Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Referat des Abends hielt Herr Flaut er über „Tie Behandlung von Gegenwartsfragen im Religionsunterricht". Sodann wurde der Jahresbericht verlesen, -aus imn folgendes mitgeteilt fei: Im Jahre 1915 fanden sieben Sitzungen statt, darunter eine Festsitzung zur Erinnerung an die 20. Wiederkehr des Stiftungstages der W. V. Es wurden folgende Vorträge gehalten: Rektor Tr. Spanier: Die Ehegeschichte des Hosea; Dr. Tä üb ler: Die Gliederung der jüdischen Geschichte; Dr. F e i st: Probleme des Krieges; Professor Dr. F i e g e l: Die W. V. im zweiten Jahrzehnt ihres Bestehens; Lehrer Ab r a h a rn : Das Alte Testament in Jtschners Unterrichtslehre; Lehrer Fl unter: Welche Aufgaben stellt der Krieg unserem Religionsunterricht?; Direktor Frredber g e r: Blindenunterricht, Blindenberufe, Blindenmrsorge; Lehrer Falkenberg: Die Ansprache im Jugendgottesdienst, besonders an den hohen Feiertagen. Im Laufe des Vereinsiahres gewann die Vereinigung drei neue Mitglieder, verlor aber ein Mitglied durch den Heldentod des Kollegen Leutnant Sender. Die Mitgliederzahl beträgt zurzeit 99. 18 Mitglieder stehen zrrrzeit mr Felde; ihnen sowie den im Felde stehenden Löhnen der Kollegen wurden wiederholt Liebesgaben gesandt. Im Anschluß an die Festsitzung am i. April wurde zu Zwecken der Kriegshilfe eine Sammlung veranstaltet, Oie 100 Mark ergab, wovon je 50 Mark dem „Hilfsverein der deutschen Juden" und dem türkischen „Roten Halbmond" überwiesen wurden. In der nun folgenden Vorstandswahl wurde, da Herr Abraham aus Gesundheitsrücksichten sein Amt niederlegte, Herr Direktor Dr. Gutm a n n zum 1. Vorsitzenden gewählt. Leider lehnte er aber nach längerer Bedenkzeit die auf ihn gefallene Wahl ab, so daß am!5. Januar 1916 noch eine außerordentliche Generalversammlung nötig wurde. Nach diesen Wahlen setzt sich der Vorstand der „Wissenschaftlichen Vereinigung" wie folgt zusammen: 1. Vorsitzender: Lehrer H. Falkenberg; 2. Vorsitzender: Lehrer M. Abraham;!. Schriftführer: Frau A. R o s e n t h a l geb. Budwig; 2. Schriftführer: oauptkantor M. Sacher; Schatzmeister: Lehrer R. Hirschfeld. Herr Falkenberg brachte andiesem Abend zwei Anträge ein. Im ersten Anträge wird der Vorstand der jüdischen Gemeinde ersucht, durch eine Verfügung dahin zu Wirkern daß die. zum Heere eingezogenen Lehrer and Kantoren der subventionierten Gemeinden nach denselben Grundsätzen zu besolden sind wie die der Hauptaerneinde. Falls die Subvention einer Gemeinde dazu nicht ausreicht, mögen die Vorstände der oetrefsenden Vereine um Erhöhung der Sllbvention bei der Hauptgemeinde einkommen. Ter zweite Antrag ersucht den Gemeindevorstand, auch die Hilfs- und Religionslehrer und -Lehrerinnen gleich den nicht fest angestellten Verwaltungsbeaniten mit einer Teuerungszulage ]u bedenken. Beide Anträge wurden angenommen. Ten Vortrag des Abends hielt Direktor Dr. Gutman n über „Die biblische Lehre von der göttlichen V e r g e l t u n g". In einer Vorbemerkung hebt der Referent hervor, daß er eine chronologisch geordnete Sammlung des biblischen Materials für die Behandlung der Lehre von der göttlichen Vergeltung geben wolle, da er der Ansicht >ei, daß der Unterricht in der systematischen Religion nicht fertige religiöse Lehren zu bieten, sondern zu zeigen habe, wie in dauerndem geistigen Ringen die einzelnen religiösen Probleme entstanden und ihre Lösung erfahren haben. Indem er dann auf die Geschichte der israelitischen Anschauung von der göttlichen Vergeltung eingeht, zeigt er zunächst-, wie sich schon in den ältesten Teilen der Bibel der Glaube an Gott als den Quell und Hort alles Rechts und aller Sittlichkeit finde; wie dieser Glaube dazu geführt habe, in allem Geschehen den Willen eines heiligen und gerechten Gottes zu 'erkennen und sogar von anderswo übernommene Erzählungen umzugestalten und unter einen ihnen ursprünglich fremden sittlichen Gesichtspunkt zu stellen. Allerdings sei dieser Glaube in der alten Zeit nicht uneingeschränkt gewesen. In manchen Erzählungen, wie der von der Austreibung des ersten Menschenpaares aus dein Paradiese (Gen. 3, 22 und 23) und ui der vom