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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-18 · Heft 7 (18.2.1916) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 7 (18.2.1916)
Date
1916-02-18
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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84 Personen entweder Trunkenbolde oder verblödete Schnapsbrüder. Es sind Huren, Trottel, halb Irrsinnige, wie der Trödler Wassertrum, ein übermenschlicher Verbrecher, Hehler, Denunziant, Mädchenjäger, der den Pernath, nachdem er ihm eine vor: einem Diebstahl herstammende Uhr zugesteckt hat, bei der Polizei angibt und ihm eine säst einjährige Untersuchungshaft verursacht. Da ist ferner ein unehelicher Sohn dieses Trödlers, Charousek, den der unmenschliche Vater im bittersten Elend verkommen läßt, zu seinem Todfeinde erzieht und ihm in ganz unbegreiflicher Weise schließlich sein ganzes Vermögen vermacht. Da ist sodann Wassertrums ehelicher Sohn, ein Arzt, dabei ein abgefeimter Betrüger und Mörder. Dazwischen ein Liebespaar, ein Arzt Scwioli und dessen Geliebte Angelina, eine verheiratete vornehme Dame, die trotz dieser beiden Männer, mit denen sie zusammenlebt, auch dem zufällig ihr bekanntgewordenen Pernath, mit dem sie angeblich in ihrer Kindheit Zusammenlebte, von der dieser nichts mehr weiß, Liebesfreuden verschafft. Wir werden in Schenken und Spelunken niedrigster Art geführt, in eine vollkommene Verbrecherhöhle, in der Kellnerinnen, Zuhälter, das dort immer verkehrende Gesindel und das manchmal erscheinende vornehme Publikum mit verblüffender Kraft dargestellt werden. Fügt man noch hinzu, daß die vorhin erwähnte Mirjam, die von Pernath in idealster Weise geliebt wird, am Ende sich mit Pernath, aber nicht mit dem wirklichen, sondern mit seinem Doppelgänger verheiratet, und daß der wirkliche oder unwirkliche Pernath (denn man weiß wirklich nicht mehr, um wen es sich handelt) dieses Scheitern seiner Lebenswünsche mitansehen muß, so hat man vielleicht einen Begriff von den Ansprüchen, die dieses seltsame Buch an das Hirn und an die Einbildungskraft des Lesers stellt. Es geht darin oft so wirr zu, daß man manchmal auf den Gedarrten kommt, der Verfasser habe sich einen schlechten Scherz mit dem Leser machen wollen; an vielen anderen Stellen wird man aber doch wieder gefesselt durch die wunderbare Kleinmalerei, durch die bedeutsame Schilderung des alten Prag, durch die naturalistische Vorführung seltsamer, niemals erfreulicher, aber doch interessanter Menschen. Für das Buch ist eine ganz ungeheure Reklame ins Werk gesetzt worden, so daß schon ein vierter Abdruck (es wird nicht genannt, in wieviel Exemplaren) notwendig geworden ist. Es verdient diese Verbreitung gewissermaßen durch zahllose merkwürdige Schilderungen, in denen sich eine geübte Hand und ein geschultes Auge verraten. Aber das Buch ist durch seine Mischung von Wirklichem und Unwirklichem, Sinnlichem, und Unsinnlichem, Möglichem und Unmöglichem so verworren, daß man es eher als ein virtuoses Kunststück denn als ein wahrhaftes Kunstwerk bezeichnen muß. Herr Meyrinck ist ein Mann von 48 Jahren, der Lustspiele, Parodien und allerlei von ihm selbst als „Seltsame Geschichten" bezeichnete Bücher geschrieben hat und der auch als Uebersetzer hervorgetreten ist. Ich kenne nichts von allem, was er bisher geschrieben hat, und vermag auch nicht zu sagen, ob er Jude ist oder mit dem Judentum zusammenhängt. Er hat unleugbar ein großes Talent und hat sich in das alte Prag und in jüdische Sitten und Gewohnheiten in merkwürdiger Weise eingelebt. Es wäre zu wünschen, daß er bei seiner eminenten Begabung uns ein jüdisches Werk bescherte, das, wenn möglich uns in eine bessere Gesellschaft führte und uns erheblich weniger von Ausflügen in die Welt der Phantastik und bedeutend mehr von dein wirklichen Leben und seinen großen Kämpfen erzählte. L. G. * — Elis a b e t h W i u tz e r : L o u i s F e r d i n a n d, Prinz v o n P r e it ß e n. Die Sammlung der kleinen Musikerbiographien des Verlages Breitkopf und Härtel, Leipzig, hat durch die Biographie des ritterlichen Hohenzollernprinzen eine wertvolle Bereicherung erfahren. Ungewöhnlich wie seine Fähigkeiten, die zufolge der Aufzeichnungen seiner Schwester, der Prinzessin Radziwill, von seiner Umgebung niemals voll und ganz anerkannt und gewürdigt wurden, war auch sein Leben, das durch den ruhmvollen Heldentod für König und Vaterland bei Saalfeld allzufrüh endete. Die Erinnerung an die vom Zauber der Romantik umflossene Persönlichkeit des Prinzen Louis Ferdinand lebt unvergessen im preußischen Volke fort und ist namentlich in unserer