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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-18 · Heft 7 (18.2.1916) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 7 (18.2.1916)
Date
1916-02-18
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 „Also zur Sache, meine Esther kennst du, sie ist ein schönes Kind." . Wo sollte das hinaus? Biendel >var ahnungslos. „Ja," sagte er, mechanisch nachsprechend, „ein schönes Kind." Er schwieg und blickte wieder verwundert fragend Perlmann an. „Nun gut, dast du das einsiehst", fuhr dieser jetzt fort. „Also kurz und bündig, Mendel, ich will dein Glück, ich will dir Estherle zur Frau geben." Mendel war betäubt. „Ich soll Ihr Schwiegersohn werden?" stotterte er, sein kausinännischer Sinn lies; ihn in erster Reihe an das Vorteilhafte dieser Verbindung denken, ans Estherles Besitz kam es ihm jetzt weniger an. — „Ja," sagte Perlmann, „gefällt sie dir vielleicht nicht, meine Esther?" Es klang stolz und gleichzeitig etivas verletzt, daß der andere ihm nicht gleich dankend um den Hals gefallen. „Herr Perlmann, Herr Perlmann!" Biendel wußte nicht, was er antworten sollte, es war so plötzlich über ihn gekommen. Perlmann schien sich jetzt gekränkt abwenden zu wollen. Da inerkte Biendel erst, wie undankbar er erscheinen mußte, ilnü er hatte sich in den paar Augenblicken auch schon gefaßt. „O, Herr Perlmann, wie können Tie nur glauben, daß-" Er wagte noch nicht, den Namen Estherles auszusprechen. „Ich weiß nur nicht, wie ich Ihnen banken soll. Sie machen mich ja glücklich, ja glücklich," iviederholte er; daraufhin reichte ihn; Perlmann lachend die Hand. „Na also, abgemacht, Biendel, die Verlobung feiern wir Sukkes, es sind sechs Wochen bis dahin." Als Mendel Perlmanns Laden verließ, trug er den Kopf hoch und lächelte glückselig vor sich hin. Von Mendelcs Mutter wurde die Mitteilung seiner bevorstehenden Verlobung mit grenzenlosem Jubel ausgenommen; sie umarmte ein über das andere Mal ihren Sohn, weinte und lachte und wiederholte immer wieder: „Mein gebenschter Sohn, ich habe von Anfang an nur Freude mit dir gehabt, Esthcrl meine Schwiegertochter! Wer hätte das gedacht, als ich dich zu Perlmann ins Geschäft gegeben, daß bu wirst sein Schwiegersohn werden! Wir haben einen guten, einen großen Gott! Hält dein Vater es nur erlebt, was hält er wohl dazll gesagt!" Dränen erstickten ihre Skintme.-— Ganz anders hatte die gelbe Lea die Eröffnung ausgenommen, als ihr Mann in kurzen, dürren Worten so ganz beiläufig hinwars. „Sukkes wird Estherls Verlobung mit Mendele gefeiert werden." „Was?" schrie Lea ganz entsetzt. „Mit Mendele, dem Bäcker, meine goldene Estherle?" Dabei wurde ihr Gesicht verzerrt, und selbst das Weiße der Augen erschien gelb. „Nein, das gebe ich nicht zu!" „Hat dich jemand um deine Meinung gefragt?" sagte Perlmann ruhig, desto schneidender lvirkte der Hohn, der aus seinen Worten klang. Es war so seine Art, Einwendungen seiner Frau zu beantworten. Lea kannte das, sie wußte, was sie auszurichten imstande >var, sie verschluckte ihre Tränen; aber Lust mußte sie sich machen, und so eilte sie, ohne zu bedenken, daß die Sache noch Geheimnis war, zu den Nachbarinnen und schimpfte, lvas sie konnte, über ihren Mann, über den Bäcker im Grabe, über Btendele und über die ganze Welt.; Nach zwei Stunden lvußte man im ganzen Städtchen von! der bevorstehenden Verlobung, wußte -Mendel -und seine! Atutter, wie Lea von ihrem künftigen Schwiegersohn