Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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79 ift die einzige Stadt, die diesen nöthigen Einfluß übt . . . und dieses Berlin bleibt mir so gut wie verschlossen . . . Diese Lage der Dinge in Deutschland ist für mich so niederdrückend, daß, wäre ich nicht ein armer Teufel — ... ich mich schon längst entschlossen haben würde, die Verbreitung meiner Opern gänzlich aus dem Auge zu lassen. . .") In diesem Dilemma erbittet er von Meyerbeer, der chm früher einmal erlaubt habe, „gränzenlos freimüthig" gegen ihn zu sein, Rat und Hilfe. — Der Brief schließt: „Mit wahrster und dankbarster Hingebung verbleibe ich gehorsamster Richard Wagner." Der fünfte und letzte Brief ist vom 4. Januar 1846 datiert. Wagner legt diesem Schreiben die Dichtung seiner neuen Oper „Lohengrin" bei. Er schreibt „in leidenschaftlicher Sorge für sein nächst zu gebärendes Kind, dem er im Voraus gern ein möglichst bestes Loos ans Erden bereiten möchte", und legt Meyerbeer die schon in seinem vorhergehenden Briefe berührte „einfache, aber vielsagende Bitte ans Herz", bei dem Könige von Preußen den Auftrag zu erwirken, „diese Dichtung für sein Hostheater in Berlin zu componiren". Sollte es zweckmäßig sein, dem König die Dichtung selbst vorzulesen, so würde er sich dazu schleunigst in Berlin einfinden, usw. — Daß aus diesem Plane nichts wurde, ist bekannt. Tie erste Aufführung des „Lohengrin" hatte Wagner seinem Freunde Liszt zu danken (Weimar, 28. Arignst 1850); in der Berliner Hofoper kam das Werk erst neun Jahre später zur Darstellung. Man sieht aus diesen Briefen, daß Meyerbeer manches für Wagner tat, aber nicht so viel, wie dieser verlangte. Man darf aber wohl sagen, daß nicht Meyerbeer allein die Schuld an dem Mißlingen seiner Bemühungen zuzujchreiben ist. Vielmehr war die Stimmung des Königs von Preußen und der Berliner Hofkreise gegen Wagner so stark, daß selbst der mächtige Komponist und Generalmusikdirektor gegen diese Strömung nicht anzukämpfen vermochte. Wenn Wagner also später so heftig gegen den Mann auftrat, dem er früher in fast demütigen Ausdrücken im Tone heller Begeisterung seine Bewunderung irnd Verehrung ausgesprochen hatte, so liegt die Schuld allein an Wagner, und es berührt höchst eigenartig, daß er den Meister, den er in Briefenso außerordentlich zu schätzen vvrgab, später als einen Nichtskönner schmählich denunzierte. Julie Meunmnn. Von Clara Virnbaunt. 27. Januar dieses Jahres starb hochbetagt Julie Neumann geborene Rathenau, die würdige Seniorin der wohlfährtigen Frauen unserer jüdischen Gemeinde. Sie war geboren am 9. April 1836 als eine Tochter des Juweliers Rathenau in Berlin, der damals eines der besten Häuser unter den Juden unserer Vaterstadt ausmachte; und wenn sie von den Tagen der frühen Jugend sprach, so nannte -sie sie sorglose, freundliche Zeiten. Frau Julie Neumann. Das Jahr 1848 brachte zwar eine Wandlung in die Verhältnisse des elterlichen Hauses, aber sehr wesentlich wurde Julies Leben davon nicht beeinflußt, denn sie verheiratete sich bereits als Achtzehnjährige inr Jahve 1854. Ihr Auserwählter war der Zig-arvensabrikant Julius Neumann, ein Mann, dessen Name heute noch in Berlin einen weitverbreiteten Ruf durch seine großartigen industriellen Unternehmungen gewonnen hat. Er war der Begründer des sogenannten Filialshstems im Warenhandel. Einer genialen geschäftlichen Begabung war ein Prächtiger Charakter beigesellt, der sich u. a. in wohlfährtigen und Philanthropischen Bestrebungen, die er in feinster Weise durchführte, kundgab. Mit Vorliebe sorgte er für junge, bedürftige Leute des Handwerker-, Kaufmanns- oder des studierten Standes durch richtige Unterstützung zur Heranbildung zu tüchtigen Männern in ihrem Berufe; er hals nicht nur mit der offenen Hand, sondern auch mit dem klugen Rat. Ihm war der Geringste so beachtenswert wie ein Befähigter oder Begüterter. Er wird geschildert als ein Mann von großzügiger Anschauung und gleichzeitig erfüllt von feinem Mitgefühl. Er genoß keine Freude, wenn er nicht vorher hatte an die Armen austeilen und Freude verbreiten können. Mit diesem herzgewinnenden Manne hat Julie Reumann siebeuundzwanzig Jahre in buchstäblich glücklichster Ehe gelebt. Ter Ehe entsprossen sechs Kinder. Der älteste Sohn war der hochgeschätzte Berliner Kinderarzt, welcher vor vier Jahren einem schweren Leiden erlegen ist, der Begründer des jetzigen Vereins „Tr. H. Neumanns Kinderhans", Blumenstraße 97, des bekannten Wohlfahrts- Hauses im Armenviertel Berlins. Mit inniger Bewunderung hing die Mutter an diesem Sohn, und viele feine Fäden gemeinsamen Denkens und Fühlcns, besonders in wohlfährtigem Wirken und Schaffen, zogen hinüber und herüber zwischen Mutter und Sohn. Dieses schöne Verhältnis (beide lebten zusammen) löste sich erst mit dem Tode Hugo Neumanns, 1912. Der Vater war im Jahre 1882 plötzlich gestorben, und der jüngere Sohn übernahm das Geschäftshaus und führte es weiter. Während der Lebenszeit des Mannes hatte Julie Neumann Zeit und Kraft in den Dienst ihrer Familie und der Erziehung ihrer Kinder gestellt. Mit seinen: Tode übernahm sie die ethischen Pflichten ihres Mannes, ihr zweites, hoch anzuerkennendes, schönes Lebenswerk. 1883 begründete sie, in Erinnerung an den geliebten Verstorbenen, die „Julius Neumannsche Schülerstiftung", welche durch Geld Unterstützung fähigen jüdischen Knaben der Elementar- oder Mittelschulen den Besuch von technischen oder wissenschaftlichen Anstalten zur besseren Ausbildung für ihren Beruf gewährt. Sie wurde Ehrendame der jüdischen Waisenkommission und Ehrendame bei der Gemeindeschule in der Hamburger Straße: Acmter, die sie mit Freuden erfüllte, denn alles, was Jugenderziehung und -bildung war, war ihr innerer Beruf. 1884 war sie Mitbegründerin des Chanukakomitees zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder, welches aus Anregung unseres Herrn Lehrers Lewy ins Leben trat. Sie übernahm