Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ft israelitischen 'Schulen hervorgegangen sind. Das ist nicht mehr zu ändern, nur ist es sehr bedauerlich, daß dieser unter französischer Leitung stehenden, für das Franzosentum wirkenden Alliance JsraAite auch von ihren verschiedenen deutschen Komitees in Breslau, Posen, Mannheim, Köln, Dürkheim usw. sowie von Privaten jährlich Hunderttausende zu fließen. Dazu tommen zahllose Spenden von deutschen Israeliten, deren Namen mit den Beträgen in dem natürlich französischen Bulletin der Alliance genau verzeichnet sind. Gegen die Unterstützung der in großem Glend 'lebenden jüdischen Glaubensgenossen im Orient ist selbstredend nicht das mindeste einzuwenden, nur wäre es endlich an der Zeit, daß die Alliance Jsraelit-e Universelle aus einer anderen Grundlage umgestaltet wird, derart, daß die deutschen Spenden für die notleidenden Juden eines -bestimmten Bezirks, etwa in der Türkei, verwendet werden und daß vornehmlich in Anatolien und Mesopotamien für das gute deutsche Geld die hebräischen Jünglinge nicht in französischer, sondern in gut deutscher Sprache unterrichtet und ausgeibildet werden. Der französische Teil der Alliance hat in Marokko, Algier, Tunis und Tripolis ein hinreichend großes Arbeitsfeld und braucht den Deutschen in der Levante keineswegs ins Gehege zu steigen. Das, was der kundige Verfasser in den eben mitgeteilten Worten sagt, ist gewiß richtig, war uns aber nicht unbekannt. Augenblicklich sind infolge der Krieges alle Verbindungen der deutschen Konferenzgemeinschaft mit der „Alliance israelite Universelle" gelöst; ob und wie nach dem Kriege eine Wiederanknüpfung geschehen kann, läßt sich einstweilen noch nicht bestimmen. Wenn, wie wir zuversichtlich hoffen, der Ausgang des Krieges für uns ein siegreicher wird, so werden die deutschen Juden mit den Glaubensgenossen der westlichen Länder eine entschiedenere Sprache reden müssen als bisher, und sie werden nicht bloß eine weit größere Beteiligung als früher an den Beratungen verlangen und gewiß auch durchsetzen, sondern mit eiserner Energie darauf dringen, daß es sich bei dem gemeinsamen Handeln nur um eine Stärkung des jüdischen Elementes, um die Wahrung jüdischen Glaubens, nicht aber um die Bevorzugung einer Sprache und des Interesses von Völkern handeln darf, die sich während des Weltkrieges in so schmachvoller Weise als Feind unserer Bestrebungen und, wie wir sagen dürfen, als Gegner der gesamten Kultur erwiesen haben. Wir haben vor einiger Zeit aus einem Artikel des Herrn Alfred Philippson, ordentlichen Professor der Geographie an der Universität Bonn, der im „Berliner Tageblatt" erschienen war, eine Ausführung gebracht, welche die Unmöglichkeit einer starken Besiedelung des türkischen Asiens durch die Juden beweist. Gegen diese ergreift O. Marburg, gleichfalls im „Berliner Tageblatt" das Wort. Abgesehen von zionistischen Auseinandersetzungen, auf die wir hier nicht eingehen wollen, kommt Marburg zu wesentlich anderen Resultaten als Philippson. Er weist auf die Erfolge der bisherigen jüdischen Ackerbaukolonien hin, die gewiß nicht bestritten werden sollen, legt dar — und auch darin wird man ihm nicht widersprechen können —, daß diese einer noch weit größeren Steigerung fähig sind, und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß auch die Industrie in jenen Gegenden eine glänzende Entwickelung haben könnte. Endlich geht er auf die von Philippson geäußerten klimatischen Bedenken ein und schließt mit folgenden Sätzen: Auch die klimatischen Bedenken Philippsons betreffs der Sommerhitze Mesopotamiens sind nicht allzu hoch zu bewerten, da die hauptsächlichen landwirtschaftlichen Arbeiten vor beziehungsweise nach den heißen Sommermonaten fallen. Daß man nordländische Juden im südlichen Mesopotamien ansiedeln sollte, wo noch so viel günstige Möglichkeiten in den Küstengebieten des Mittelländischen Meeres, zum Beispiel Palästina, Syrien, Zilizien, vorliegen, dürste doch wohl so gut wie ausgeschlossen sein. Im Orient akklimatisierte Juden werden sich aber gewiß schon nach wenigen Generationen ebensogut nach Mesopotamien verpflanzen lassen, wie es im Altertum der Fall war, da sich ja das Klima seitdem nicht erheblich geändert hat. So viel