und j dessen nächsten Verwandten dachte und sprach. Mutter und Sohn unterhielten sich bis spät in die Nacht! über das Thema; sie berieten miteinander, wie sie sich bei der Sache verhalten sollten. Sie konnten jedoch zu keinem Entschluß kommen. Die Beratung war resultatlos verlausen. Am Morgen, als Mendele aufgestanden war und die Mutter ihm den Kaffee, wie täglich, in den Laden brachte, erzählte er ihr, welch wunderbaren Traum er diese Nacht gehabt; der Vater wäre zu ihm gekommen und hätte in seiner ruhigen Weise gesagt: „Mendele, mein Sohn, befolge, was ich, dein Vater, dir sage. Tue du nichts in der ganzen Angelegenheit, schweige du und backe nur Brot, der Ofen steht unbenutzt, seitdem ich weg bin, also backe Brot, und Gott wird dir helfen, du wirst ein reicher, ein glücklicher und angesehener Mann werden, die Armen werden dich segnen!" „Als ich erwachte," fuhr Mendele im Erzählen fort, „habe ich nachgedacht und überlegt, was der Vater gemeint haben kann, und so bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß es wirklich am besten sein wird, zu schweigen; ich brauche ja nicht zu wissen, was Lea klatscht, und Brot will ich auch backen, so wie der Vater es mir geheißen, und zwar will ich damit am Tage nach meiner Verlobung beginnen." Als die Mutter ihn verwundert anblickte, setzte er lachend hinzu: „Mutterleben, sie sollen nicht umsonst sagen, Mendele Bäcker, ich will also wirklich Bäcker werden, nur in etwas anderem Sinn, wie die Leute es meinen, und ich hoffe, damit getroffen zu haben, wie mein Vater es gemeint hat, da er mich Brot backen geheißen. Ich will jede Woche am Freitag einen Sack Mehl verbacken lassen und das Brot an die Armen verteilen, weil mir Gott ja geholfen hat, daß ich das jetzt tun kann. Was sagst int, Mutter, zu diesem Mendele Bäcker? Ich will seheit, wer' mir das noch vorwerfen wird." Biendel tat, wie er sich vorgenommen hatte. Am Tage nach seiner Verlobung, die trotz Lea mit Pomp gefeiert wurde, verteilte Ehane, die Bäckerin, mit eigenen Händen das frisch gebackene Brot an die Armen des Städtchens und von da an an jedem Freitag. Später tat dies Estherl, nur daß in dem Maße, als Mendels Wohlstand zunahm, auch mehr Brot gebacken wurde. Noch später half ihr bei diesem Geschäft eine Schar blühender Kinder, bei deren Anblick selbst Leas gelbe Gesichtsfarbe minutenlang in ein gesundes, schönes Rot sich zu verwandeln pflegte. Und „Mendele Bäcker" war zur ehrenden Bezeichnung geworden für den reichen Kaufmann Mendel Beer! Mchrremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Verzeichnis jüdischer Kriegsschriften, Zusammengestellt von Louis Lamm. Erstes Heft. 1916. Verlag von Louis Lamm, Berlin C2. Trimpopp und Manasse. Von Rene Schickele. Eine Erzählung. 1914. Verlag der weißen Bücher, Leipzig. 2. Auslage. Das jüdisch-polnische Problem. Von Dr. Emil Simonsohn, Berlin. Verlag von Louis Lamm, 1916. Liebmann: Hebräische Lesefibel für die zwei ersten Schuljahre. 9. Auslage. Vermehrt und vollständig neu bearbeitet von Simon Dingfelder, Lehrer in München. Mit neuen Bildern von Jakob Granat. 1915. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt >a. M. Wilhelm Schäfer: Lebenstag eines Bien scheitsreu tl.de s, Roman. München 1916, bei Georg Müller. Gotthard Deutsch, Pli. I).: Dr. Abraham Bettmann, A Pioneer Pliysician ok Cincinnati. Sonderabdrnek aus der „American Jewish Historical Soyiety“.

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