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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-25 · Heft 8 (25.2.1916) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 8 (25.2.1916)
Date
1916-02-25
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 -! ,r j zu kämpfen hatte, den strengsten Partikularismus, stellte seinen Gott als Gott Israels dar, der keinem anderen Volk sich geoffenbart habe (2. Mos. 6, 7, 3. Mos. 26,12 usw.), zeigte die feindlichste Abstoßungskraft gegen alle heidnischen Völker und stellte Vorschriften auf, denen es gegenwärtig, bei den veränderten Ver-' hältnissen, nicht mehr huldigen kann. In dem strengen Partikularismus zeigt das Volk des Judentums sowohl als das des Heidentums die lebensfrische Tatkraft, sich gegen den Einfluß feindlicher Elemente rein zu behaupten. Jedoch zeigen beide ihre gegensätzliche Verschiedenheit, insofern beider Ideale als reine Gegensätze sich darstellen. Heidentum ist Naturdienst; zeigt nun die Natur in einem jeden Klima einen besonderen eigentümlichen Typus, so muß auch das Volk jedes Klimas seinen eigenen Gott verehren. Das heidnische Volk läßt daher auch seinen Gott ausschließlich in seinem Vaterland residieren; der Inder am Ganges, der Aegypter am Nil, so wie der Perser und der Grieche nur in seinem Geburtsort seine Gottheit findet. Deswegen umklammert das heidnische Volk krampfhaft die Erdscholle, die es gebar; denn es fühlt, daß, getrennt von diesem, eS hinwelkt wie die entwurzelte Pflanze. Das Judentum dagegen erkennt die Natur zwar als Gottes Geschöpf, belebt öurch Gottes Odem; doch ist sein Gott hoch erhaben über der Natur und findet nirgends im Dasein einen ihn fassenden Wohnsitz. In dem Tempel läßt der Jude nur den Namen, die begeisternde Herrlichkeit seines Gottes thronen, ihn selbst aber kann nicht ein Himmel, nicht ein Himmel der Himmel faßen. Das Judentum ist an keinem Boden angewurzelt, weshalb sein nationaler Partikularismus nicht wie der des Heiden- - tums eine wesentliche, sondern nur eine transitorische Bedeutung gewinnt. Darum zeugte nicht nur Palästina seine Makkabäer, sondern ein jedes Land seine Märtyrer, die der Erhaltung des Judentums das Leben opferten. Die Vaterlandsliebe des Juden ist Begeisterung für die Religion der Väter; ihr Gewand bilden die historischen Namen, mit denen einst diese Religion eng verwebt war, als Jerusalem, Zijon, Tempel usw., welche Raumbenennungen vom Volksgeist schon längst vergeistigt und universalisiert wurden. Der PartikülariSmus des Judentums birgt unter dieser äußeren separatischen Schale den Kern eines wahren Universalismus, den die Prophetie klar erkannte und oft verkündete. Nationalität und Universalismus, diese beiden Gegensätze, sie verschwisterten sich im jüdischen Volk und spiegelten sich sodann in dessen Lehren und Vorschriften abwechselnd in größerer oder geringerer Klarheit ab. Schon in Mose, fortschreitend in den Propheten, in den Psalmisten ist der Blick von der Nation aus auf die ganze Menschheit gerichtet. Wieviel auch in der Bibel, in den geschichtlichen und prophetischen Teilen das Bild der Völkerkämpfe in ihrer ganzen Furchtbarkeit, Dauer und Mannigfaltigkeit vor uns erscheint, wie sehr auch hier und da die Erinnerung an die Familienverbände gewisser Völker hervorgehoben wird, die allgemeinen Prinzipien, die die Schrift verkündet, die Menschennatur, die Gottesanbetung, die Freiheit, die göttliche Vorsehung und Gerechtigkeit, sie kennen keinen Unterschied, keine Stammes- und Raffenunterschiede, sondern sie gelten für alle, zu ihnen sollen und werden sich alle bekennen. Es läßt sich dieser Dualismus von Nationalität und Universalismus durch alle rabbinischen Zeitalter verfolgen. Er beginnt schon in leisem Anflug in den ältesten Sprüchen der Väter, wird zur offenen Spaltung in den Differenzpunkten Schammais und Hillels und bekundete sich dann in den in Mischna und Gemara auftretenden Lehrern, den späteren rabbinischen Schriftstellern bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Diese beiden divergierenden Richtungen waren gleichsam der Doppelhebel zur Fortbewegung des sogenannten Rabbinismus in den zwei Jahrtausenden seines Bestehens. Nationalismus, Universalismus und Glaubensgemeinschaft stehen einander durchaus nicht feindlich gegenüber: Das Menschenherz ist fruchtbar genug, um alle diese veredelten Anpflanzungen zu pflegen. Es kommt nur darauf an, das rechte Maß, die wahre Harmonie, die sittliche Uebereinftimmung zu finden, die zwischen ihnen bewahrt werden müssen. Denn erst da, wo das eine Moment sich an Stelle des anderen setzen, es verdrängen und zum Schweigen verurteilen will, wird jedes zu einem sittlichen Feind, und der daraus entspringende Fanatismus wird dann den Weg der Wahrheit und des Rechts verlieren. Das Judentum war aber für uns nie die Quelle des nationalen Hochmuts, sondern bloß die Quelle der Sittlichkeit und der sittlichen Erziehung für uns und für die ganze Menschheit, und mit dem Augenblick, wo diese Aufgabe verkannt wird, verliert es jeden Halt, bleibt es ein Körper ohne Seele. Dir Wtoche. Berlin, 22. Februar 1916. uch während des verflossenen Zeitabschnitts ist von großen Kriegsereignissen nicht zu reden, die die Stellung der Parteien zu verändern oder irgendwo und irgendwie neue Situationen zu schaffen geeignet wären. Jede der kriegführenden Nationen erklärt aus das entschiedenste, daß sie den Willen zum Siege habe, und da wir von der Ehrlichkeit dieser unserer Aussage überzeugt sind, so haben wir keinen Grund, an der Aufrichtigkeit der Meinung anderer zu zweifeln. Bedenkt man freilich, daß es Italien trotz seiner neun Monate lang dauernden Versuche noch immer nicht gelungen ist, die „zu erlösenden Provinzen" wirklich zu befreien, ja, daß es ihn: nicht einmal möglich war, irgendwo die Front des gegen Italien aufgerichteten österreichischen Grenzwalles zu durchbrechen, bedenkt man ferner, daß die Versuche der Russen in Beßarabien trotz aller ihrer außerordentlichen Anstrengungen vergebliche geblieben sind, und ferner, daß Franzosen, Engländer und Belgier nicht etwa auf deutschem Gebiete, sondern auf belgischem und französischem ihren deutschen Feinden gegenüberliegen, ohne daß sie es in 18 Monaten fertiggebracht haben, den Deutschen auch nur einen kleinen Teil der eroberten Gebiete zui entreißen, bedenkt man endlich, daß in neuester Zeit Vorstöße der Deutschen gegen die Engländer bei Ppern, gegen die Franzosen bei Dahure von Erfolg begleitet waren, so versteht man nicht recht, worauf die Ueberzeugung unserer Gegner, den Sieg zu erringen, sich gründet. Man müßte denn eben auf eine jahrelange Ausdehnung des Krieges rechnen und damit auf eine völlige Erschöpfung Deutschlands. Aber diese Rechnung dürfte falsch sein angesichts der Hilfskräfte, über die Deutschland noch immer, und zwar für lange Zeit gebietet, und angesichts der Tatsache, daß die Erschöpfung an Menschen, Material, Geld und Kriegslust bei den Gegnern mindestens ebenso große Fortschritte macht wie bei uns. Ausfällig war in den letzten Tagen die Erklärung Frankreichs, Englands und Rußlands an das Schattenreich Belgien, eine Erklärung, der sich Italien nach seiner Art in einem kleinen Sondervertrag angeschloffen hat. Die Erklärung hatte den Inhalt: man werde es nicht untergehen lassen, sondern nicht eher ruhen, bis man ihm die völlige Freiheit und Integrität wiedergegeben hat. Sollte dies nur ein kleiner Trost für das belgische Volk sein, das seine so lange vergeblich genährte Hoffnung so gründlich getäuscht sieht? Oder sollte eine solche Erklärung dazu dienen, die Welt daran zu erinnern, daß irgendwo noch wirklich ein Königreich Belgien existiert, oder sollte diese Tröstung etwa gar auf Friedensbemühungen Hinweisen, die von Belgien hinter dem Rücken seiner angeblichen Beschützer, in Wirklichkeit aber seiner Oberherren, unternommen worden sind, da sie vielleicht, doch

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