Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
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70 daß ein zweiter Angriff nicht mehr mit Sicherheit von uns auszuhalten war. Es galt zuvorzukommen und durch einen Gegenangriff den feindlichen Graben in dreihundert Metern Entfernung zu stürmen. Unsere Artillerie rollte vorsintflutlichem Erdbeben gleich, zerfleischte den Acker, zerriß den Boden in tausend Wunden. Dann einige Minuten Stille. Ich springe mit meinem Zug genau zur befohlenen Sekunde vor. Vorn pilrpurne Finsternis, ein Sausen und seines Pfeifen um uns und tak-tak-tak — plötzlich ein furchtbarer Schlag gegen mein linkes Bein. Ich stürze. Als ich aus der Betäubung des ersten jähen Schmerzes erwachte, höre ich neben mir ein Stöhnen, kaum ein menschlich artikulierter Laut noch, wie von einem weidwunden Tiere. Dann aber formt sich das Stöhnen in Worte. Ich glaubte sie nicht recht zu verstehen. Aber sie wiederholten sich, kamen mir seltsam vertraut und fremd in ihrem ausländischen Akzent ans Ohr, ein Wiegenlied, ein Grabgesang, über Welten hin in fremden Zungen bekannt. Zwischen dem Gebrüll der wilden Kanonentiere und dem nervenpeitschenden Tak-tak dieser mörderischen Wölfe von Maschinengewehren hörte ich aus Todesnot dies Wort: Schmäh Jisroel . . . Und ich antwortete dem Fremden, wie es geschrieben steht: Adonaj elohenu . . . So erkannten wir einander. Und in all dem Todeswüten mußte ich aus einer Jdeenassvziativn heraus echt jüdisch — plötzlich lächeln. Denn ich dachte an den alten Witz, nach dem zwei arme Inden sich auf die gleiche Art erkennen, während sie in einem Zirkus, als Löwen verkleidet, aufeinander losspringen und jeder vom anderen furchtsam glaubt, jener sei der echte Löwe. Wir waren auch in dem tollen Zirkus, der jetzt aus der Welt geworden ist, aufeinander wie die Löwen losgesprungen und erkannten erst bei dem uralten Losungswort, daß wir Menschen sind, Brüder, eben noch bereit, einander zu zerfleischen. Ja, ich mußte lächeln, aber ein schmerzliches Lächeln. Es war ein junger Offizier. Seine Wunde war entsetzenerregend: Bauchschuß. Nicht zu schildern die Pein und die Häßlichkeit dieser Zerfleischung. Er konnte höchstens ein paar Stunden noch leben. Er hatte gleich meine Hand gefaßt, wie um das Menschliche, das ihm inein Wort des Erkennens gezeigt hatte, ganz nah in aller warmen Lebendigkeit zu fühlen. Ich vergaß mein zerschossenes Bein fast ob dieser Dringlichkeit des stummen Hilferufes aus der großen Einsamkeit der letzten Stunde. Fremd tasteten wir nach unseren Seelen mit Worten, die dies und jenes fragten, mit Blicken, die sich nur fühlten, ohne sich zu sehen. Er bat um eine Zigarette. Ich gab sie ihm. Wollüstig rauchte er. Ich flößte ihm Kognak ein. Da kam frischer Lebensgeist über ihn, wie ein letztes Ausflackern. Hilfe von den Sanitätern war noch nicht zu erwarten. Born aber schienen unsere braven Kerls den Graben genommen zu haben. Um so heftiger wurde der Raum hinter ihm, auf dem wir lagen, von der feindlichen Artillerie bestrichen, damit unsere Reserven nicht nachrückten. Zufall blieb es, ob ich nicht noch schwerere Wunden empfing. Denn die streuenden Granaten überschütteten uns mit Erde und Dreck. Ich beschloß, ein wenig abseits zu kriechen. Aber mir tat es um den todwunden Leutnant an meiner Seite leid. Er bat wie ein Kind, ich möchte ihn nicht verlassen, und hielt meine Hand krampfhaft fest. Ich zog ihn langsam, ganz langsam, so wie er auf dem Rücken lag, mit unsäglicher Mühe, die Lippen zerbissen vom Schmerz bei jeder Bewegung, einige zwanzig Meter ins seitliche Gelände. Hier griffen die weitausholenden Tatzen der Granaten seltener nach uns. Aus herumliegenden Tornistern baute ich eine kleine