Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Dann Nahm ich seine Briefe und Adressen und Versprach ihm, alles zu ordnen. Aber ich verstand nicht recht mit der Vernunft, wie diesen augenscheinlich gebildeten und feinen Menschen solch eine fromme Suggestion, daß ein Fremder ihm den Kaddisch nachsage, gleich einem Verwandten, so wundersam beruhigen konnte. Ich verstand es jedoch mit den Nerven und, Sinnen, aus der anklammernden Einsamkeit von Mensch zu Mensch, wie sie in dieser Stunde aufschrie und selber ein Kaddisch war für die Welt des Friedens und alle blutigen Opfer . . . Während ich redend in Träumen lustwandelte dort, wo unsere Jugend schön sich vollendete, schlummerte er unmerklich hinüber. Ich sprach ihm auf Jüdisch das Ledmad Jisroel nach, mehr wußte ich nicht, und drückte ihm die Augen zu. Dann kam die Sonne blutrot über den Berg. Es war ganz still geworden. Ich schlief ein, geschwächt vom Blutverlust und von der Erregung. Als ich erwachte, lag ich auf einem Verbandplatz. Mein erster Gedanke war der Kaddisch für den Fremden. Sie neue Melodie. Von S. L. Perez. Deutsch von F. H u r w i tz. er Schoser ertönt, viele Stimmen rufen laut: „Kommendes Jahr in Jerusalem!" Am Betpult steht schon der gewöhnliche Vorbeter und betet das alltägliche Abendgebet mit der alltäglichen Melodie. Pfeilschnell werden Kittel und Talles abgelegt, pfeilschnell gebetet, alle haben Eile. Nic-° mand hat Zeit und Muße genug, einen jungen Menschen zu bemerken, der um die Leute sich herumdreht und an der Hand ein blasses, schwaches Kind führt. Schon das dritte Mal macht er seinen Gang um die Betpulte vorbei, aber niemand sieht ihn. Alle sind mit sich selber beschäftigt: der eine sucht seine Schuhe unter der Bank, dem anderen hat man die Gummischuhe verwechselt, und der dritte plltzt seinen Hut rein, der vom Wachslicht befleckt wurde, und alle sind hungrig . . . Vergebens schaut der Arme jedem ins Gesicht, er kann niemandes Blick erhaschen. — Vater, komm schon nach Hause — bittet das Kind. — Gehen wir nochmals herum, gehen wir noch beim Onkel vorbei — entgegnet er ihm ... Inzwischen ist man rasch fertig geworden, nochmals ein „Kaddisch", nochmals „Amen" und alle Welt verläßt eilig das Bethaus, im Gedränge auch den jungen Menschen mit dem Kinde mitziehend. Auf dem Schulhofe sammeln sich die Männer, lim den Neumond zu begrüßen, während die Frauen der Straße entlang nach Hause gehen. Auf dem Heimwege werden noch die Tagesbegebnisse besprochen, wie viele Frauen heute in Ohnmacht gefallen sind. Auch vom Vovbeter wird gesprochen, der heute noch heiserer als sonst war. An jedem Hause verabschieden sich einige Frauen und verschwinden hinterin Haustore. Am Schulhofe tanzen die Männer noch gegen den Mond . . . Der blasse Manu mit dem blaffen Kindchen dreht sich noch immer um die betende Menge . . . Die Menge wird immer geringer und sein Gesicht . . . finsterer - . . Der letzte der Männer verschwindet schon in einer Ecke, der junge Mann steht verzweifelt. — Niemand . . . nun was läßt sich tun — sagt er mit zitternden Lippen — ich werde doch nicht betteln, und noch gleich beim Anfang des neuen Jahres, beim Ausgange des Versöhnungstages! ... Das Kind meint, daß er betet. — Genug, Vater, komm schon nach Hause — bittet es mit tränenerstickter Stimme. — Dummes Kindchen, was willst du zu Hause? — Ich bin hungrig, ich möchte