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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-18 · Heft 7 (18.2.1916) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 7 (18.2.1916)
Date
1916-02-18
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 Ajchard Mggner und Meyerbeer. Bon Ludwig Geige r. an weiß, ivie heftig und ungerecht Richard Wagner sich in einem Anfang der vierziger Jahre geschriebenen, erst 1886 gelegentlich gedruckten Aufsatz und in seiner bekannten Schrift „Das Judentum in der Musik" (ursprünglich 1850 in einer Zeitschrift erschienen) über und gegen Meyerbeer ausgesprochen hatte. In diesen beiden Arbeiten äußerte er sich nicht nur feindlich über den Komponisten jüdischen Glaubens, sondern fuhr namentlich in der letztgenannten Abhandlung sehr ingrimmig gegen das Verhältnis der Juden zur Musik los. Gegenüber dieser allgemein bekannten Tatsache ist es nun außerordentlich interessant, darauf hinzuweisen, daß Wagner über Meyerbeer früher ganz anders geurteilt hat, freilich nicht in Dokumenten, die für die Oeffentlichkeit bestimmt, sondern in Briefen, die an den Meister gerichtet waren. Man kann, ohne dem Charakter Wagners zu nahe zu treten, aus diesem Umschwung wohl schließen, daß seine spätere Parteinahine gegen Meyerbeer nicht bloß aus innerer Ueberzeugung hervorging, obgleich eine solche nicht geleugnet werden soll, sondern mitbestimmt war durch persönliche Empfindungen. Vielleicht war er überzeugt, daß er von Meyerbeer nicht diejenige Förderung erhalten hatte, auf die er rechnen zu können meinte, und die ihm der Berliner Meister, der großen Einfluß besaß und sich noch größeren zuschrieb, vielleicht in Aussicht gestellt hatte. Diese Ueberzeugung drängt sich dem Leser folgender höchst merkwürdigen, bisher gänzlich unbekannt gebliebenen Briefe auf, die in dem Auktionskatalog 29 von K. E. Henrici, Berlin, Januar 1916, mitgeteilt werden. Der erste Brief ist vom 18. Januar 1840. (Im folgenden bediene ich mich meist wörtlich der Ausführungen des genannten Katalogs.) Vor seiner Abreise aus Paris hatte Meyerbeer seinem Schützling gestattet, ihm von seinen Pariser. Angelegenheiten Nachricht zu geben. Wagner bittet, ihm nicht zu zürnen, „wenn ich mit meinen vielleicht beängstigenden Hilferufen Sie sogar bis in Ihre stille Zurückgezogenheit verfolge. Ihre Abreise von Paris —! ad), von da beginnt ein Klagelied in meiner Lebens- und Strebensgeschichte, das dereinst, wenn ich, wie ich keineswegs zweifle, erstaunlich berühmlich geworden sein werde, gewiß von irgendeinem großen Poeten in 24 bis 48 Gesängen gefeiert und beweint werden wird . . . usw. Dann erzählt er launig von der Entstehung seiner-Ouvertüre zum ersten Teil des Faust (vgl. „Mein Leben", S. 211) und berichtet ausführlich von seinen fruchtlosen Versuchen, seine Oper (Umarbeitung des „Liebesverbots oder die Novize von Palermo") im Renaissance-Theater zur Annahme zu bringen. („Mein Leben", S. 208.) Immer erneut wiederholt er seine Bitte, ihm durch Empfehlung und Unterstützung den Weg in die Pariser Oeffentlichkeit zu bahnen, um ihn „selbst mit dem geringsten, was Ihr gütiger Wille beschließen sollte, das Leben wenigstens zur Hälfte zu retten." Der Brief schließt: „Mit allen Sünden und Schwächen, Not und Jammer empfehle ich mich Ihnen ehrfurchtsvoll, die Erlösung von allem Uebel durch Gott und Sie erflehend. Bleiben Sie mir hold, so ist mir Gott aber auch nahe, deshalb gedenken Sie ein ganz klein wenig Ihres in glühender Verehrung ergebenen Dieners Richard Wagner." Der zweite Brief ist vom 15. Februar 1840 aus Paris geschrieben. Es heißt darin: „ . . . Ich strotze von Hülssbedürftigkeit — also will ich rasch die Saiten rauschen, und die sehr alte, und so sehr bekannte Ur — melodie erklingen