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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-18 · Heft 7 (18.2.1916) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 7 (18.2.1916)
Date
1916-02-18
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 und nicht zuletzt in diesem Kriege die Gewohnheit gehabt, wenig zu reden und viel zu tun; wir erwarten die Taten der Gegner und lassen uns durch Worte nicht schrecken; denn diese ganze Rederei scheint nur 31t dem Zwecke unternommen zu sein, den gesunkenen Mut der Italiener, die nach fast zehunwnatigem Kriege noch genau auf dem Punkte stehen wie am Anfänge des blutigen Ringens, 31t heben, die Unzufriedenheit, die sich auf der Halbinsel bekundete, zu betäuben und eine Siegeszuversicht zu heucheln, an die weder in Italien noch sonst irgendwo ein Mensch glaubt. Der Beschluß der englischen Regierung, die Kauffahrteischiffe zu bewaffnen, hat, wie vorauszusehen war, die deutsche Regierung zu Gegenmaßregeln veranlaßt. Aus einergroßen Denkschrift, welche von unserer Regierung veröffentlicht worden ist, seien die Schlußsätze hier mitgeteilt: 1. Unter den vorstehend dargelegteu Umständen hoben feindliche Kansfahrteischisfe, die «tit Geschützen bewaffnet sind, kein Recht mehr darauf, als friedliche Handelsschiffe angesehen zu werden. Die deutschen Leestreitkräfte lverden daher nach einer kurzen, den Interessen der Neutralen Rechnung tragenden Ir ist den Befehl erhalten, solche Lchiffe als Kriegs ü h r e n d e zu behandeln. 2. Die deutsche Regierung gibt den neutralen Ri ächten von dieser Lachlage Kenntnis, damit sie ihre Angehörigen warnen können, weiterhin ihre Person oder ihr Vermögen bewaffneten Kauffahrteischiffen der mit dem Deutschen Reiche im Kriege befindlichen Mächte anznvertrauen. Einstweilen kann gemeldet werden, daß ein großes englisches Kriegsschiff, nicht allzuweit von der englischen Küste, vernichtet, ein anderes schwer geschädigt worden ist, daß ferner, lairt den Berichten unserer Gegner, sieben weitere Schiffe vermißt werden. Auch ein französisches Linienschiff wurde versenkt. Wir leben in froher Erwartung der kommenden Ereignisse. Unsere Zuversicht wird dadurch gestärkt, daß der Mangel au Fahrzeugen in England sich fühlbar nracht und daß sich ferner in England die Stimmen mehren, wie aus einer kürzlich bekanntgewordenen Aeußerung von Bernhard Shaw hervorgeht, die von den Deutschen mit größerer Achtung und von den eigenen Landsleuten mit geringerer Hvffnuugsfreudigkeit sprechen, als dies noch in den letzten Wochen der Fall war. * Aus England berichtet die österreichische „Israelitische Wochenschrift" folgendes: Bei der Neubildung des englischen Kabinetts, die eigentlich ans einige Verschiebungen hinausläust, ist, wie bereits mitgeterlt, durch den Rücktritt Lir John Limons Herbert Samuel Minister des Innern geworden. Herbert Samuel ist Jude. Im Mai vorigen Jahres hat er bekanntlich das Ministerium des Innern, als das Koalition,sministerium gebildet wurde, an den Tory Walther L 0 n g abgetreten und das sehr beschwerliche Postamt übernommen, das keinen Kabinettsrang hak. Nun ist dieser junge, äußerst begabte Mann wieder int Kabinett. Außer ihm ist aber noch ein zweiter Jude, sein Neffe Edwin M 0 n t a g n , der jüngere Bruder des zweiten Lord S w a y t h l i n g-, ins Kabinett gekommen, lind zwar als Kanzler des Herzogtums von Lancaster -- bekanntlich einer der zahlreichen Titel des englischen Kölligs. Der kaum dreißigjährige Minister behält aber seill-e Stelle als Finanzsekretär des Schatzamtes trotzdem bei. Das ist bedeutsam, da es die Verbrüderung der hohen jüdischen Finanz mit dem Ministerium Asqnith bedeutet. Der erste Lord Sw a y t h l i n g war nämlich ciu fabelhaft reicher Bankherr, dessen Machtwort auch nach seinem Tode von seinen Söhnen geachtet und befolgt werden mlißte. Edwin Montagus Frau, die Tochter des Lord Sheffield, mußte zmll jüdischen Glauben übertreten, bevor sie Mrs. Montagn lverden konnte. Aber das Bankhaus Samuel, Montagu u. Go. ist, um ein bekanntes Wort des Franzosenkönigs Heinrich V. zu gebrauchen, eine Messe wohl wert. Hat doch auch der frühere Schatzkanzler Lloyd G e 0 r ge Friedell machen müssen mit Lord Roths ch i l d llnd ist als einer der erstell Leidträger der Bahre gefolgt, die desseil Leiche trllg. Die silberne ^Kanonenkugel, der Lloyd George als Schatzkanzler dell Sieg voraussagte, haben