Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
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80 in späteren Jahren die Leitung des Komitees und stand ihm bis zum Tode vor. 1889 wurde das Jüdische Mädchenstift eingerichtet: eine Anstalt, in welcher schulentlassene jüdische Mädchen za Hausangestellten ausgebildet werden, und als dessen stellvertretende Vorsitzende sie auch bis zu ihrem Lebensende sorgte. Als die Zentralisation der Woh-lfahr ts-vereine der jüdischen Gemeinde gebildet wurde, wählte man sie auch dort in den Vorstand. Als letztes errichtete sie im Jahre 1912 im Auftrag ihres verstorbenen Sohnes die Dr. - Hugo - Neumann - Stiftung für arme und kränkliche Kinder, durch deren Mittel das vorgenannte „Dr. H. Neumannsche Kinderhaus" mit seinen vielseitigen Einrichtungen für kranke Kinder erhalten wird. Aus der Fülle der Betätigung strahlt eine reiche Arbeitsfreude, verbunden mit einer seltenen Sicherheit; denn der Grundzug ihrer Anlagen war Zielbewußtsein. Ihr lag das Helsen im einzelnen Fall so wohl wie die Organisation. Sie arbeitete lebhaft, mit hellen: Verstände, und ihre Person wirkte erzieherisch in Familie, bei den Pflegebefohlenen und bei ihren Mitarbeitern. So hat sie es auch verstanden, sich die rechten Nachfolgerinnen zu ziehen, so daß ihre Anstalten weiterbestehen können. Mit rührender Liebe und Verehrung hingen ihre Waisenkinder und ihre anderen Pflegebefohlenen an ihr. Jlflie Neumann war ein gerader, aufrechter, selbstloser und gerechter Mensch, eine Frau mit feinster Zurückhaltung, die aber, wenn sie sich einmal hingab, sich dann voll einsetzte. Sie war auch eine glückliche Frau, denn ihre Natur quälte sich nicht mit Zweifeln. Sie zeigte keine Schwächen, und die Erfüllung ihrer Pflichten wurde ihr leicht. In ihrer Wesensart lag eine tiefe Frömmigkeit; diese gipfelte in einem wundervollen Gottvertrauen und einer Gottergebenheit, die nichts erschütterte. Mit der großen Liebe für ihren Mann, war dies ihr feinster Zug. Die jüdische Geineinde von Berlin und ihre Freunde haben eine seltene Frau zu Grabe getragen. Mendele Sacker. Tkizze von E r u e st i n e S t r e l i s k y. 'eib Beer war Bäcker, kein Kuchenbäcker, nur Brot, ganz gewöhnliches Brot verstand er zu backen. Und iin Schweiße seines Angesichts knetete und buk er Mcht für Nacht. — Jahraus, jahrein tat er nichts anderes. als nur backen! Am Tage schlief er einige Stunden, und wenn er aufstand, ging er regelmäßig noch vors Haus für einige Augenblicke, ehe er sich wieder an die Arbeit begab. Da kam wohl ab und zu der eine oder der andere seiner Nachbarn und erzählte ihm, was im Städtchen vorging; er hörte dann ruhig zu, während er seine kurze Pfeife rauchte, denn nur so lange, bis diese ausgeraucht war, hielt er sich draußen auf. Leib Beer galt im kleinen Städtchen als redlicher, braver Mensch, der sein Handwerk versteht und das Brot richtig wiegt. Zwar waren noch einige Bäcker im Städtchen, aber man kaufte doch lieber das Brot bei Leib Beer. Man fand, es sei schmackhafter als das Brot der anderen Bäcker. Beer hatte eine zahlreiche Familie zu ernähren und diese Familie sah gut genährt aus. Die Kinder wie schön geratene Kuchen, weich, weiß und flaumig, dabei waren