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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-25 · Heft 8 (25.2.1916) · p. Seite 87

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 8 (25.2.1916)
Date
1916-02-25
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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87 besserer Einsicht folgend, von ihrem felsenfesten Vertrauen zu diesen ihren - unwillkommenen Beschützern zurückgekommen sind? Jedenfalls mutete diese ganze feierliche Erklärung etwas > Operettenhaft an und stand zu dem furchtbaren Ernste der Zeit i in einem argen Mißverhältnis.! Zu den vielen Vergewaltigungen Griechenlands, die seit j Monaten seitens Englands und Frankreichs geschehen sind, ist j in den allerletzten Tagen eine ungeheuer starke hinzugekommen: j die Gesandten der Viermächte nämlich haben dem griechischen Ministerpräsidenten angekündigt, daß der in Paris tagende Kriegsrat die militärische Besetzung aller griechischen Eisenbahnen und Telegraphenstationen in Thessalien und Morea durch die Vierverbandstruppen angeordnet habe. Die Gesandten bemerkten nur, daß, falls Griechenland sich nicht freiwillig dem Beschlüsse füge, Gewalt angewendet werden würde. Dieser Meldung wird hinzugefügt, daß ein griechischer Kriegsrat einberufen worden sei, um über die neugeschaffene Lage zu beraten. Was dieser Kriegsrat beschließen wird, läßt sich natütftdfj nicht Vorhersagen. Nach allem Vorausgegangenen ist kaum anzunehmen, daß sich Griechenland zu der einzig würdigen Erklärung, d. h. zu einem entschiedenen Bruche mit beit unverschämten Freunden, aufraffen wird, die sich vollkommen als Herren aufspielen. Aber was auch geschehen mag. inan muß die Ungeheuerlichkeit dieses ganzen Verfahrens sich! stets anfs neue klarmachen. Dieselben Mächte, die es wagen, unsere Neutralitätsverletzung Belgiens zu brandmarken, nachdem wir aufs loyalste die Unabhängigkeit Belgiens im Falle des ungehinderten Durchmarsches garantiert hatten, wagen es nun, in einem neutralen Lande, das sie schonten, solange sie es brauchten oder fürchteten, sich ganz ungehindert festzusetzen und es in schonungsloser Weise als Knechtes-, wenn auch nicht geradezu als Feindesland zu behandeln. Wie es scheint, will auch nun Italien an dem neuen Feldzuge teilnehmen, der von Saloniki aus beginnen soll. Es verlautet nämlich, daß Italien seine Kavallerie dorthin geschickt habe, nachdem es die Vergeblichkeit von deren Bemühungen am Jsonzo eingesehen hat. i Die Türken, die längere Zeit überall da. wo sie den Russen > entgegenstanden, Triumphe davongetragen haben, müssen nun; eine starke Niederlage beklagen. Die starke Festung E r z e r u nt j ist ihnen von den Russen entrissen worden. Der Uebergang; dieser Festung an die russische Macht ist ein sehr schrnerwns-! volles Ereignis, nicht bloß wegen der außerordentlich starken Menschen- und Materialmenge, die dadurch den Feinden in die Hände gefallen sind, sondern auch wegen des moralischen , Eindrucks. Es ist einerseits zu fürchten, daß dadurch die > Türken in ihrer Siegeszuversicht und Kampffreudigkeit erheb-! liche und folgenreiche Einbuße erleiden, und es ist andererseits! wohl zu verstehen, daß dadurch die Russen, die eine Zeitlang! sehr kleinlaut gewesen waren, ihre Hoffnungssreudigkeit stärken.! Schon hat das Triumphgeschrei auf seiten unserer Gegner sich j erhoben; das fällige Glückwunschtelegramm des Herrn! Poincare, die einzige Aeußerung, in der dieser wenig beschäsi tigte Herr sich von Zeit zu Zeit zu betätigen pflegt, ist einge-! troffen; aber der Verlust ist sehr beklagenswert, und die! Schwere dieses Ereignisses soll nicht nach dem schlechten Muster! unserer Gegner, das diese in ähnlichen Fällen anwenden, vor j der Welt beschönigt werden.! Da wir gern, von vernünftigen Stimmen unserer Gegner! Notiz nehmen, so sei darauf hingewiesen, daß in England ein j großes Werk erschienen ist mit Beiträgen der allerj erste n Gelehrten und Schriftsteller, die die Bedeutung j Deutschlands in Vergangenheit rmd Gegenwart in