Wenn man die trchtbaren Worte im Gedächtnis hat, die Luther später gegen > -e Juden brauchte, so mutet dieses Mitgefühl mit einer ' hristin, die die Geliebte eines Juden wurde, sehr merk- : ürdig au. * Endlich sei hier ein Artikel der Wiener Zeitung „Die Zeit" jüdische Volkslieder", Gesänge der russischen Juden, wiedergeben: Der Krieg hat das Interesse am Volkstümlichen, an den primitiven ■ üensäußerungen einer Rasse wieder einmal im erhöhten Maße wachrufen. Alte Lieder, bezeichnend für die Art und Weise, wie ein Volk ' rf eine Epoche reagiert, wurden der Vergessenheit entrissen, zu Bereichen herangezogen und neu ausgedeutet. Diesen verdienstvollen ersuchen reiht sich ein Werk an, das im Entstehen begriffen ist und ufmerksamkeit verdient. Es ist eine Sammlung von jüdischen Volksledern, die der Bostoner Musikschriftsteller Henry L. Gideon im Vereine mit seiner Frau Constance Ramfah Gideon und Mrs. Mary Austin in Angriff genommen hat. Henry L. Gideon, die ein gründlicher Kenner des jüdischen Volksgesanges ist und als Autorität auf diesem Gebiete gilt, legt in der Zeitschrift Musical America seine Gedanken über das jüdische Volkslied nieder. Er definiert zunächst den Begriff des jüdischen Volksliedes. Die Juden als Volk betrachtet, haben kein Volkslied. Sie können natürlich keins haben. Denn der Jude in Deutschland ist längst Deutscher geworden, in England wurde er Engländer, in Amerika wandelte er sich vollständig zum Amerikaner um. Sie haben daher auch die Lieder des betreffenden Landes, das ihnen zur Heimat witrde, adoptiert. Die einzigen wirklichen jüdischen Volkslieder sind nur bet den r u s s i s ch e n I u d e n anzutreffen, die von der Welt abgeschlossen leben und, ganz auf sich selbst angewiesen, die schlichten Motive, die ihr einförmiges und dürftiges Leben ihnen zu bieten imstande ist, in Liedern besingen, die wteder nur unter ihnen selbst verbreitet sind. Trotz des kümmerlichen Daseins, das die Juden in Rußland führen, sind ihre Lieder zum großen Teil heiter und optimistisch. Einen breiten Raum nehmen die Kinderlieber ein, Lieder, wie sie die Mütter den Kindern vorzusingen pflegen. Das erzieherische Moment tritt in ihnen sehr stark betont hervor. Fast allen diesen Wiegenliedern liegt die Hoffnung zugrunde, daß das Kind lerneifrig und fromm fein wird. Mandeln und Trauben, danach steht des lieben kleines Sohnes heißes Begehren. . Was aber ist besser als Mandeln und Trauben/ Die Thora, Gottes heiliges Wort, das ist das beste Gut aus Erden. „Der Knabe wird daher eifrig die Thora studieren, ein großer Gelehrter werden und immer ein frommer Jude sein." Handelt es sich um ein Mädchen, dann lauten die Lieder natürlich anders. „Geh schlafen, mein kleines Vögelein, schließ deine süßen Aeugelein! Du mußt wachsetl und eine Dame werden. Deine Kleider rnüsseu aus dem feinsten Stofs gemacht sein. Und du mußt ein Kind gebären, genau so klein und lieb wie du selbst." Ist der Knabe vier oder fünf Jahre alt geworden, so wird er in den „Cheder" geschickt, in die jüdische Schule, wo er Hebräisch lernt und in das Sütdium der Thora eingesührt wird. Darauf wird er natürlich von den Liedern der Mutter vorbereitet. „Das kleine Zimmer ist schon warm, die Luft ist still. Ter Lehrer sitzt vor den Schülern und bringt ihnen das Abc bei. Komm, Söhnchen, merke gut auf! Lerne deine Aufgaben gut! Ich will dem Knaben, der am besten Hebräisch lesen kann, ein schönes Spielzeug schenken. Komm nur und höre! Abc, abc!" Die Mädchen kommen nicht in den Eheder. Daher bewegen-sich auch die Lieder in einer anderen Tonart. Ihre künftigen Verpflichtungen im Rahmen der Häuslichkeit werden besungen. Eine große Rolle spielt der Bräutigam in den naiven Versen: „Mutter, finde mir einen Alaun!" „Dazu hast du noch sehr lange Zeit, inein Töchtercheu!" Diesen Vorstellungen entspricht es, wenn ein anderes Lied sagt, daß „es besser ist, eilten armen, aber guten und fleißigen Mann zu heiraten als einen reichen Nichtsnutz." Die ausgesprochen humoristischen Lieder sind in der Minderzahl. Sie haben die zahlreichen, im Umlauf befindlichen Rabbineranekdoten zum Gegenstände. Besonderes Interesse verdienen die Soldatenlieder. Sie handeln von dem traurigen Los des jüdischen Soldaten in der russischen Armee. Er muß ins Feld ziehen für ein Volk und für ein Land, das ihn verachtet. Er darf sich nicht nach der Art der Väter für Zion und den Gott Zions schlagen, sondern muß die geheiligten Traditionen verletzen ltnd ein Leben führen, das im Widerspruche zu seiner Religion steht. Und wenn er dann nach den drei Tienstjahren zu seinem Volke zurückkehrt, bedarf es einer langen Läuterung, bis er wieder der fromme und rechtschaffene Jtlde wird, der er ehedem war. Das Soldatenleben spielt daher auch in den Liedern, toie sie von den Frauen gesungen werden, eine große Rolle. Anklänge an deutsche Volkslieder sind nicht seltett. So findet sich das bekannte „Kontmt ein Vöglein geflogen . . ." auch in den jüdischen Liedern. Dort singt eine Soldatenbraut: „Ich stehe aut Fenster und ein Vöglein fliegt aus mich zu. Was bringt es mir/ Einen Brief von meinem Liebsten." * Kurz vor Schluß der Redaktion erhalten wir die Nachricht vom Tode des Geh. Sanitätsvats Dr. Julius Blument h a l in Berlin. Wir haben Bild und Biographie des verehrten Mannes im Jahrg. 1912, Nr. 36, S. 423 gebracht.