Turmbau zu Babel, in dem Verbote, sich der Bundes (ade zu nähern (in Sam. II, 24, 1; Kön. I, 22, 19—23), zeigen sich deutliche Spuren der vormosaischen Stufe der israelitischen Religion. All anderen Stellen, wie im Zusatz zum zweiten Gebot; Num. 16, 32; Jos. 7, 15; Kön. I, 11, 36, führte die Ansicht von der „Verkettung der Geschlechter in Schuld und Verhängnis" zu einer Durchbrechung der Lehre von Gottes unwandelbarer Gerechtigkeit. Unter dem Einslus; der Propheten aber sei der Glaube an Gottes Gerechtigkeit von allen Schlacken gereinigt: worden, die ihm aus der Volksreligion noch allhafteten, und der Referent zeigt nun, welche Blenderungen all den alten Berichten des Richterbuches, der Bücher Samuel itnb Könige vorgenomlnen wurden, um sie. zu deutlichen Belegen für die Lehre zu machen, daß alles Geschehen ein göttliches Erziehnngswerk sei, in dem Schuld und Strafe, Verdienst und Lohn die einzigen Faktoren sind. Diese einfache Lehre, nach der jedes Verdienst scholl hier seinen Lohn, jede Schuld ihre Strafe finde, und bei der jeder Zweifel an Gottes Gerechtigkeit ausgeschlossen sei, sei aber gar zu häufig ui Widerspruch mit der häufig gemachten Erfahrung geraten, das; es gerade dem Frommen schlecht, dem. Frevler dagegen wohl erging. Ausführlich zeigt nun der Vortragende, wie einzelne Psalmisten rnit diesem Problem rangen; wie sie angesichts der Leiden des Fronunen lind des Hochmuts des Sünders Gott oft geradezu leidenschaftlich aufforderten, feine Sache und die seiner Getreuen dadurch zu vertreten, daß er den Frevler vernichtete; lvie aber hier schließlich der elllzig mögliche Ausweg gesunden wurde, das wahre Glück nicht im Besitz äußerer Güter, sondern im Bewußtsein der Gottesnähe, das eigentliche Unglück dagegen in der Gottentfremdung zu sehen. Dalilit sei der Frage, lvie Gott das Glück des Frevlers, das Unglück des Gerechten zulassen: kölme, ihre Schärfe genommen und habe das Problem von der göttlichen Vergeltung eine der geläntertsten religiösen Auffassmlg entsprechende Lösung gefunden. E. S. Berlin, 15. Februar. Die dritte Montagsvorlesung zum Besten des S t i p e n d i e n s o n d s der L e h r a n st a l t für die Wissenschaft des Judentums und der vom Krieg Betroffenen fand am 7. d. M. statt. Den Vortrag hielt der Königliche Bibliothekar Dr. Heinrich L o e w e über „Jüdische Sprache und Mundarten". Schnell -eigneten sich die Juden die Landessprachen an. Aus den verschiedenen Ländern vertrieben, behielten sie diese Sprachen bei — in einer altertümlichen Form —, weil sie von der Fortbildung der Sprachen und der Entwicklung des Schrifttums ausgeschlossen waren. Räumlich und literarisch von wenig Bedeutung ist das Jüdisch-Persische, in sich Bestandteile der alten Zionsprache bergend. Frühzeitig nahmen tu Spanien die Juden die vornehmste Mundart des später zur Schriftsprache gewordenen Kastilianisch an. Selbst nach der Vertreibung von der Phrenäenhalbinsel behielten die Juden, wohin sie auch verschlagen wurden, das Spanische bzw. Portugiesische bei. Ende des 18. Jahrhunderts wich dieses in Holland und- Frankreich der Landessprache, blüht aber noch im vorderen Orient fort. Von diesen Flüchtlingssprachen ist für die Gegenwart das Judendeutsch voit besonderer Bedeutung, da es von der Masse der Judenheit (Russisch- Polen, West- und Südrußland, Galizien, Bukowina und den angrenzenden ungarischen Landstrichen) gesprochen wird. Gar wenig von Slawismen, etwas mehr schon von Hebraismen durchsetzt, ist es wesentlich das Deutsche, wie es beim ausgehenden Mittelalter in Ober- und Mitteldeutschland üblich war. Wenn vielen diese Mundart unangenehm, fremdartig, komisch klingt, so beruht dies auf Unkenntnis der früheren deutschen Sprache. Redner beleuchtet dies an einer Anzahl solcher „fremdartigen" Ausdrücke, welche vor drei Jahrhunderten sprachliches Allgemeingut waren und noch jetzt in oberdeutschen Mundarten widerklingen. Auch die jndenpolnifche Tracht und manche Gebräuche finden -in der deutschen Vergangenheit ihre Erklärung. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß die Nachkommen der deutschjüdischen Flüchtlinge nun den in Polen einrückenden deutschen