großen Zeit aufs neue erweckt worden. Die Musik, die zu allen Zeiten im Hohenzollernhaus.e geübt und gepflegt wurde, fand in dem Prinzen Louis Ferdinand ihren begabtesten und berufensten Jünger. Meister! des Klavierspiels, hat er zahlreiche Tonwerke geschaffen, deren hervor-! ragende Bedeutung Beethovens Interesse und Anerkennung erregten. I Die Aufmerksamkeit unserer Generation auf diese Lonschöpfungen, die schon säst dem Schattenreiche der Vergessenheit anheimgefallen sind, zu lenken, sie ihr nahe zu bringen, hat sich Frau Wintzer zur Ausgabe gestellt und sie hat diese in trefflichster Weise gelöst. Ungemein anziehend schildert sie auch die freundschaftlichen Beziehungen, die den Prinzen Louis Ferdinand mit Rähel Levin verbanden. Diese bedeutende Frau, eine der bedeutendsten Frauen aller Zeiten, hat den tiefsten, weitesttragenden Einfluß auf ihn ausgeübt. Wir bedauern lebhaft, nicht näher aus das Merkchen eingehen zu können/das nicht zuletzt einen wertvollen Beitrag zur Geschichte des Berliner Gesellschastslebens um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts bildet und das wir allen Patrioten, Musik- und Literaturfreunden gleichermaßen warm empfehlen. Breslau. Regina Reißer. Sprrchsaal. Zur Ostjudenfrage. Zur Lage der Juden in Polen und Litauen darf wohl an das erinnert werden, was Feldmarschall Graf Moltke schon 1832 geschrieben hatte; die Schilderung des ruhmreichen Strategen und stillen Beobachters verdient gewissermaßen auch bei der gegenwärtigen historischen Reuordnung der Dinge Beachtung und Verständnis. Moltke schrieb damals über Polen: „Was nicht Edelmann war, lebte verachtet in den Städten oder unterdrückt auf den Dörfern. Ms die Städte das Magdeburger Recht erhielten, wanderten eine Menge fleißiger Ausländer ein, welche Betriebsamkeit und Handel schnell in Aufnahme gebracht hätten. Sie erlagen aber den sich immer -mehr erweiternden Rechten «des Adels und die Nachkommen jener fremden Einwanderer hatten eine sehr traurige, beschränkte Existenz. Der ganze übrige Handel lag völlig darnieder. Das Wenige, was noch vom Handel übrig blieb, verdanke man den Juden. Man kann nicht leugnen, daß dieses genügsame Volk die einzige vermittelnde Klasse bildete. Alle die Tätigkeit, welche Sorglosigkeit oder Stolz den Edelmann verschmähen ließen, und welche der Stumpfsinn, die Unwissenheit und die unterdrückte Lage den Bauern unzugänglich machten, fielen den Juden anheim, die-, wenn sie später ein nationales Unglück wurden, zugleich eine nationale Notwendigkeit waren; ersteres als Folge der schlechten Maßregeln der Regierung, denn man hat es überall leichter gefunden, die Juden zu verbrennen, als gute Bürger aus ihnen zu machen, letzteres, weil man die Juden haßte und ihren Reichtum beneidete, ohne den Fleiß nachzuahmen, durch welchen sie ihn erwarben." Die Ostjuden sind seit altersher auch die anerkannten Mittler und Künder des Deutschtums in den polnischen Landen gewesen, allerdings in einer der Lage und der Umgebung angepaßten eigenen Art. Jedoch was der Leitartikel von Professor A. Brückner in Nr. 5 dieser Zeitung den Jargon betreffend sagt, ist vollkommen vielen von uns aus der Seele gesprochen. Der Jargon ist nicht in einem Atemzuge mit der altehrwürdigen klassischen hebräischen Sprache zu nennen. Eine volkstümliche Geschichte der Juden hätte vielleicht wohl Berechtigung in den Jargon übersetzt zu werden, trotzdem hat unser Geschichtsschreiber Gr ätz seine Erlaubnis selbst dazu verweigert. Nämlich' vor etwa mehr als 25 Jahren hat Dr. Skomorowsky (Kiew) unseren großen Historiker wegen einer Jargonübersetzung seiner volkstümlichere Geschichte der Juden angefragt (nicht einmal die große Geschichte der Inden in elf Bänden) und Grätz verhielt sich entschieden ablehnend; er motivierte seine Ablehnung mit der Antwort eines unserer größten alten Geistesfürsten, des Patriarchen „Rabbi" -- pffo? 'DTID /3p Der Spruch des „Rabbi" ist gleichlautend für die Gegenwart: „Entweder die heilige hebräische Sprache, oder die Landessprache, wozu denn die Mischsprache?" In den Responsen eines Rabbiners Meyer K atz aus dem 17. Jahrhundert findet sich folgender Ausspruch: „Es bürgert sich unter unseren Brüdern in Litauen der Brauch »ein, Russisch zu sprechen; wenn der Herrgott gibt, daß die Erde der Erkenntnis voll wird, w e r d e n alle eine Sprache, D eu t sch, s p re ch e n." Cs ist der fromme Wunsch eines alten Rabbiners, der ein Streiflicht auf die Ausbreitung der deutschen Sprache bei den Juden wirft, für die Zukunft aber ein hellseherischer Blick. Memel, 6. Februar 1916. ' Leon Schei nh aus.

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