Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
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88 — Boden geeignet erscheint, werden Erziehungsheime für unsere Kinder errichtet. Sie haben gleichzeitig den Charakter einer Kolonie neujüdischen, eurvpageschärften Geistes und versuchen mit diesem ihre Umgebung möglichst ZU durchdringen. Die östlichen mW westlichen Juden würden einander hier das geben, was jeder von ihnen im Laufe der Zeit verlor. Sie uns die zweifelsohne Verwachsenheit mit dem Bvlksbvden; wir ihnen die freie Menschlichkeit. Auch die amerikanisierten Inden können sich zurückfinden. Ans bcn vom Westen hereingepflanzten Juden werden dann von Etappe zu Etappe die für eigenen Boden reif Gewordenen sich vom Mittellande nach Palästina ablösen. Die Idee des Mittel tcmdes liegt im Bereiche leichter Verwirklichung. Jenes Land ein großer Filter, aus dein in jahrzehntelanger Klärung wieder ein reineres Judentum hervortrvpft ... So sindet langsam und unter geringen Schmerzen die Trennung vom Deutschen und das Zurückwachsen auf das Jüdische statt. Ueber das Jüdisch-Deutsche zum Hebräischen. Ueber Polen n a ch P alüstin a. Ich weiß nicht, ob Herr Alfred Leuun ein Eigenbrödler ist, der unreife Erwägungen der Welt mitzuteilen für gut findet, oder ob er vielleicht Pläne, die von anderer Seite ausgegangen sind, ausplaudert. Jedenfalls können wir nicht umhin, unserem Erstaunen Ausdruck zu geben, daß eine deutsche angesehene Verlagshandlung, Eugen Diederichs in Jena, derartigen kindlichen Ausführungen ihre Spalten öffnet, und muffen auf das entschiedenste ablehnen, solche Anschauungen als die eines noch so winzigen Bruchteils von Juden anzunehmen. Wenn unsere so furchtbar ernste Zeit Humoristisches zuließe, müßte man Herrn Lemur zuin jüdischen Humoristen ernennen. * Auf Prof. Marburgs Auseinandersetzung hat Professor Alfred P h i l i p p s o n gleichfalls im „Berliner Tageblatt" in einem Artikel „Die Juden Rußlands und die Entwicklung P a l ä st i n a s" folgendermaßen erwidert: 1. Qb die B e w o h n erzähl von Palästina heute 700 OOO oder 000 000 beträgt, ist gleichgültig; es weis; das niemand genau, da es bekanntlich in der Türkei keine Volkszählung gibt. 2. Der Vergleich Palästinas mit Sizilien ist unmöglich wegen der ganz verschiedenen geologischen Beschaffenheit. Während Palästina zumeist ein felsiges, dürres Kalkgebirge ist, besteht Sizilien überwiegend aus lockeren tertiären Ablagerungen, die einen hervorragend fruchtbaren Boden abgeben. Dazu kommen eine viel günstigere Ver- Lehrslage und eine günstigere Geschichte seit dem Altertum, derznfolge die Kultur in Sizilien nicht so herabgekommen ist und der Boden sich besser erhalten hat als im Orient. Sizilien ist daher noch, wie im Altertum, ein ausgezeichnet fruchtbares Land. Dennoch lebt bekanntlich die Bevölkerung Siziliens im äußersten Elend und wandert in großen Mengen mr§. Sizilien ist stark übervölkert. 3. Ein Anban des steinigen Kalkgebirges von Palästina mag theoretisch möglich sein, wenn man alle Steine entfernt und fruchtbare Erde über den anstehenden Felsen ansbreitet. Glaubt aber Herr Marburg im Ernst, daß sich eine derartige Arbeit in große m M a ß st a b e ausführeu läßt und die ungeheuren Kosten rentieren wird!? Man muß doch nicht bUff; das technisch ebenfalls Mögliche in Betracht ziehen, sondern auch die Rentabilität. Alan kann keine großen Volksmassen aus die Dauer mit Zuschüssen ernähren! Wo ist denn bisher ein solches Kalkgebirgstand am Mittelmeer dicht angebaut und besiedelt worden? Und nun gar durch des Ackerbaues ungewohnte russische Inden! Die Massen dieser unglücklichen Menschen als Versuchskaninchen für abenteuerliche Meliorationsversuche! 4. Ter Westabhang des Libanongebietes, von geringer Flächenausdehnung, ist fruchtbar und dicht besiedelt. Wenn irgendwo die Ausnahme die Regel bestätigt, sv ist es hier. Herrn Professor Marburg sollte es bekannt sein, das; dieses kleine Gebiet nicht „geologisch-gleichwertig" mit Palästina ist, sondern das; hier Sandsteine unter dem sonst herrschenden Kalk hervortreten, die einen besseren Boden und vor allem eine reiche Bewässerung veranlassen. Dazu hat dieses Gebiet mindestens die doppelte Regenmenge wie Palästina! Aber es ist sehr klein und schon sehr dicht besiedelt. 