ist jedenfalls sicher, die Türkei besitzt in hohem Maße die geographischen, klimatischen und agrikulturellen Möglichkeiten einer überaus starken Volksvermehrung und einer sich gewaltig steigernden Produktion der wichtigsten Rohstoffe, wie Getreide, Futter, Fasern und Fette. Die heutige Bevölkerung ist viel zu gering, um in irgendwie absehbarer Zeit diese Gunst der Natur ausnutzen zu können; ob aber die Türkei die Anziehungskraft besitzt, wie Amerika, eine größere Einwanderung schnell auf sich zu lenken, ist noch fraglich. Dies wird vor allem davon abhängen, einerseits ob das schwergeprüfte Land jetzt endlich einmal in eine dauernde Ruheperiode gelangt, und andererseits, ob es verstehen wird, diese Ruheperiode zu den so dringend notwendigen einschneidenden Reformen in stetiger und zielbewußter Arbeit auszunutzen. Wir haben Herrn Professor Philippson gebeten, sich über diesen Gegenstand in unserm Blatte zu äußern, und wir wollen hoffen, daß der hochverdiente Gelehrte sich zu einer solchen Ausführung entschließt. .* Gelten solche Darlegungen der Zukunst, so sei endlich auf die Vergangenheit der Blick gerichtet. Durch die Zeitungen geht folgender Bericht über „Antike Synagogen in Galilää", den wir unfern Lesern nicht vorenthalten wollen: Die Deutsche Orientgesellschaft gibt den 30. Band ihrer Wissenschaftlichen Veröffentlichungen „Antike Synagogen in Galiläa" heraus, der, mitten in der Kriegszeit zum Abschluß gebracht, eine ausführliche Darstellung der Ereignisse der rund 10 Jahre zurückliegenden Synagogenexpedition nach Galiläa enthält. Bon den Verfassern ist der Leiter der Expedition, Regierungsbaumeister Dr. Heinrich Kohl, nach Vollendung -der Vorarbeiten für die Veröffentlichung im Herbst 1914 ins Feld gezogen und bereits am 26. September in der Nähe von Reims für sein Vaterland gefallen. Sein Reisegefährte und Mitarbeiter, der Archäologe Professor Dr. Karl Watzinger in Gießen, hat die Arbeit zu Ende geführt. Durch diese erste Unternehmung der Deutschen Orientgesellschaft auf dem Boden Palästinas ist ein wichtiges, bisher vergessenes Gebiet antiker Architektur neu erschlossen. Die galiläischen Synagogenruinen sind die einzigen bedeutenderen erhaltenen Reste jüdischer Synagogen aus dem späteren Altertum und waren bisher nur in ungenauen Aufnahmen bekannt. In der neuen Veröffentlichung sind auf 18 Tafeln und in über 300 Abbildungen sämtliche Architekturreste nach Zeichnungen und Photographien wiedergegeben; Grundrisse und Rekonstruktionen erläutern das Bild der aus Trümmern neugewonnenen Bauten, und die Wiedergabe eines Modells der Synagoge von Teil Hüm (Kapharnamn) vermittelt allch dem Laien eine Vorstellung von ihrer ursprünglichen Erscheinung. In ausführlicher Darstellung wird die historische Stellung dieser so in die Architekturgeschichte des Altertums eingeführten Bauten untersucht, ihre Zeit und ihre Bedeutung bestimmt. Von verschiedenen Seiten, ans der Prüfung der Bauglieder, der jüdischen Embleme und der literarischen Ueberlieferung, ergibt sich ein einheitliches Resultat. Seit der Wende des zweiten und dritten Jahrhunderts, unter dem Kaiserhaus des Septimius Severus, sind diese Bauten mit ihrem starken heidnischen Einschlag und der gegen die strenge Auffassung des jüdischen Gesetzes verstoßenden reichen figürlichen Dekoration entstanden. Es ist die Zeit, in der die Mischna gesammelt wurde, eine Blütezeit des galiläischen Judentums, zu deren Beginn die geistliche Leitung der jüdischen Gemeinden Galiläas der Patriarch Jehuda-ha-Nesi I. besaß, von dessen nahen Beziehungen zu dem jungen Kaiser Caracalla der Talmud berichtet. Bon hier aus erweitert sich die Darstellung zu einem Ueberblick über die Banfvrnr der antiken Synagoge überhaupt, die bis in die hellenistische Zeit zurückverfolgt wird, aus der wir die großartige Synagoge in Alexandria durch die im Talmud überlieferte Schilderung kennen. Ein Ausblick am Schlüsse weist auf die wichtigen Zusammenhänge hin, die den neuerschlossenen Bautypus der Synagoge mit den ersten basilikalen Kirchenbauten der Konstantinischen Zeit in Palästina verbinden; die Frage der Einwirkung der Bauform der Synagoge auf die christliche Basilika wird von der Grundlage des architektonischen Tatbestandes aus neu geprüft.