sie alle immer wie aus dem Ei geschält, so sauber und nett. „Ja, sie kann ihre Kinder putzen", sagten die Nachbarinnen, „ihr Mann bäckt ihr ja das Brot, vielleicht kocht er aber auch noch das Mittagsmahl, wer weiß, denn sonst hätte sie wohl nicht so viel Zeit, um sich und ihre Kinder so schön zu machen." Denn auch Chane, die Bäckerin, wie sie genannt wurde, war eine schöne saubere Frau, das mußte ihr selbst der Neid der gelben Lea — so benamset wegen ihres galligen Temperaments als auch wegen ihrer Gesichtsfarbe — zugestehen. Zwischen Chane und Lea Perlmann, der Frau des reichsten Kaufmanns im Städtchen, bestand ein ganz eigentümliches Verhältnis. Die Frauen, durch ihre gesellschaftliche Stellung schon gewissermaßen getrennt, waren nie befreundet gewesen und jetzt haßten sie sich. Warum? ja, warum? Das wäre schwer zu erklären gewesen und doch gab es einen Grund hierfür. Chane Bäckers Aeltester besuchte zusammen mit Leas Sohn die Schule, sie waren fast gleichaltrig und in derselben Klasse, aber der Bäckerjunge — nur so nannte Lea den kleinen Mendele — wurde ihrem faulen Pinkus als Muster, als nachahmenswertes Beispiel aufgestellt. Und deshalb haßte Lea ihn und seine Mutter und alles, was mit der Bäckerfamilie zusammenhing. Die gelbe Lea hatte sogar ihren Mägden verboten gehabt, das Brot bei Beer zu holen, aber ihr Mann fand das Brot der anderen Bäcker ungenießbar, so mußte wieder zu den Broten Leib Beers zurückgekehrt werden. Chane wußte dies alles, sie wußte, daß sie um ihren schönen, klugen Mendele von Lea beneidet und gehaßt wurde, deshalb konnte sie ihrerseits die gelbe Lea auch nicht ausstehn. Seitdem Mendele von den Lehrern ob seines Fleißes,^seiner Lernbegierde-und seines anstelligen Wesens sv sehr gelobt wurde, hatte Chane sich vorgenommen, den Jungen um Gotteswillen nur keinen Bäcker werden zu lassen, Kaufmann sollte er werden, Lea zum Trotz. Leib Beer aber meinte, wenn seine Frau mit ihm von des Sohnes Zukunft sprach: „Was quälst du dich und mich mit dom, was später sein wird, bei mir soll er lernen- Brot -backen, was er dann tun wird, ist seine Sache." Aber Chane ruhte nicht, bei jeder -Gelegenheit stachelte sie des Sohnes Ehrgeiz, pries sie das Glück des selbständigen Kaufmanns, und in der Person des reichen Perlmann wurde dem Jungen die Vervollkommnung männlicher Tugenden, erstrebenswerter kauflnännischer Eigenschaften, die zu Ansehen und Reichtum führen, als Beispiel ausgestellt. Kein Wunder, daß Mendele, kaum den Kinderschuhen entwachsen, bald nach seiner.Barmizwah dein Vater erklärte, er wolle als Lehrling in ein Geschäft ein-treten. Backen wolle er nun einmal nicht. „Na, dann nicht," sagte Leib Beer ruhig, „wenn du es nicht willst, wird dein kleiner Bruder es später tun, meinetwegen geh' du in ein -Geschäft." Daß es gerade Leas Mann war, der den anstelligen Jungen in seinem Geschäft aufn-ahm, war ein glücklicher Zufall. Perlmann brauchte einen Lehrling und Mendele gefiel ihm. Um die Meinung seiner Frau hatte Perlmann sich noch nie und in keinem Falle gekümmert; er hatte sie auch jetzt nicht gefragt, ob er Mendele ausnehmen solle oder nicht. Lea wurde noch gelber als gewöhnlich, als sie es erfuhr, aber das änderte nichts an der Sache.