5. Ueberhanpt ist es ja gerade für die meisten Mittelmeerlände charakteristisch - diese geographische Grundeigenschaft sollte Herr Professor Marburg bekannt sein — daß zwischen weiten, unfruchtbare! nnd dürren Gebieten kleine, überaus üppige, vasenartige Gaue liegen die aber s ch o u dicht von Menschen besetzt zu sei! pflegen. Fruchtbare Gegenden geringer Ausdehnung, wo alle di von Professor Marburg anfgezählten Früchte gedeihen, gibt es am in Palästina. Es ist aber falsch, diese Fruchtbarkeit auf das Vielleich zehn- oder zwanzigmat größere Gesamtland zu übertragen und dam daraufhin die Möglichkeit einer starken Bevölkerung zu konstruiere! Das G r u n d p r o b l e m der Ansiedlnngsfährgkeit eine Landes, nämlich die Größe der anbaufähigen und den Anba: lohnende n, noch freien B o d e n f l ä ch e, wird eben von Herr.' Professor Marburg, wie überhaupt voll den Zionisten, verkannt. Men man in einem Lande 10 000 ausgesuchte Menschen än ausgesuchte! Plätzen mit Erfolg ansiedeln kann, ist damit nicht gesagt, daß man aiu\; drei Millionen änsiedeln kann. Diese Bewohnerzahl für Palästina, da sind 100 Einwohner ans das Quadratkilometer im Durchschnitt, ist fü absehbare Zukunft utopisch, wenn es auch kleine Bezirke gibt, w> schon heute 130 Einwohner auf das Quadratkilometer wohnen. Uni die kann man doch nicht aus den kleinen fruchtbaren Gegenden hinam werfen! 6. Die Ansicht des Herrn Professors Marburg, daß sich in absehbare Zeit die Türkei zweifellos zu einem Jndnstrielände entwickeln wird weil im Mittelalter (und Altertum) eine Industrie hier bestanden ha! und daß dann die Türkei 100 Millionen Menschen ernähren föinn (100 ans ein Quadratkilometer, d. h. fast so viel, wie m Deutsch land ans einem Quadratkilometer wohnen), zeigt eine solche Ber kennnng aller Historischei', kulturellen und wirtschaftlichen Ent Wickelungen, daß darüber nicht ernstlich zu reden ist. Ja, was in Schoße späterer Jahrhunderte schlummert, das können wir freilici nicht voraussehen! Jedenfalls für diese nnd die nächsten Generationei russischer Inden hat diese Phanitasmagorie keinen Wert. Es sei mi daran erinnert, daß die hochindustriellen atlantischen Küstenstaate/ der Union heute durchschnittlich erst etwa 40 Einwohner ^auf da Quadratkilometer (die ganzen Vereinigten Staaten nur 10) zählen. 7. Auch auf die Anlage der großen Bewässerungswerke können di russischen Juden nicht warten. Aber — von allen Uebertreibungen abgesehen — stimme ich mi Herrn Professor Marburg völlig überein, das; die Türkei die Möglich feit einer großen Steigerung der (vorzüglich landwirtschaftlichen) Pro duktion und einer beträchtlichen Vermehrung der Bevölkerung dar bretet. Jedoch nicht in kurzer Frist und nicht durch Masseneinwande rung, am wenigsten von ungeübten und nicht akklimatisierten russische! Juden, sondern durch allmähliche Gesundung und kulturelle Hebum von innen heraus, die mindestens Jahrzehnte in Anspruch nehme! wird. Ich bin an anderer Stelle auf die natürlichen Grundlage! dieser Entwicklung näher eingegangen. Ich leugne auch gar nicht das; sich daran eine vorsichtige, langsame Einführung einer mäßige' Zahl russischer Juden, in kleinere Gruppen an passenden Stellen ver teilt, mit Erfolg beteiligen könnte. Aber ich leugne, daß mit eim solchen langsamen Verfahren das dringende Ostjudenproblem irgend wie der Lösung nähergebracht werden kann, sondern wenn dies dure- Auswanderung überhaupt geschehen soll, so kann es nur dure schnelle M a s s e n a u s w a n d e r u n g geschehen. Ueber dieser nächtigen Ausgangspunkt meiner ganzen Darlegung schweigt sich Her Professor Marburg aus. Er meint, daß „ernste Kreise" dem Gedankei einer „Schnellkolonisation" nicht huldigen. Es ist mir ctbc' beknnntgeworden, daß weite - wenn auch vielleicht nicht „ernste' — Kreise von einer schnellen Massenauswandermlg gerade nacl der Türkei das Heil für die russisch-polnischen Juden erwarten Diesem Gedanken, der, wenn weiter verfolgt, die schwersten Enttäuschungen veranlassen, heilsameren Maßregeln den Weg versperren und die unglücklichen osteuropäischen Juden noch mehr ins Unglück stürzen muß, entgegenzutreten, hielt ich für meine Pflicht. Nicht die schnelle Massenauswanderung an sich, wenn sie finanziell ausführbar sein sollte, hatte ich für verkehrt, sondern ihre Leitung nach der Türkei. Meiner Ansicht nach sollte eine Massenauswanderung verbunden sein mit einer Verteilung der Auswanderer auf verschiedene Länder in kleineren Grupven. Also Massenausw a n d e r u n g, aber nicht Masseneinwande r n n g! * i