Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
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83 Lewi den Gerson: Die Kämpfe Gottes. Ueberfetzung und Erklärung des handschriftlich revidierten Textes von Benzion Keller mau n. Zweiter Teil. Berlin, Mayer u. Müller, 1916. Schriften der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Band 5, Heft 1—3. Litrrarilchk Mitteilungen. — Aus engen Gassen. Von Salomon Dembitzer. Deutsch von S t e s a n i a Goldenring. Berlin, C. A. Schwetschke & Sohn, Verlagsbuchhandlung, gegr. 1729. Dembitzer, der sich bisher in Jargonpoesie? versucht hat, wovon unsere Zeitung mannigfache Proben gegeben, bietet in dem vorliegenden Bündchen eine Anzahl Prosaskizzen dar. Sie gemahnen zum Teil in ihrer Schilderung der Heimat an frühere Veröffentlichungen. Neu sind zwei Arten von Skizzen: „Die Grenadierstraße" und zwei andere die Antwerpen gewidmet sind, der Stadt, in der mifeu Verfasser, nachdem er sich lange in Deutschland herumgequält, einen lohnenden Wirkungskreis gesunden hatte, aus dem er aber durch den Krieg vertrieben wurde. Diese drei Aussätze finde ich sehr gelungen: die Art, wie das Idyll der Grenadierstraße, einer Art Galizien, mitten in dem glänzenden und geräuschvollen Berlin; die Weise, wie das jüdische Antwerpen und die durch Kriegsgerüchte aufgeregte belgische Stadt gezeichnet sind, verraten ein entschiedenes Talent. Man liest sie gern, obgleich die Uebersetzung nicht einwandfrei ist, und stärkt seine Sympathie für den Verfasser, der auch in der Fremde seine unverwüstliche Liebe zur Heimat sich erhalten und doch das Streben in sich gefestigt hat, moderne Bildung sich anzueignen und der europäischen Kultur sich anzuschließen. L. G. * — M itteilungen d e s Gesa m t a r ch i v s d e r D e it t - s ch e n I u d e n. Heransgeg-eben von E u g e n T ä n b l e r. 5. Jahrgang 1914. Leipzig, Buchhandlung Gustav Fock G. m. b. H. 1915. Die von Eugeir Täübler h-erausgegebenen Mittei lnngeir erweitern sich zu einer Zeitschrift über die Geschichte der Juden in Deutschland, die. nach dein Eingehen der von mir einige Jahre lang heransgegebenen Zeitschrift für „Geschichte der Inden" von den Freunden der jüdischen Geschichtskünde schmerzlich entbehrt worden ist. Leider vermißt man in diesem Bande die Beiträge des kundigen Herausgebers. Ungemein brauchbar ist die von Herlitz bearbeitete .Bibliographie der „Erscheinungen zur Geschichte der Juden in Deutschland im Jahre 1913", aus der jeder viel lernen wird. (Warum aber sin> bei Börne und Heine die 1913 erschienenen Bände der großen Ausgabe, die beiden Schriftstellern gelten: Walzelsche Heine-Edition und die von mir besorgte große historische kritische Ausgabe der Schriftei: Börnes nicht genannt I Die beiden Hauptbeiträge des Bandes, „Das Erfurter Judenbuch 1357—1407, herausgegeben von A. Süßmann" und „Urkundliche Beiträge zur Geschichte der Juden in Deutschland im Mittelalter" sind sehr wertvoll. Das Jndenbuch ist ein Buch der städtischen Finanzverwaltung, im wesentlichen ein Grundbuch. Sehr merkwürdig ist die folgende Notiz: „Das Organ, dessen sich der städtische Rat zur Ueberwachung und Ordnung des jüdischen Steuer- Wesens bediente, waren die Parnosim, eine vom Rate zu diesem Zwecke auf drei Jahre ernannte Behörde der Judenschaft." Es tritt also hier der merkwürdige und, lvie mir scheint, seltene Fall ein, daß die jüdische Behörde nicht von den Mitgliedern der Gemeinde gewählt, sondern von der: städtischen Korporationen ernannt lvird. Sehr wichtig sind vor allem die Namen; die 'meisten sind hebräisch, viele aber auch ausländisch, einzelne mittelhochdeutsch; als besonders charakteristische seien hervorgehoben: Endegud, Lebelang, Schonefrowe, Slicher (gleich Schleicher), Wiz (gleich Weiß): auch Namen, die von Tieren entlehnt sind, z. B. Hase und Löwe kommen vor. Aus den Urkunden sei das sehr merkwürdige Faktum erwähnt, baß manchen getauften Juden gestattet wird, zu ihrer Religion zurückzukehren. iS. 145 Z. 12 muß es wohl statt „Krenzungsbericht" „Kreuzzugsbericht" heißen.) Aus einer anderen Urkunde 1084 verdient der Satz hervorgehoben zu werden: „und er, der Bischofs liebte uns, wie ein Mensch sein Kind liebt." L. G. * R a s s e und Rassefragen in Deutschland. Don Otto Hause r. Vereinigung Heimat und Welt, Geschäftsstelle: Alexander Duncker, Verlag, Weimar. Der Verfasser gibt eine Darstellung der Rassefragen, wobei er teils historisch, teils ethnographisch Zn Werke geht, und spricht, nachdem er in manchen Kapiteln , die Inden gestreift, ausschließlich von den Inden in zwei Abschnitten, von denen der eine „Antisemiten" und der andere „Die Judenfrage in Deutschland" üb er sch rieben ist. Der ersten enthält seitenlange Auszüge aus einer Schrift Meiningers, die man, Zwölf Jahre nach ihrem Erscheinen, wirklich nicht mehr als Autorität zitieren sollte. Was der Verfasser selbst sagt . . . „Antisemitismus ist also nicht Judengegnerschaft schlechthin, sondern Abwehr gegen das im jüdischen Volk, was man äl-s typisch Jüdisch, als typisch Seuütisch zu bezeichnen pflegt. Daß man damit dem Nanien der Juden und der Semiten Unrecht tut, empfindet heute weder der jüdische, n-od) der nichtjüdische Antisemit" . . . klingt seltsam genug; wir Juden -begreifen recht wohl, das Beleidigende, was in dom Worte „Antisemitismus" liegt. Ebenso unbedeutend ist das, was der Verfasser in dem Abschnitt „Judenfrage" äußert. Neu war mir die folgende Notiz: „Friedrich des Zweiten jüdische Bovsahrin war eine Sephardin, ebenso die Mutter von Montaigne." Irgendwelche Bedeutung vermag ich dem Schriftchen nicht beizumessen. L G. * Der Gole m. Eilt Roman von G n st a v M e y r i n ck. Leipzig, Kurt Wolfs Verlag, 1916. Das Buch, von dem -wir in Nr. 52, 1915, eine Probe gaben, die mit dem Hauptwerk selbst nur in recht losem Zusammenhänge steht, gehört zu den seltsamsten, die ich jemals gelesen habe. Jlt einer Zeitungsempfehlung, die der Verleger verschickt, heißt es: „Beklemmender Tunst mittelalterlichsten Prags, den Atem zerschlagend, und überirdischer Seelen Geist feiern phantastische Hochzeit, zu der Poe und E. T. A. Hoffmamr ans vollstem Herzen den Segen gabelt." Das Kapitelverzeichnis, das ans lauter einsilbigen Worten besteht, brauchte innit bloß als eine Marotte zu bezeichnen, aber wenn man diese Ueberschriften liest: „Schlaf, Tag, I, Prag, Punsch, Nacht, Wach, Schnee, Spuk, Licht, Not, Angst, Trieb, Weib, List, Qual, Mai, Mond, Frei, Schluß", so ahnt inan doch kaum die Absonderlichkeiten, die den Leser erlvarten. Da ist zunächst der Golem selbst: ein Wesen, das nie gelebt hat oder gestorben ist und doch von Zeit 31t Zeit wieder auflebt, eigentlich ein Lehmklumpen mit alten Kleidern angetan, der alle Paar Jahrhunderte einmal plötzlich auftritt, nur ben Eilt geweihten erscheint, entsetzlichen Schrecken verbreitet und sttrchtbares 1tltglück prophezeit oder anrichtet. Es scheint, daß dieser Golem selbst es ist, der dent Helden, von dem gleich die Rede sein ntnß, eilt geheimnisvolles Buch, Jbbur, überbringt, das eine Art magische Kraft ansznüben beftimmt ist, von dem aber, itachdeut ihm ein ganzes Kapitel gewidmet ist, kaum, mehr gesprochen wird. Ta sind ferner, um nur einiges wenige aus dem überreichen Jtthalt hervorzuheben: ein Nachtivandler, der Vergangenes enthüllt imb Zukunft verkündet: der Hauptheld, Athanasius Pcrunth, der das Ganze oder einen großen Teil des Romans in Ichform erzählt. Er ist, wie es scheint, ein Christ, jedenfalls hat er eine ausgesprochene Vorliebe für das Weihnachtsfest; er scheint — denn ganz klar lvird inan darüber ebettsolveitig wie über die meisten Vorfälle des eigenartigen Buches - ein hochgeborener Mann zu sein, ist aber ein Unglücklicher, der längere Zeit im Jrreuhaus geweilt und die Erinnerung an sein früheres Leben vollkommen eingebüßt hat. Dieser Mann lebt, obgleich er nicht unbemittelt ist, (denn er hat sein Depot aus der Bailk), als Genunenschueider in einem ärmlichen Haus des Judenviertels und übt seine Tätigkeit mehr zu seinem Bergungen als zum Broterwerb ans, verkehrt auch fast ausschließlich mit Persönlichkeiten jüdischer Abstammung. Man könnte das ganze Werk als ein Erzeugnis der Romantik bezeichnen; aber die Romantik liebt im Grunde das Nebelhafte, Undeutliche, Unplastische; dies Werk aber ist neben seinen romantischen Zutaten durchaus realistisch, ja geradezu naturalistisch. Denn es schildert das mittelalterliche Prag mit einer höchst virtuosen Deutlichkeit, es stellt die Persönlichkeiten greifbar vor uns. Aber was für Personen kommen darin vor! Man könnte sagen, es ist kaurn ein einziger normaler und anständiger Mensch darunter, wenn «mit den Archivar Hillel und seine Tochter Mirjam ausnimmt. Aber diese sind -- wenn auch natürliche und anständige Menschen — ihrerseits völlig weltfremd, so daß Hillel das wenige, was er erwirbt, in unbesonnenster Weise an Arme verteilt, infolgedessen mit seiner Tvchter darben muß und in Elend fast verkommt und Mirjam, die in einer schier unmöglichen Weise mit fast nichts Haushalt, an Wunder glaubt, d. h. die Bettelgroschen oder Goldstücke, die sie aus der Straße, in der Küche, in eingekausten Broten und sonst findet, als Wunder ansieht, die ihr von Rechts wogen zukommeu. Sonst aber sind die vorkommenden