Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 Vaterlandes die Waffen ergreifen und freudig ihr Leben einsetzen, endlich zu Bürgern, die in Ausübung der Bürgertugenden allen voranstehen. Hieran knüpfe ich nochmals an, weil seitens jenes russischen Ministers Sasonow es als eine Kunst der Regierung angesehen ist, Zwietracht zwischen Polen und Juden zu säen. Die hohen Ziele sollen zur besonderen Duldung und Demut gegen die Mitmenschen führen. Ich übergebe Ihnen die Schule, möge sie blühen und gedeihen in fernster Zeit." Nachdem Rabbiner I. (Wiliampol) Worte der Begrüßung und des Dankes an die Gäste gesprochen hatte, ergriff Feldrabbiner Dr. R., der sich um die Neuorganisation der Anstalt auf mannigfache Weise verdient gemacht hatte, das Wort zu einer Festrede. „Wenn jetzt," sagte der Redner unter anderen!, „unter deutschem S-chrltz das Talmudstudium an heiliger Lehrstätte wieder aufblüht, so wird gewiß von dem alle Zweige der Wissenschaft umfassenden d e u t s ch enGeist belebend auf diese Stätten ein Hauch fallen, daß sie, auf breitester Grmrdlage in wissenschaftlicher Vertiefung und doch in demütiger Ehrfurcht vor den Wissensschätzen der Ueberlieferung schaffend, unserenr ewigen Gott und seiner heiligen Lehre zu Ruhm und Ehre gereichen," Danach führte der deutsche O b e r b ü r g e r m e i st e r von Kowno Dr. P. ans: „Es sei für ihn eine freudige Ueberraschung gewesen, als er von der Wiedereröffnung der Tatmudschule vernonnnen, und darauf sei er nur allzugern zu diesem feierlichen Akt erschienen. Der gegenwärtige festliche Borgang sei ein weiterer Beweis dafür, daß die Deutschen keinen K r i e g der Z e r - störung wie die Russen führen, sondern bemüht sind, entstandene Schäden, besonders kultureller Art, soweit wie möglich zu beheben. Besonderen Dank schulde das Judentum dem Abschnittskonunandanten Major v. St., der sich urn die Wiedereröffnung dieser Talnmdschule hohe Verdienste erworben habe." Rabbiner K. (Kowno) sprach in bewegten Worten dem Feldrabbiner Dr. R. den Dank der jüdischen Bevölkerung aus. In seinem Schlußwort dankte Feldräbbiner Dr. R. nochmals den Vertretern der Regierung für die wohlwollende Gesinnung und bat, die Anstalt auch weiterhin in ihren Schutz zu nehmen. „Das erhabene Haupt unserer Regierung, Seine Majestät der Deutsche Kaiser, wird seinen starken Arni über sie breiten." Damit fordert er die Versammlung ans, im Gebet vor Gott des Kaisers zu gedenken. Es ist schon sehr vielfach geschehen, daß deutsche Behörden bei der Eröffnung jüdischer Lehranstalten gegenwärtig waren, es kam auch vor, daß die Vertreter der Regierung Reden hielten, in denen sie die Teilnahme der Behörden aussprachen (man erinnere sich an den besonders feierlichen Akt, die Anwesenheit des preußischen Kultusministers bei der Einweihung des neuen Gebäudes der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin), aber es ist gewiß das erstemal, daß eine solche Anstalt auf Initiative der Regierung eröffnet und durch Worte eines preußischen Majors ihrer Bestimmung übergeben wird. Die Worte, in denen der Vertreter des deutschen Heeres die Anstalt als eine Pflanzstätte des Glaubens, der Bürgertugend, der Einigkeit zwischen den Juden ltnb den übrigen Bewohnern des Landes erklärt, sind so bemerkenswert, daß wir hierin eine Kulturtat ersten Ranges begrüßen. Eine sehr schöne Betrachtung über Stimmung und Wesen der kurländischen, litauischen, polnischen und russischen Juden, die das Land, in dem sie leben, als ihre wirkliche Heimat betrachten, findet sich in einem neuen Bericht des Rabbiners Dr. B a e ck, der von dem „Gemeindeblatt der Berliner jüdischen Gemeinde" veröffentlicht wird. Wir bringen ihn wie all die lebendigen, tiefgründigen Darlegungen des in heiligem Eifer tätigen Mannes mit ganz besonderem Vergnügen zum Abdruck. Er lautet: Aber von ihrer Umgebung heben sie sich doch deutlich ab, weit weniger vielleicht äußerlich als vielmehr innerlich. Wenn man ihre Besonderheit kurz bezeichnen sollte, so könnte man zunächst sagen: sie sind älter.als die anderen im Lande. Das ist eine Eigentümlichkeit, die sie mit uns Juden allen teilen. Wir Juden schauen aus älteren Augen in die Welt; wir sind nicht erst von -gestern und ehegestern; unsere Seele hat ihre lange Geschichte, in der sie gebildet wurde. Doch diese Juden des Ostens sind älter -als wir. Das Schicksal, welches im Nehmen gibt und im Geben nimmt, hat sie dazu gemacht; die