Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229239--71997-3284413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
72 deutschen Adligen und einer vornehmen italienischen Frau, wird nach dem frühen Tode seiner Eltern von einer italienischen Großmutter erzogen (ein italienischer Leiltänzer, der der Mutter innigft ergeben war, spukt durch das ganze Luch), heiratet eine italienische Verwandte, muß aber den Tod dieser geliebten Frau und seines Kindes beklagen. Er errichtet der Toten ein herrliches Monument, wendet sich wieder dein Leben zu, sinder eine Freundin wieder, die er eine Zeitlang ans seinem Ente beherbergt und deren innigsten Umgang er eine Nacht genossen hatte, erkennt das Kind an, das aus diesem Verkehr entsprossen ist, läßt sich mit der Geliebten trauen, zieht in den Krieg und stirbt. Mit dem kurzen Hinweis ans diese Vorgänge ist das umfangreiche Werk, das 443 enggedruckte Leiten umfaßt, nicht erschöpft, kaum uiigedeutet. Tenn die bunten Abenteuer, die unser Held erlebt, haben in dieser kurzen Analyse kaum einen Platz gesunden, und die Tendenz des Werkes ist damit mit keinem Worte erlvähnt. Diese Tendenz konnte mail vielleicht in einem Worte finden, das die erste Gattin des Helden eiunial sage „In diesem Luchen besteht wohl das Leben, ilnd wer nicht sucht, lebt nicht." Tenn Eonrad sucht das Leben: zuerst hu Ltudium, dann im wilden Genuß, dann in religiöser Vertiefung, in der rin lnerklvnrdiger Prophet ihm Wegweiser sein soll., dann in sozialen Bestrebungen, denen er sich teilnahmsvoll an schließt, dann in der Bewirtschaftung seines Gutes, also in praktischer Ausübung seiner Kräfte, und endlich in der Hingabe an das Vaterland. Tie Darstellung der letzten Juli- und der ersten Augusttage des Jahres 1914, die Schilderung der dentwürdigen Reichstagssitzung und einzelner sozialdemokratischeu Veranstaltungen, die Beschreibung der großen nationalen Aufregung, die das ganze Volk ergriffen hatte, und der erste Kampf in Ostpreußen, einer Provinz, die der Verfasserin durch ihre Verlvandten wohl bekannt ist, bilden den Glanzpunkt des Werkes: sie gehören zu dem Packendsten, Ergreifendsten, Grandiosesten, das durch die Ltürure der Kriegszeit hervorgerufen worden ist. Diese Lchilderung tonnte man vielleicht als eine Abkehr der Verfasserin von ihren früheren sozialdemokratischen Tendenzen betrachten; jedenfalls hat sie hier Töne für die nationale Erregung, die Volksbegeisterung, die jeden Nationalgesinnten erschüttern, erheben und erfreuen. Was unser spezielles Interesse an diesem Buche erregt und was uns berechtigt, ihm eine ausführliche Erwähnung m diesen Blättern zu gewähren, ist dies: jüdische Persönlichkeiten und jüdische Kreise kommen in der bemerkenswerten Dichtung nicht etwa nur gelegentlich vor, sondern sie erscheinen immer wieder. Ein Hauptpersönlichkeit ist Eonrads jüdischer Lchulkamerad Walter Warbnrg, der gewissermaßen als Gegensatz, aber auch als Ergänzung zu Eonrad erscheint. Auch er ist ctu Lebenssucher, nur mit den: Unterschiede, daß er mit größerer Energie, ohne Wanken sein Ziel in§ Auge faßt und es erreicht. Er ist, ohne auf die Freuden des Lebens zu verzichten und ohne in öde Ltreberei zu verfallen, ein ernster Studien Beflissener, er wird Mediziner, steht Eonrad in den schweren Ltnnden der Geburt seines ersten Kindes bei, untersucht den Freund, da dieser sich als Freiwilliger meldet, steht aber zmmchst dem Krieg skeptisch gegenüber. Diese Lkepsis geht einerseits daraus hervor, daß er den Krieg überhaupt verdammt, andererseits daraus, daß er von der nationalen Hochflut eines solchen Krieges eine schwere Reaktion und eine starke Erbitterung gegen das Judentum befürchtet. Aber durch die hochgesteigerte Ltimmung der Juli- und Augusttage lvird auch er fortgerissen und stellt sich gleichfalls der nationalen Lache zur Verfügung. Reben dieser einen jüdischen Persönlichkeit, die durch den ganzen Roman anftritt, wenn sie auch in Hunderten von Leiten verschwindet, werden, namentlich bei der Erzählung von Eonrads Aufenthalt in Berlin, jüdische Kreise geschildert. Zwei solcher Kreise verdienen eine besondere Erwähnung: ein protziger Bankier mit seiner verführerischen Frau, in deren Banden Eonrad eilte Zeitlang lag, von der er sich aber bann gewaltsam trennt. Lodann eine jüdische, feingeistige, dabei aber auch sinnlich erregte Dame, Frau Lara Rubner, eine eifrige Zionistin - - und es mag erlvähnt werden, daß unter ihrem Einfluß jener Walter Warburg gleichfalls in zionistische Kreise gerät - , die eine Zeitlang mit einem widerwärtigen christlichen Gesellen in freier Ehe lebt, von Walter vergeblich begehrt wird, übrigens auch bei Eonrad einige Zelt wärmere Gefühle Hervorrust, die aber dann, nachdem der Elende, dent sie sich hillgegeben, sich in seiner galizen Erbärmlichkeit