Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
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81 ttltb darüber war keiner glücklicher als Mendeles Mutter, darum nur noch glücklicher, weil sie wußte, wie sehr es Lea verdroß.- Groß dachte Chane nun eben nicht, aber wer will ihr dies znm Vorwurf machen! Mendele erfüllte die aus ihn gesetzten Hoffnungen, sein Prinzipal war mit ihm äußerst zufrieden, weshalb er ihn auch förderte, wo es nur anging. Chane war glücklich und Mendele nach wie vor ihr Stolz, ihre Hoffnung! Einige Jahre vergingen, ohne daß irgendwelche wesentliche Veränderungen im Leben dieser Menschen eingetreten wären. Beer buk, Chane putzte ihr Haus, ihre Kinder, und Lea war vielleicht noch um eine Nuance gelber geworden. Doch nichts wechselt so rasch, als Freud und Leid im menschlichen Leben. Ost genügt ein einziger Augenblick und eben noch heitere sorglose Menschen sind in Jammer und Verzweiflung versetzt. Solch raschen Wechsel von heiterer Zufriedenheit zu herbstem Leid erfuhr Chane. Leib Beer starb plötzlich'. Sozusagen vom Backtrog hinweg, trugen sie ihn hinaus, von wo es keine Wiederkehr mehr gibt. — Die arme Chane war wie betäubt, sie konnte es gar nicht fassen. „Wäre er doch wenigstens erst krank gewesen! Hätte ich ihn doch wenigstens pflegen können!" wiederholte sie immer wieder jammernd. Zu dem Jammer um den verlorenen Gatten gesellte sich auch noch die bange Sorge. Was nun? Sie blickte ans die unmündigen Kinder, und da ward es ihr auf einmal klar, wie unrecht sie gehabt, den Aeltesten in eine andere Bahn zu lenken; sie machte sich jetzt bittere Vorwürfe, sie sagte sich, um wieviel -besser eS gewesen wäre, wenn er das Handwerk des Vaters gelernt, dann könnte er jetzt die Bäckerei sortführen und die Familie hätte nicht auch den Ernährer im Vater verloren! Doch was halfen jetzt Vorwürfe? Aber es geschah, was Chane selbst zu hoffen sich niemals getraut, was keiner von dem jungen Mendele erwartet hätte! Mendele kündigte seinen Posten, der ihm ptzt ,chon ein Geringes eintrug und griff mit so geschickter Hand in die Verhältnisse ein, daß man im Städtchen von nichts anderem sprach als von Mendeles Mut, seiner Energie und Klugheit. „Mutter, kränk du dich nur nicht, du wirst sehen, daß du mich zu etwas Rechtem gebracht hast." Und die Mutter und alle sahen es bald staunend. Mendele hatte den kleinen Bäckerladen im Handumdrehen in einen Mamisaktnrladen umgewandelt — — — und um an seinem bisherigen Prinzipal einen Gönner zu haben, war er zu diesem gegangen, hatte ihm die geringen Ersparnisse seiner Mutter anvertrant und um Waren für seinen Laden gebeten. Mit Freuden hatte Perlmann, was Mendele an Waren verlangte, zn einem billigeren Preise, als man sonst zu verkaufen pflegte, gegeben. Und teils aus Mitleid, teils ans Neugier, um zu sehen, wie Mendele es anfange, selbständig ein Geschäft zn leiten, strömten die Leute herbei, um bei ihm einzukausen- Er machte seine Sache gut. Von seiner Mutter er es gewohnt, auf Ordnung etwas zu geben. In seinem Laden sah es so nett und proper am, <mß die Leute sich verwunderten, wie es überhaupt nur möglich sei, alles so rasch an gehöriger Stelle wieder einpacken zu können, wie Mendele das tat. Wie schön standen all die Schachteln und Schächtelchen in Reih und Glied geordnet. Der Kattun, der Wollstwk -n glänzend weißes Papier eingehüllt. Ein kleines Pröbchen nur guckte hervor, so daß