Kindheit hört -bei ihnen früher auf, und das Leben, in seinem ernsten Sinn, beginnt eher. Oft will es scheinen, als ob die Augen der Frauen noch älter blickten als die der Männer, als hätten sie noch früher ins Leben hinaussehen müssen. Aber dieser Blick, in dem so viel Dasein liegt, so viel Verstehen und Wissen, bedeutet keine Erschöpfung und auch keine Müdigkeit; er ist ja auch nicht selten mit einem wundersamen, reizvollen Ausdruck fast kindlicher Harmlosigkeit vereint. Diese Menschen haben alle ihre starke Spaunkraft und Stoßkraft, die in einem tiefen Selbstgefühl wurzelt. Sie tragen in sich das sichere Bewußtsein von einer geistigen und sittlichen Habe, die sie ererben; sie empfinden es lebhaft, daß sie in einer alten, höheren Kultur wohnen. Nur weil ihre Seele diese Fähigkeit besitzt, hina-bzusehen und verachten zu können, nur darum ist sie imstande, alles zu überwinden, was so mancher Tag über sie verhängt hat. Es ist gewiß, daß nicht in allen ein solches Bewußtsein als sittlicher Schutz und als sittlicher Ansporn wirkt; mancher geht im Gewöhnlichen und im Niedrigen unter, und es ist bekannt, daß, zumal in den größeren Städten, jener ältere Blick aus den Mädchen- und Frauenaugen der sein kann, welcher von einem beklagenswerten Dasein in der Diese spricht. Das ist ja „des Unglücks eigentlichstes Unglück", wenn es den Menschen auch noch schlechter macht. Aber trotz allein, es ist nicht anmaßend zu sagen: In den Juden d?s Ostens besteht doch die höhere seelische Kultur, und sie wissen davon und sie leben von diesem Bewußtsein. Ihr Wille zum eigenen Dasein ist im Sittlichen gegründet. Mit dieser ihrer Lebenskraft ist dann ein weiteres verwachsen, was manch einer aus der Ferne geneigt wäre ihnen abzusprechen: ein starker Mut. Für diese Menschen, Frauen wie Männer, gibt es kaum ein Zurückweichen vor dem Ungewissen. Es ist nicht bloße Unternehmungslust; denn sie setzten nicht nur Geld und Gut, sondern sich selbst ein. Wenn es den Kampf ums Dasein, um die Zukunft gilt, wagen sie ihr Leben überall hin. Man kann es hier beobachten, wie sie bis in jedes Gebiet der Gefahr hineinzukommen suchen, umführen Unterhält zu erringen, wie sie oft mit ihren kleinen gebrechlichen Wagen die Winternacht hindurch durch tiefen Wald fahren, um des Morgens an der großen Landstraße zu stehen und dort ihre Waren zu verkaufen. Mit diesem Mute treten sie auch dem Zukunstsfchicksal gegenüber. Es gibt hier viel bittere Sorge; aus der Sorge und in die Sorge ist das Dasein hier hinaufgestiegen, aber es gibt dennoch keine eigentliche Verzweiflung, keinen Pessimismus in diesen Menschen. Sie alle glauben doch immer wieder an die Zukunft. Wenn einer unter uns im Gedanken an das Trübe und Dunkle, das über diesem Lande liegt, bisweilen verzagen möchte, er wird sich 'immer tief beschämt fühlen müssen durch diese Menschen, vor denen die Wand des Ungewissen sich erhebt und die doch immer das eine Gebot nur vor sich sehen wollen, wie gestern so heute: arbeite und verzweifle nicht. Ihre Zukunft stellt eine gewaltige Aufgabe vor sie und auch vor uns hin, eine Aufgabe, die ihre Mühen und Leiden und wohl auch ihre Enttäuschungen haben wird, aber trotz allem: sie ist eine große Zuversicht. Diese Männer und Frauen, sie sagen zu uns, mit dem Dichterworte, das aus ihrem ganzen Leben, aus ihrem alten und darum doch jungen Blick zu uns spricht: „Wir heißen euch hoffen." * In der „Kölnischen Volkszeitung" steht ein größerer Artikel von E. v. Hesse-Wartegg: „Der Endpunkt der Bagdadbahn". Der gesamte Artikel, so interessant er auch ist, kann hier nicht im einzelnen gewürdigt werden; wir begnügen uns daher mit der Heraushebung der folgenden Stelle: Am meisten aber wirkt für die Verbreitung der französischen Sprache im ganzen Orient, Anatolien, Syrien, Armenien, Mesopotamien, sogar Persien, die Alliance Jsraelite, die in Frankreich ihren Sitz hat und überall stark besuchte, israelitisch) Schulen mit französischer Unterrichtssprache unterhält oder doch mit- Geld und Lehrern unterstützt. Nun besteht die Einwohnerschaft Bagdads zu einem Viertel (fünfzigtausend) aus Juden, und Handel wie Reichtum, dadurch auch Einfluß, liegt zum großen Teil in ihren Händen. Die Knabenschule mit durchschnittlich tausend 'Schülern besteht seit 1865, die Mädchenschule zählt deren ungefähr fünfhundert, und es ist daher leicht auszurechnen, wie viele Französlinge in diesem halben Jahrhundert aus den Bagdader