Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 8 Allgemeine Berlin, 25. Februar 1916 eilung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-prers; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 32-*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Vertag: Nuäotk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des )udentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, Zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. HTIh'lft* ®ei ^eÖr'ff der „Nationalität" in der alten Zeit und in yilljull« j^ei. neuen. Von Dr. V. Seligkowitz, ßötljen. — Die W oche. — Charles L. Hallgarten. L. (i. Das weibliche Dienstjahr. Von Regina N ei her. — Tie Auswanderung der polnischen Juden nach der Türkei. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. — Cprechsaal. — Berichtigung. — Druckfehlerverichligung. Der lSemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen. Kletzko, Lissa i. P., Hamburg, Friedrichstadt, Lübeck, München, Wien, Innsbruck. — Von Nah und Fern. Der löegrikk der „Mtionslität" in der alten Leit und in der neuen. Von Dr. B. Seligkowitz, Köthen. o lvie der Mensch vermöge seiner Abstammung gänzlich als Mied seiner unfreien Natur betrachtet werden muß, so mutz er auch vermöge seiner Stellung in der Menschheit als ein solches erkannt werden. Es liegt außerhalb seiner Selbstbestimmung, in welchem Volk, in welchem Klima und zu welcher Zeit er als Erdenbewohner das Dasein begrüßen soll, und lvillenlvs wird er in einer Menjchengesellschaft geboren, so nne die Pflanze willenlos der Erdscholle entkeimt, auf die das Samenkorn vom Zufall oder von einer Absicbt geworfen wird. Eine Anzahl Menschen, durch ein und dasselbe Band zu einer Kollektiveinheit verbunden, bildet ein Volk, das als solches einen eigentümlichen Charakter zeigen und mit anderen Kollektiveinheiten in gewisse Verhältnisse treten mutz. Das einende Band, das eine Anzahl Menschen zu einer Volksindividualitüt verbindet, ist jedoch in der modernen Zeit nicht mehr dasselbe, das es in dew a l t e n Z e i t w a r. Der Mensch stand in der alten Zeit in der Sphäre des Gefühls, wodurch er, noch mehr dem Naturleben angehörend, seine einzelnen Völkerrassen, gerade wie die Natur ihre einzelnen Geschlechter, zu verteidigen strebte. Die alte. Welt fand daher nur i n d e n I n st i t u t i o n e n das einende Volksband, die außerhalb des Bereichs der menschlichen willkürlichen Einrichtungen lagen. Als solche Institutionen müssen vorzüglich Abstammung von einer und derselben Familienwurzel, oder die Religion, oder, was meistens der Fall war, beides zusammen genannt werden. Aus den patriarchalischen Verhältnissen des Familienlebens entwickelte sich für den zum Volk herangewachsenen Stamm die Staatsverfassung, die sich so abzugrenzen und zu konzentrieren verstand, daß sie die ursprüngliche Familienrasse ebenso rein und ungemischt erhielt, wie die -einzelnen Geschlechter der Naturgebilde gegen das Eindringen irgendeines Bastardtypus sich zu behaupten wissen. Das Gefühl ist das Medium, durch das die alte Zeit den Geist zur Erkenntnis seines Ideals führt; Objektivität ist ihr Charakter. Dieser objektive Charakter der alten Zeit erlaubt nicht, daß der Geist des Menschen in seiner Autonomie ein Volk! durch Institutionen schasse und durch Korporation zum Staat j organisiere, sondern er suhlt, daß nur das Gesetz Gottes auf! eine wahre Autorität Anspruch machen kann. Gott gibt Gesetze,! Rechte und Vorschriften, und er ernennt die Korporationen, die j für die Beobachtung dieser Gesetze zu sorgen haben. Gott ist! Gesetzgeber, er ist Regent, ihm gehört das Volk an. Dieses Ver-! hältnis ist volksbildendes Element aller Staaten der alten Zeit, j Je mehr aber der Mensch ans der Sphäre des Gefühls in die z des Verstandes und der Vernunft sich erhebt, desto mehr gewinnt! sein Geist an Macht über die Natur, und desto mehr bemüht! er sich, die fatalistischen Gesetze der bewußtlosen Natur aufzugeben und den vernünftigen Institutionen des freien Geistes zu huldigen. Die Naturgebilde müssen willenlos den gegebenen Gesetzen sich fügen und in ihren einzelnen Geschlechtern sich abschließen. Die moderne Zeit betrachtet daher als einendes Volksband bald die Sprache, bald die Staatsverfassung, selten aber die Abstammung und am seltensten die Religion. Aus! dieser Sphäre des Gefühls in die des verständigen Denkens j ward der Mensch vom Genius der modernen Zeit gehoben. In! dieser erkannte der Mensch, daß das normgebende, von ihm stets! als göttlich verehrte Prinzip in ihm selbst sich manij ,f e st iert; er betrachtet daher dessen gesetzgebende Stimme nicht 1 mehr als die Gottes, sondern als die seines eigenen, neben Gott , bestehenden Geistes und stieg durch diese Erkenntnis aus der passiven Objektivität zur aktiven Subjektivität empor. ' Nicht gegebene Gesetze, sondern selbstentworsene Institutionen wurden volksbildonde Elemente; nicht mehr gesammelte Orakelsprüche,! sondern die vom Richter gefüllten Urteile bildeten den Inhalt des Gesetzbuchs; dadurch trat die Souveränität Gottes als Oberhaupt des irdischen Staates immer mehr in den Hintergrund; : der Gesetze gebende Mensch wurde Oberhaupt des Staates und brach vermöge der Autonomie des denkenden Geistes alle von ‘ der bewußtlosen Natur gesetzten fatalistischen Volksbande entzwei. Der Mensch, der -Träger des freien Geistes, muß seine i Freiheit gerade darin zeigen, daß er diese separatistischen Naturi - fesseln, wie Abstammung, Geburt, Religion, nach und nach; bricht, jeden Kastengeist, im Volk sowohl als auch in den Völkern, verbannt, bis er endlich diejenige Höhe erreicht hat, ans! der alle Menschen, dem Ideal des geistigen Lebens folgend, als j Geschöpfe des Geistes und nicht mehr als solche der Natur aufj treten.— Die Reinheit einer Ausgedehnten Familie gegen das Eindringen fremdartiger Elemente zu behaupten, war, wie gesagt, das volksbildende Prinzip der alten Welt. Der Mensch lebte in der Sphäre des Gefühls, ließ sich nach objektiv gegebenen Normen wie Glieder der Natur in Rassen einteilen und behauptete ans dem ihm angewiesenen Gebiet, gegen alles Fremdartige partikularistisch sich abschließend, wie die Natur ihre Rassen gegen Abarten schützt, streng seine Eigentümlichkeit. Darum behauptete auch das Judentum der alten Welt, so lange i cs gegen das gewaltige Eindringen heidnischer Elemente kräftig