lassen: „helfen Sie mir! Haben Sie doch die übermäßige Güte, ein auffrischendes Briefchen an Antenor Jolh zu schreiben!"" — Joly war der Direktor des Pariser Theaters „de la Renaissance“, 6er sich auf Meyerbeers Fürsprache zur Annahme von Wagners Oper „Das Liebesvcrbot" bereit erklärt hatte; bei diesem Versprechen ist es dann aber trotz allen Bemühungen Wagners auch geblieben. (Vgl. hierzu „Mein Leben", S. 211k.) Weiter meldet Wagner mit vieler Freude, daß es ihm — ebenfalls durch Meyerbeers Vermittlung — gelungen sei, Habeneck zu einer Probe „Meiner Ouvertüre" zu veranlassen („das sämtliche Orchester zeigte mir durch einen wiederholten und anhaltenden Applaus an, daß es nicht unzufrieden war"). Dieses Orchesterstück war die Ouvertüre „Christoph Columbus", die der Autor selbst bei Erwähnung der betr. Probe in der Autobiographie („Mein Leben", S. 210) „eine ungemein flüchtige Jugendarbeit" nennt. — Dem Dankgefühl, das ihn seinem Protektor Meyerbeer gegenüber beseelt, verleiht Wagner auch in diesem Briefe überschwänglichen Ausdruck: „Ich sehe . . . kommen, daß ich Sie von Aeonen zu Aeonen mit Dankesstammeln verfolgen werde . . . Die Versicherung. . . kann ich Ihnen geben, daß ich auch da (in der Hölle) noch Dank stammeln werde . . ." usw. Unterzeichnet ist der Brief: „Ihr mit Herz und Blut ewig verpflichteter Unterthan Richard Wagner." Der dritte Brief mit der Ueberschrift „Hochverehrtester Freund und Gönner" ist aus Dresden, 26. Dezember 1844 geschrieben. Wagner dankt darin seinem Protektor für seine Bereitwilligkeit, das Komitee zur Errichtung eines Denkmals für C. M. v. Weber in Dresden zu unterstützen, und schlägt ihm zu diesem Zwecke die Ueberweisung der Einnahme einer Vorstellung einer Weberschen Oper im neueröffneten Berliner Opernhause vor. (Dgl. „Mein Leben", S. 354.) Gleichzeitig spricht er ihn: „zu seinein neuesten großen Erfolge" („Ein Feldlager in Schlesien", 7. Dezember 1844) seinen herzlichsten Glückwunsch aus und bittet ihn, in der Angelegenheit der „sehnlichst gewünschten Aufführung seines Rienzi" und der Wiederausnahmc des „Fliegenden Holländers" an der Berliner Hofoper ein „gütiger Anwalt" zu sein. Als Dank dafür verspricht er „bei unserer nächsten Zusammenkunft . . . Ihren Zwergsall (!) die herrlichste und wohlthuendste Erschütterung: -- ich muß Ihnen nämlich sehr viel von Spontini erzählen. —" (Den Kommentar hierzu bietet die ausführliche Schilderung von Spontinis längerem Besuch in Dresden, die Wagner in „Mein Leben", S. 332 ff. entwirft.) Der vierte Brief ist aus Dresden, 27. Dezember 1845 geschrieben und enthält folgendes: Wagner hatte Meyerbeer bei seinem Besuche in Berlin (19. Dezember fg.) nicht angetroffen nnd erstattet ihm daher von den Ergebnissen seiner wiederum vergeblichen Bemühungen bei dem Generalintendanten v. Küstner brieflich Bericht. Nur das Versprechen, einer Aufführung des „Rienzi" näher zu treten, habe er erhalten können — an den „Tannhäuser" wäre dort gar nicht zu denken. In Abwesenheit ihres Mannes hatte nun Wagner der Gattin Meyerbeers seinen Plan entwickelt, ihm von dem Könige (Friedrich Wilhelm IV.) den Auftrag zur Komposition einer kürzlich vollendeten „neuen Operndichtung" für die Berliner Hofoper auszuwirken, deren Titel — „Lohengrin" — Wagner jedoch noch nicht nennt. Zwar habe ihm der Dresdener Intendant bereits den Wunsch ausgedrückt, auch dieses sein neuestes Werk der dortigen Bühne zur ersten Ausführung zu überlassen, aber Wagner bekennt in dem Briefe offen, daß er selber (Wagner) in dieser Hinsicht Berlin durchaus den Vorzug geben würde. („Dresden ist zum übrigen Deutschland gehalten eine anständige Provinzstadt, und seine Stimme verübt keinen Einfluß! Berlin

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