die Rothschilds und Montagus seither vergoldet. Wenigstens zwei Drittel des alljährlich produzierten mtb.auf US Millionen Pfund Sterling geschätzten Goldes stamnlt ans britischen Besitzungen, sagt der Jahresbericht der Firma Samuel, Montagn n.Go. ¥ In P 0 l e n geht die deutsche Regierung planmäßig in der Ordnung der inneren jüdischen Angelegenheiten' vor. Bon der deutschen und polnischen Unterrichtssprache, die in den niederen und höheren Schulen eingeführt werden soll, von dein jüdischen Gymnasium in Lublin ist bereits die Rede gewesen. Hier sei nur kurz angedeutet, daß an der Neuorganisation der Ehedarim sowie an der Begründung einer Rabbinerschule nach deutschem Borbilde eifrig gearbeitet wird. Zu diesem Zwecke sind verschiedene lneist der orthodoxen Richtung angehvrige Rabbiner ans Nord- und Süddentschland berufen 'worden. Wir haben von un ferenx Standpunkte aus nicht darüber zu klagen, daß jene Wahl nicht auf freisinnige Rabbiner gefallen ist; denn bet der religiösen Stellung unserer Glaubensgenossen in Poleil würden gerade üMitucr der liberalen Richtung rächt als geeignet angesehen werden, tiefgreifende Veränderungen religiöser Verhältnisse anzubahnen. Ein wichtiger Fortschritt in dieser Beziehung ist geschehen durchs die Eröffnung der Talmudschule in Kowno, über die wir folgenden ausführlichen Bericht des „Berl. Tagebl." wiedergeben: In dem kleinen Hause in der Glüsestraße zu Wiliampol-Kvwno wurde in den letzten Tagen eine Feier abgehalten, die für.die Juden der besetzten Gebiete von großer Bedeutung ist und bekundet, wie sehr die deutschen Behörden bemüht sind, die Juden Rußlands von dem Druck zu befreien, der bisher ans ihnen lastete. In Wiliampol bei Kowno bestand seit Jahrzehnten, eine berühmte Talmudschule, die aber infolge der Vertreibung der Inden aus Kowno geschlossen werden mußte. Der Initiative eines deutschen Abschnittkvmmandanten, des Majors 0. St., ist es zu danken, daß diese Schule ihrer früheren Bestimmung wieder übergeben lverden konnte. Zu der Feier hatte sich eine stattliche Anzahl von geladenen Gästen eingefunden, unter ihnen mehrere höhere militärische Persönlichkeiten. Den Abschnitt 4, in welchem die Stadtgemeinde Wiliampol gelegen ist, vertrat der Ortskommandant, Major v. St., mit einem Gefolge von Offizieren. Die Stadt Kowno hatte ihren deutschen Oberbürgermeister Dr. P. und den Bürgermeister Tr. H. entsandt. Bon den im Abschnitt 10 stehenden Truppenteilen waren die Herren Oberst St., Hauptmann Sch., Hauptmann H. erschienen. Die militärische Geistlichkeit wurde durch dorr Feldrabbincr Tr. R. vertreten. Nachdem der Rabbiner I. (Wiliampol) den Psalm 11 gebetet hatte, ergriff Herr Major v. St. das Wort zu folgender Ansprache, die tiefen Eindruck machte: „Am 18. September wurden die Russen über Memel und Wilna geworfen und Kowno genommen Lenden: hat die militärische Verwaltung sich bemüht, der B e v ö l k e r u n g über die L ch r e ck e n d e s K rieges hi u w e g z u h e l f e n , sie zu b e s ch i r m e n und zlt beschützen, Handel ltnb Berkehr zu heben nnd nicht zilletzt der Bevölkerung die heiß e r st r e b t e Bild u n g in bcu notwendigen Grenzen zuteil werden zu lassen. Es muß als eine Schicksalstücke angesehen werden, daß der Zar dieses Landes der Bevölkerung die notwendige Bildung versagte nnd daß der Eroberer dieser die notwendige Bildung zukommen laßt. So war es in Warschau bei der Polnischen Universität, so ist es auch hier bei dieser Schule. Sehen Sie ein besonderes B e r t r a n e u. darin, das; Ihnen die deutsche Negierung erlaubt, ungehindert die berühmte und jahrelang benutzte Schule wieder in Gang zu bringen. Wie ganz anders war es in Rußland, wo noch im Spätherbst des Jahres 1915 der . Minister. Sasonow, anstatt alle Kräfte des Volkes zrisaumtenzufasseu, Ihren Glaubensgenossen nur versprechen konnte, daß sie sich in größeren Städten würden ansiedeln dürfen und andere Freiheiten erst nach dem Kriege gewährt lverden könnten. Ich übergebe Ihnen, verehrter Herr Rabbiner, hiermit das Gebäude, nachdelli es für militärische Zlvecke nicht mehr notwendig ist, damit Sie es der alter: Bestimmung wieder zuführen. Bilden Sie die jungen Schüler mrs, daß sie starke Kämpfer ihres Glaubens werden, treue Diener des Staates, die das Vaterland über alles schätzen und die zur Verteidigung des

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