essen. — Selbstverständlich, wenn du, mein Kindchen, den ganzen Tag gefastet hast, so bist du hungrig; auch wenn du mir es nicht sagst, so weiß ich es selber. — Komm schon nach Hause! — flehet weiter das Kind. — Höre, Tavidchen, .zu Hause ist auch nichts zu essen da . . . — Ein Stückchen Brot wenigstens! — Kein Bröselchen! Das Kind bleibt erschrocken stehen. — Tavidchen — sagt ihm der Vater — weißt du, was heute war? Das Kind schweigt und schluchzt leise. — Heute, Tavidchen, war Jom Kippur . . . Jom Hakodausch (der heilige Tag). Weißt du, was dies bedeutet? — Ja — nickt kaum merklich das Kind. — Nun, sage, Tavidchen, was haben wir getan? — Gebetet — weint das Kindchen. — Gut! Und was hat der liebe Gott getan? — Verziehen — schluchzet das Kind weiter. — Weißt du, Davidel, wenn der liebe Gott uns verziehen hat, können wir, glaube ich, fröhlich sein, wie meinst du? Das Kind antwortet nicht. — Kannst du, mein Kind, dich erinnern, voriges Jahr, als die gute Mama noch lebte, sangen ivir nach dem Abendessen eine neue Melodie, kannst dn dich dieser Melodie noch erinnern? — Nein. — Ich werde dir sie Vorsingen, nur hilf mir mit Und der junge Mann beginnt mit heiserer, schivacher Stimme zu singen. Er singt keinen „Walluch"'), keinen „Ehassid"'). unreine herzerschütternde Melodie, die einem tief ins innerste Mark schneidet. Das bleiche Kindchen singt weinend mit. Litrrarilche Mitteilungen. — Lily B x a u n : L e b e n s} 11 ch c r , Nom NN. Verlag Albert Langen, München. Lity Brauns, oder wie sie damals hieß, Lily v. Kretschmarins literarisch? Anfänge standen gewissermaßen unter meinem Patronat. Ihre ersten Aufsätze über „Goethe und seine Zeit" erschienen in dem von mir herausgegebenen Goethe-Jahrbuch. Mit Interesse las ich ihre Bücher, die sich ans den Weimarer Kreis 'bezogen; aber als sie sich der Sozialdemokratie znwandte, folgte ich ihrer literarischen Lausbahn weniger und Habe ailch von ihren „Memoiren" nur die Abschnitte gelesen, in denen ich als „Professor Fiedler" vorkomme und eine von mir gegebene Gesellschaft, au der Fräulein v. Kretschman, die auch sonst mehrfach unser Haus besuchte, teilnahm, mit mehr Phantasie als Wahrheit geschildert wird. Die außerordentlich begabte, auch persönlich sehr sympathische Dame, deren schriftstellerische Arbeiten von ganz ungemeinem Erfolg begleitet sind, hat nun einen Roman freier Erfindung -gedichtet. Und der Berleger wußte wohl, ivas er tat, wenn er den Erstdruck dieses Romans gleich in 20 000 Exemplaren erscheinen ließ. Die Sozialdemokratin — denn das ist Lily Braun, wenn sie vielleicht auch jetzt sich aus den engen Banden der Partei gelost hat — gibt in diesem neuesten Werk ein Bild der Zeit und versteht es in ausgezeichneter Weife, ihre eigene aristokratische Vergangenheit mit den Bestrebungen und Ideen, ja mit den Taten der jüngsten Monate zu verbinden. Der Kritiker vermag nicht zu sagen, ob und inwieweit sie in diesem farbenreichen Bilde sich selbst, Jugendgeführten und Genossen geschildert hat, wohl aber darf rnan annehmen, daß manche persönlichen Erlebnisse oder Vorgänge aus dem Kreise, in dem sich die Verfasserin bewegt, benutzt worden sind. Es ist die Geschichte eines adligen Jünglings, Conrad v. Hochseß, der in Bamberg die Schule besucht, in Berlin studiert und sich, ohne in einen bestimmten Beruf einzutauchen, sein Leben gestaltet. Er ist der Sohn eines *) Jüdische Nationalweisen.