gezeigt hat, ihr Leben freiwillig endet. Und endlich geht man wohl auch nicht fehl, lvenll inan Else Gerstenberg, gleichfalls unter den dein Judentum entstamillenden Personen nennt, jenes junge Mädchen, das lange mit dem , kurz an gedeuteten ekstatischen Propheten zusalnmenkebt uitö, wie schon erlvähnt, eine klirze Zeit auf Conrads Gut weilt und sich ihm in der letzten Nacht in freier Hingabe zuwendet und dadurch Mutter seines Lohnes lvird, jenes Mädchen, das am Schluß mit Eonrad getraut, Lchloßherrin und Erbin der Hochseßschen Güter wird. Lo hat dieser Roman, der ein überaus lebendiges Bild der Zeitbewegung entrollt, auch für das Judentum ein ganz hervorragendes Interesse. Ich will nicht sagen, daß Frau Lily Braun durch diese Borführung jüdischer Kreise ihre besondere. Sympathie für das Judenlum zeigt, noch weniger, daß sie durch die Art ihrer Lchilderung sagen will, daß Juden nun etwa berufell seien, die Nachfolge des delitschen Adels zu übernehmen, lvohl aber darf man behaupten, daß sie die Juden nicht als Fremdkörper in Deutschland betrachtet, sondern sie als Gleichberechtigte allerkennt. Aber nicht in der Beschreibmlg eines Einzelschicksals und nicht in der Vorführung eiirzelner jüdischer Persönlichkeiten liegt die große Bedeutung des Werkes, sondern darin, daß wirklich das Streben der jungen Generation nach allseitiger Bildung, nach Verkiesung des Charakters, daß das ideale Verlangen der Jugend bei aller Befriedigung des Genusses, sich ein gewaltiges Lebensziel zu gestalten und zu diesem Ziel trotz aller Hindernisse vorzndringen, in glühenden Farben geschildert wird. Ein solches Ltreben Verdi ent die höchste Anerkennung. Schar fmnrissene Porträts einzelner Persönlichkeiten, zlnn Beispiel der Großmutter Eonrads und seiner altjüngferlichen Tanten, des schon kurz angedellteten Leittänzers und des wunderbaren Religionsstifters, treffliche Darstellungen von Ländern und Städten sind ein besonderer Schmuck des Buches. Nicht unerwähnt soll endlich bleiben, daß Lilh Braun — und dazu gehört ein starker ÜUhtt, dem die Anerkennung nicht versagt werden soll — Italiens mit Begeisterung gedenkt. Ihre Bemerkungen über italienische Landschaft und über italienische Knust sind ausgezeichnet. Lie stellt neben den. ungemein sympathischen und liebenswürdigen Italienern auch manche ruchlosen Gesellen dar, aber im allgemeinen ist sie nicht von jenem teutonischen Ilebereiser gegen Italien erfüllt. Und es soll ihr gedankt lverden, daß sie über Florenz das schöne Wort sagt: „Der Atem dieser Stadt ist der Atem nilsterblichen, ewjg wirkenden Geistes. Was wäre unsere ganze Kultur ohne st ei'" Ich stehe nicht an, dieses Werk, in dem die Dichterin sich von einer ganz neuen Leite zeigt, ein Werk reicher Erfindung, starker Tarstellungskraft und tiefer Gedanken, für eine der hervorragendsten Erseheinnngen der Kriegszeit zu erklären. L. G. * — D i e Lyrik des Auslands seit 1 800. Bon Otto Hauser. Leipzig.-R., Boigtlünders Verlag. 1915. Der Verfasser, der mit dem vorliegenden Bande seine Darstellung der ausländischen Literaturen während des 19. Jahrhunderts zum Abschluß bringt, gesteht selbst in der Vorrede zu, daß ihn die Fülle des Ltoffes oft genug zur bloßen Aneinanderreihung von Namen veranlaßt habe. Wir verzeichnen hier nur das, was für die Leser dieser Zeitung besonderes Interesse erregt: Charakteristik jüdischer Dichter. Bei der französischen Lyrik wird erwähnt: Gustave Kahn (geb. 1859 in Metz), der deutsche Jude, war einige Zeit geradezu Vorkämpfer der Bewegung (der Moderne), rastloser Gründer von Zeitschriften, von Dichterabenden. Tie „Kühnheit", die man ihm nachrühmt, besteht bei ihm vor allem im engen Anschluß an die deutsche Metrik; er hat das Wort „lied“ in die französische Sprache eingeführt. Die italienische Lyrik vertritt eine protestantische (!) Jüdin Anni Vivanti (geb. 1870), die schon so gut wie vergessen ist. Bei der skandinavischen Lyrik finden wir den versgewandten Henrik Hertz (1798—1892), Theodor Casp-ari (geb. 1853), von Vaters Leite deutsch-jüdischer Herkunft, der in blassem Epigonismus versank, und Oskar Leventin (1862—1906), der Georg Brandes Stockholms, dichtete, wenn auch überaus geschmackvoll, akadenrisch-epigonistisch. Anr Schluß widmet der Verfasser der hebräischen und jiddischen Lyrik einige wenige Zeilen. Er gedenkt der Proletarierlieder Morris Rosenselds (geb. 1862). Das Jiddische scheine vor dem Hebräischen znrückzutreten. Von älteren Lyrikern habe diese neue hebräische, jetzt stark.Zionistisch gefärbte Lyrik vor allem in Chaim Nachman Bialik (geb. 1873) und in Saul Szernigowski starke, hochstrebende Begabungen. In bezug auf weiteres Material verweist der Verfasser auf die von ihm herrührenden Artikel im Iahressupplement 1909/1910 voll Meyers Konversationslexikon. . M. Sp.