Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229240--72017-3284434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 — Hannover, 11. Februar. Die I s r a cI i t i f che E r - z i e h u n <v* a n st a 11 ,]ii A I) l e m rer all stattete zu Ehren ihres ver Jahresfrist verstorbenen Bor sitzen den, Herrn S a r t v r i ll s -ll 1} c i nl) 0 ld, eine erhebende Gedachtnisieier. Aut Vormittag suchten die Zöglinge der Anstatt gemeinsam di-e Grabstätte auf, an der Herr- Direktor Silber b e r g in tiefempfundenen Worten des Bereivigteit gedachte. Als Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit legten die Kinder dann Blumen -am Grabe nieder. Um 12 Uhr versammelten sich der Vorstand der Anstalt, das Kuratorium, die Damen, die Beamten und Zöglinge im Sitzungssaals der Zion-Loge, wo unter Anwesenheit der Familie Nh c inhold die eigentliche Gedenkfeier stattfand. Bon dem Podium leuchtest der Trauerversantutluug das lebensvolle Bildnis des Verstorbenen, umgeben von Blumen und Blattpflanzen, entgegen. Mit dem Trostlied „Blag auch die Liebe weinen", das von dem Schülerchor der Anstalt unter'der Leitung des Dirigenten, Herrn Alfred R ose, stimmungsvoll vorgetragen wurde, nahm die Feier ihren Anfang. Danach hielt Herr Landrabbiner Dr. Grone mann die Gedächtnisrede. Er verstand es meisterhaft, ein Bild der überragenden Persönlichkeit des Verewigten zu entwerfen, und liest den Verdiensten, die er sich um die sozialen Wohl sah r ts bestreb u u gen erworben, volle Würdigung zuteil werden. Der Redner hob hervor, wie Sartorius Rheinhold den Ideen Konsul S i m o n s , die in der Erziehungsanstalt Ahlem ihre Verwirklichung gesunden, sein ganz besonderes Interesse zuwaudst, ltitb wie er diese Institution mit der ganzen Nt a cht seiner Persönlichkeit und seiner Fähigkeiten gefördert hat. Daran schloß sich eine Rede des Herrn M. Z n ck e r m a n n. Er gedachte ebenfalls voll Anerkennung der großen Verdienste Sartorius Rheinholds, der sich in den Herzen seiner Mitarbeiter und der Zöglinge der Anstalt ein unvergängliches Denkmal gesetzt habe. Herr- Manfred Berliner sprach im Namen der Zion-Loge seinen Tank ans für die Förderung, die Sartorius Rheinhold, obgleich nicht ihr Blitglied, den Wohlfahrtsbestrebungen dieses Ordens durch Errichtung von Stiftungen und Gewährung namhafter Beiträge hatte zuteil Norden lassen. Mit dem Gesang des Schülerchors „Harre meine Seele" und einem weihevollen Harmoniumspiel fand die erhebende Feier für diesen hochverdienten Mann ihren Abschluß. — Saavburg, 11. Februar. Die „Saarburger Zeitung" brachte vor kurzem folgende bemerkenswerte Zuschrift eines k a t h o l i s ch e n Pfarrers: „Da lese ich eine Notiz „Katholiken und Juden in Polen", wie der Erzbischof in Warschau aus dem katholischen Hilfsfonds 10 600 Rubel für bedürftige Juden in Lodz abgegeben und dafür von deren Vorstehern ein herzliches Dankschreiben erhalten ' hat. Diese edle Tat der Nächstenliebe erinnert an denselben Geist der Wohltätigkeit, der in einer lothringischen Gemeinde, die zu zwei Dritteln aus Katholiken und einem Drittel aus Israeliten besteht, wechselseitig alles beseelte. Zehn Jahre habe ich in ihrer Mitte zugebracht und war des öfteren Zeuge musterhafter Nächstenliebe Armen und Notleideuden gegenüber. Kam ein Bettler ins Dorf, er durfte an jedem Haufe ohne Unterschied um eine milde Gabe bitten und erhielt sie auch. Und wenn die Merleubacher Schwestern ihre Runde machten, wären sie beileibe nie au einer jüdischen Tür vorübergegaugen, denn auch dort, das wußten sie, gab mau ihnen gern. Jedes Jahr kamen mehrmals arme Inden ans Polen und Galizien usw. hier durch. Weil sie fremd waren, kehrten sie nur bei ihren Religionsgmossen ein. Hätten sie aber auch bei den katholischen Dorfeinwohnern um eine Sättigung oder einen Reisegro scheu angehalten, er wäre ihnen gewiß nicht abgeschlagen worden. Mit dem Munde hat ja wohl, wie es sonstwo auch vorkommt, der eilte über den anderen etwas zu krakeelen gehabt, int Herzett aber blieb -man sich gut. Und das ist die Hauptsache." Grsterreich-Angarn. K. Wie«, 11. Februar. Unter ungemein Znhireicher Beteiligung fand am 6.