würdigster Weise schildern. Vielleicht kommen wir, wenn uns das Werk in die Hände gelangt, auf die bedeutsame Erscheinung zurück. In gleicher Weise buchen wir gern nach dem „Berliner Tageblatt" die folgende Aeußerung eines französischen Blattes: Genf, 16. Februar. Die „Hu m a it i t e" widmet ihren heutigen Leitartikel der Judenfrage in Rußland. Sie erblickt in den Verfolgungen, denen die Inden im Reiche des Zaren ausgesetzt sind, eine Gefahr für die Interessen des Vierverbandes. Das Blatt weist darauf hin, daß die von der russischen Regierung gemachten Versprechungen, den Juden bessere Behandlung angedeihen zu lassen, n i ch t gehalten w u r - d e u. Sie schildert die traurigen Zustände, denen die Unglücklichen ausgesetzt sind, die gewaltsamen Ausweisungen von Tausenden, die iit verschlossenen, nur für Viehtransport eingerichteten Wagen Hunger, Durst und u n s ü g l i ch e E n t b e h r u n g e n litten und wochenlang von Provinz zu Provinz oerschleppt wurden. Die „Humanit4" hält es für dringend nötig, das; Frankreich und England ihrem Verbündeten das Bedenkliche dieser Zustände tnx g e m einsamen Interesse ernstlich nahelegten. Sie beweist wenigstens, daß es in Frankreich einige vernünftige Menschen gibt, die die unerhörten Greuel in Rußland, die gegen die Juden geschehen, nicht weiter dulden wollen. Ueber den großen Moskauer Pogronr (20. Mai bis 8. Juni 1915), der sich freilich mindestens ebenso gegen die Deutschen als gegen die Juden gerichtet hat, bringt die „Frankfurter- Zeitung" einen ausführlichen Artikel, aus dem hervorgeht, daß diese Bewegung von langer Hand vorbereitet war, daß sie nicht von blutgierigen Horden ausging, sondern daß sie von dem dortigen Stadthauptmann geleitet wurde, und daß infolge der darüber gepflogenen langen Untersuchung gegen den General Adranoff eine Anklage wegen Untätigkeit im Amt und wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt erhoben worden ist. * So ungern wir in dieser Zeit — obgleich der ehemals heilig gehaltene „Burgfriede" schon lange nicht mehr zu existieren scheint — gegen Andersmeinende innerhalb der Schar unserer Glaubensgenossen polemisieren, so müssen wir doch den entschiedensten Protest gegen einen Artikel des Herrn Alfred Le mm erheben, der in der Zeitschrift „Die Tat" erschienen ist. Der Verfasser leistet sich zunächst folgende Sätze: Die jüdische Seele, welche sich darauf beleidigt auf sich selbst zurückziehen lvird, findet dort den Bodensatz, den das allgemeine Anschwellen des Natwnalgesühls auch im Juden gelassen hat, vor und lvird ihn für eigene Zwecke verwenden wollen. Hinzu kommt, daß Deutsche und Juden, im Krieg durcheinander geworfen und in nahe Berührung gekommen, sich ihrer Unterschiede bewußt geworden sind. Das Verlangen nach einem Vaterland wird in den Juden wieder stärker werden... Die Sehnsucht nach Ueberemstimmung des jüdischen Inhalts mit der deutschen Kulturform läßt die Juden vergebliche Anstrengungen machen, die doch an ihrer Zusammensetzung scheitern müssen, und sorgt unentwegt für jene II n b e f r i e d i g t h e i t, welche noch das einzige Gemeinsame bei den Juden Deutschlands ist. Das Deutsche, umworben oder gemieden, angebetet oder verflucht, es würde nie r est l o s u n s er. Für diese von ihm konstatierte, aber doch nur von ihm geglaubte Erscheinung sucht er eine Hilfe, findet sie nicht in dem Zionismus, wie er bisher bestand, sondern sieht sie darin, daß die Juden ihre Kinder „vom fünften oder sechsten Lebensjahre an zur Erziehung nach Palästina geben sollen". Das eigentliche Urteil über einen derartigen Vorschlag will ich am liebsten unterdrücken; der Verfasser scheint selbst etwas Angst vor seinem Antrag zu haben, so daß er dazu kommt „Teile von Galizien oder Polen als vorläufiges Mittelland für Palästina" anzusprechen. Und diese Vorschläge schließt er mit folgender Ausführung: In einer Stadt, welche durch möglichst große Biegungsfähigkeit, aber auch Ungebeugtheit des jüdischen Einwohnermaterials als

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