Deckung. Schon kam leiser Abglanz der sommerlichen Morgendämmerung zu uns her. Und diese Stunden — waren es nur eine, oder zwei, oder drei, ich weiß es nicht —, sie haben sich in meine Seele eingegraben, als wie ein gekreuzigter Wegweiser zum Weltgeist, ein Weg zu Gott. Nicht daß ich sagen kann, was Großes war. Denn wir taten nicht viel mehr, als in den Sternenhimmel schauen, den Kopf dem Morgenscheine, der Hoffnung des Tages zugewandt, mitten in dem Beben, das den Weltuntergang zu künden schien. Schreie kamen her und konnten nur schwach die Luft zerreißen, Seufzer aus Schmerzen klammerten sich erstickend an den Hals, die Toten selber haufenweise geschichtet, schienen zu singen, weit, von fernher... Und wir lagen, zwei Menschen, Feinde, und tasteten mii Worten nach unserer Seelen Gemeinsamkeit, auf daß wir nicht erstickten an dem Bangen dieser Stunde. Der eine rief Goti in der ewigen Sprache unserer Väter, und ich redete mit ihm in der Sprache unserer jetzigen Feinde. Jedes Wort aber, mochte es hierhin oder dorthin gehen, fragen oder erzählen, war nur Widerhall aus der grauenhaften Einsamkeit zwischen Leben und Tod. Ich konnte jetzt sein Gesicht deutlich sehen. Es hatte gute Rasse. Er sagte, er sei Advokat. In Paris? Ja. Aber in der Auvergne geboren. . Er malte mit drei Worten: kleines Städtchen, reich von Kauflenten und Winzern, glückliche Jugend, seine Mutter lebe noch da, und jetzt, für Wochen, anch seine Braut, kein Verwandter sonst und (hier siel das Wort, das mich erschütterte) kein Kaddisch . . . Mir schien es, als müßte'ich ihm jede schöne Stunde seines Lebens in der letzten Stunde streichelnd in die Hand nehmen, hoch vors Gesicht ihm halten, daß Widerhall ihm Musik bringe. Und ich sprach von Paris. Vier Jahre der Jugend, die ich dort verbracht, drängten sich zusammen. Stunden der Morgendämmerung wie diese, aber ganz fern von ihrer Gräßlichkeit: Sacre-Coeur hoch oben im Montmartre, in uns selber eine Kirche, zum Heiligen Herzen schauend über die Stadt im Morgenlicht, die Stadt, die wir liebten wie keine, Fahrten ins Bois de Boulogne mit schönen Frauen, verschwärmte Nächte in den Sälen des eleganten Vergnügens, ein Vormittag im Pare du Luxembourg mit der besonnenen Heiterkeit seiner Anlagen, Abendbummel auf dem Boulevard Michel zwischen Mädchen, die man beschenkt, und Häusern —, jeder Name, jedes Wort, vollgepreßt mit den Erinnerungen schönsten Lebens, bekamen Sinn und lebendigen Inhalt in dem verstehenden Glan; seiner Augen, ein frohes Menschendasein, zwischen Arbeit und Lust, aufgerollt wie eine Fata Morgana im heller werdenden Schein der Morgendämmerung. Er aber sagte plötzlich: „In der kleinen Stadt in der Auvergne gibt es eine Synagoge. Keiner wird dort einen Kaddisch für mich sagen, wenn meine Mutter und meine Braut um mich weinen." Seltsam und rührend: dieser junge Mann, erwachsen und gebildet in den Künsten und Gaben rein weltlicher Kultur, erfüllt von dem mächtigen und schönen Leben in Paris, kam in dieser Stunde nicht ab von dem Gedanken an die Synagoge in der kleinen Stadt und den Kaddisch. „Mir war es nicht bestimmt, alt zu werden, Kinder zu haben von meiner Braut, die meine Frau werden sollte, Söhne, die ihrem Vater das Sterbegebet nachsagen." Drei-, viermal sagte er mit schneidender Traurigkeit diesen Satz mitten in einem Gespräch, das um das Schicksal der Welt ging. Und da sagte ich ihm, er solle mich wie einen Anverwandten betrachten, ich wolle ihm, käme ich heil davon, den Kaddisch nachsagen. Gewiß sei es nicht nach dem Brauch, aber Gott werde es betrachten, als sei sein Angedenken wie von männlichen Anverwandten angerusen im Namen der Heiligung aller Sünden. Er nahm meine Hand und küßte sie stumm und lächelte.