man gleich sehen konnte, was darin sei und nicht erst lange zu suchen brauchte. Nein, so schnruck und ordentlich hatte es noch nie in irgendeinem Laden im Städtchen ausgesehen. Ehe noch ein Jahr vergangen, bekam Mendele Kisten voller Waren auch von auswärts zugeschickt; er brachte bald das, bald jenes, was man sonst immer erst aus einer größeren Stadt hatte beziehen müssen. Die neuesten Moden, alles Mögliche und Unmögliche bekam man jetzt bei Mendele zu kaufen. Es war, als sei er mit einem Male gewachsen! Mit einem Schlage zu einer Persönlichkeit geworden! Die Mütter heiratsfähiger Töchter fingen jetzt schon an, im stillen nachzudenken, ob Mendele, trotzdem er ja eine Familie zu ernähren hatte, nicht denoch ein annehmbarer Schwiegersohn wäre. Einer aber war auch noch da, von denen kein Mensch geglaubt hätte, daß auch er sich mit derartigen Plänen, Mendeles Zukunft betreffend, beschäftige. Und dieser eine war Perlmann, dem'„Mendel Beer", so hieß jetzt nach dreijährigem Bestehen die Firma, die mit großen, gelben Buchstaben auf schwarzem Schilde prangte, dem also Mendel Beers Konkurrenz gefährlich zu werden drohte. Perlmann hatte bei sich beschlossen, um die jugendliche Kraft, die er erprobt und schätzen gelernt, an sich zu fesseln, um eine ihn schädigende Konkurrenz in ein nutz- und segenbringendes Unternehmen zu verwandeln, Mendele zu feinem Schwiegersohn zu machen, mit diesem in Kompagnie die Geschäfte zn betreiben. Denn sein Sohn Pinkns qualifizierte sich nun einmal nicht zum Kaufmann. Was dieser am besten verstand, war, Zigaretten zu drehen und Schlipse so wunderbar zu knoten, daß man einen von ihm geknoteten Schlips sofort zu erkennen pflegte und den Pinkusknoten nannte. Daß die Geschichte von diesem Knoten weniger Notiz nahm als von dem Gordischen, war nicht seine Schuld. Perlmann hatte zwar lange gezögert und nachgedacht, ob er es auch mit Mendele wagen sollte. Ein Umstand besonders hatte seinen Entschluß erschwert. Es war ihm unangenehm, 'daß die Leute von Mendele nicht anders als von Mendel Bäcker sprachen. Noch hatten sie sich nicht daran gewöhnt, die neue Firma gelten zu lassen. Die Erwägung, man könnte von seiner Estherle als von Estherle Bäcker reden, war ihm höchst fatal. Doch hatte er den Entschluß einmal gefaßt, war er auch der Mann, ihn rasch auszuführen. Das mußte mau Perlmanu lassen, bei allem, was er tat, war er geivohnt, grade vorzugehen, gleich ans das Ziel los, ohne lauge Umschweife, ohne viel Gerede. Als daher Mendele einige Tage darauf, nachdem Perlinann mit sich einig geworden, bei ihm erschien Herr Beer bezog, trotz seiner nunmehr bestehenden auswärtigen Verbindungen, noch immer einen Bruchteil Waren von seinem ehemaligen Chef —, nahm ihn Perlmann sofort mit sich aus sein kleines Kontor, wo er seine Briefe zu schreiben pflegte, und verschloß die Tür hinter sich Mendele sah ihn verblüfft >>md etwas erschrocken an, aber Perlmann nahm ihn freundlich bei der Hand, nötigte ihn zum Sitzen und stellte auch gleich ein Glas Wein vor ihn hin. So tut man nicht, wenn man einem, wie Mendele eben gefürchtet, den Kredit kündigen will, er kam also schnell wieder zu sich; aber etwas verwundert blickte er noch immer seinen früheren Prinzipal an, als dieser endlich anhub: „Mendel, was sollen zwischen uns lange Redereien und Verhandlungen, wir beide sind Männer!" Bei diesem Vergleich fühlte Mendel seine Brust von Stolz geschwellt.