- d. M. vormittags die Beerdigung des um 4. d. M. verblichenen Ehrenpräsidenten ttnd langjährigen Präsidenten der türkischen Jsraelitengemeinde in Wien, des türkischen Großhändlers Licco I. Adutt statt. Es erschienen der gesamte Vorstand des Verbandes der türkischen Israeliten (Sephardim) in Wien mit den Tempelvorstehern und Vorständen der türkischen Beerdignngsbrüderschafk und aller Vereine und Wohltätigkeitsan stalten sowie die gesamte Beamtenschaft der Gemeinde und fast sämtliche Mitglieder der türkischen Kolonie ln Wien, in welcher der Verblichene als-eines der angesehensten türkischen Mitglieder stets eine führende Rolle hatte. Die Trauerrede hielt der Rabbiner der Gemeinde Ghacham Michael P a p o. Namens des Vorstandes der Wiener Knltusgemeinde sprach Dr. Kapralik, imd im Namen der türkischen Gemeinde hielt Vorstandsmitglied Leon H a i m in spaniolischer Sprache einen warmen Nachruf. — Wie das hiesige Amtsblatt meldet, hat der Deutsche Kaiser mittels Kabinettsorder einigen Wiener Militärärzten die königlich Preußische Rote-Kreuz-Medailte verliehen. Unter den Dekorierten befinden sich auch folgende Aerzte mosaischer Konfession: Oberstabsarzt Tr. W. Fischer, Dr. N i ch t e r, Dr. B a u m a n n und Dr. M o r i tz S i l b e r m a r k. Ogigstins. L/D Jerusalem, im Januar. Dank der tatkräftigen Initiative von Fräulein Therese D r e h f u s aus Frankfurt, die angesichts des ihr zu Herzen gehenden Notstandes ihre Stellung als Lehrerin int Pekach- Tikwa ausgab, unt sich -mit Hilfe der Deutsch-holländisch>elt PalästiitaverivaltnnglgMZ dein Rottnugswerk zu widmen, ist fetzt in Jerusalem der Grund stein zu einer Versorgung eines Teiles der Atlerärmsteu mit einem loarinen Bissen für den Tag gelegt. Fräulein Drehsushat in drei verschiedenen Stadtteilen (Deutscher Platz, Meo Scheorim, Machne Jehuda) Küchen errichtet. Das Grundprinzip hierbei ist, daß -mau durch Massenspeisnug auf billigste Weise einer großen Anzahl gesunde Nahrung bieten kann. Die tägliche Zahl der ansgeteitten Portionen in diesen drei Küchen beläuft sich bisher auf 3200. Die Gesamtspesen betragen monatlich zirka 6000 Frs. Tie Speisung findet fünfmal wöchentlich (mit Ausnahme von Freitag und Sabbat) statt, so daß bei 21 Tagen im Monat 67 200 Portionen zur Verteilung kommen. Allerdings sind in letzter Zeit die Spesen durch Erhöhung des Brotpreises etivas gestiegen. Doch macht sich dies erst allmählich bemerkbar, da wir ziemlich große Vorräte an verschiedenem Material haben. Die Gerichte bestehen aus Linsen-, Weizengraupen- und Erbsensuppen. Das Durchschnittsmaß ist etwas mehr als ein viertel Liter. Hierzu erhalten Erwachsene zirka 250 Gramm Brot, Kinder weniger. Um die äußeren Spesen möglichst zu verringern, wird das Essen zum allergrößten Teil nicht bei der Küche verzehrt, sondern teils von den Familien, teils von den Schulen abgeholt. Es ist selbstverständlich, daß die Altsteilung ohne jede Rücksicht mtf Parteistelluug, vielmehr lediglich nach der Bedürftigkeit geschieht. So erhalten folgende Schulanstalten ans unseren Küchen Essen: die Talmud-Thora-Anstalten der Aschkeuasim (Ez Ehaim Meo Scheorim, Ghaje Aulom), die Talmud-Thora der sephardischen Gemeinde, die T. T. der Jemenitengenteinde, die sephardische Doresch-Zion-Schule, die Aschkenasische Jeschiw-as Zion, die Knaben- und Mädchenschule der Alliance Israelis, die Zionistische Knaben- und Mädchenschule mit Kindergarten, die Spitzenschule und die Handarbeitsschule. Es dürsten aus all diesen Anstalten ein Drittel bis zur Hülste gespeist werden. Nicht aus unseren Küchen erhalten Essen die Schulen des Hilfsvereins, da dieser eigene Küchen (mit zirka 1100 Tagesportioneu) hat, und die Rothschildsche Mädchenschule, welche bis jetzt eine eigene Küche für arme Schülerinnen besaß. Da aber die Küche voraussichtlich geschlossen wird, so soll bei der in Aussicht stehenden Vergrößerung unserer Küchen diese Schule wie die anderen bedacht werden. Ein sehr glücklicher Gedanke der Deutschholländischen Palästinaverwattmig war die Gründung von Küchen zum Kostenpreis. Wir haben je eine in der Junen- und Außenstadt eingerichtet. Insgesamt loerden täglich zirka 700 Portionen zum Preise von Gents verabreicht. Hierdurch wird es bedürftigen Familien ermöglicht, gegen Bezahlung billig kräftiges Essen zu erhalten. Brot wird dort nicht verabreicht. Man kamt je drei verschiedene Suppen, zwei verschiedene Fleischspeisen oder Gemüse erhalten. Diese Küchen geben auch am Freitag und Sabbat Gerichte. Außer unseren Küchen er ist streit hier noch zwei Snppenknchen des Hilfsvereins, welche, loie erwähnt, zirka l 100 Portionen täglich geben, sodann die Nathan Straußsche Küche mit zirka 600 Tagespvrtionen, ferner Kostenpreisküchen des Hilfsvereins, und vorübergehend verteilt die Küche eines amerikanischen Komitees zu Sabbat 200 bis 600 Portionen. Ebenfalls nur für Sabbat ist die seit Jahrzehnten bestehende sephardische Küche für zirka 200 Portionen. Das Berliner Küchenkomitee befaßt sich nicht mit der Armeuspeisnug für Jerusalem. Nach obiger Aufstellung kann man -also rechnen, daß zurzeit an den Wochentagen zirka 5000 Arme unentgeltlich Mittagessen erhalten. So imponierend die Ziffern anch sind, so nnzureichend sind sie leider. Bei der heutigen Lage kann man wohl rechnen, daß mindestens 10 000 Menschen darauf angeln lesen