Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Lrirgskürlorgk für Lllatz-Lolhnngm. Bon Max Epstein, Straßburg i. Elf. nter dem Vorsitz des Herrn Staatssekretärs für Elsaß-Lothringen besteht ein Ausschuß, der sich die Beseitigung der Kriegsschäden in Elsaß-Lothringen ohne konfessionelle Rücksichtnahme zur Aufgabe gemacht hat. Dieser Kriegsspende sind aus Altdeutschland erhebliche Mittel zu geflossen. Darunter befindet sich eine besonders reiche Spende der evangelischen Glaubensgemeinschaften, die durch eine Kirchenkollekte nahezu 4 0 0000 Mark in Altdeutschland erzielten. Eine ähnliche Kollekte zugunsten der Kriegsbeschädigten in Elsaß-Lothringen ist bei den Katholiken Deutschlands in Vorbereitung. Dem Beispiele dieser beiden Konsessionen folgend ist ttu Sommer 1915 in Straßburg der Gedanke ansgetaucht, in ähnlicher Weise für die. geschädigten Glaubensgenossen in Elsaß-Lothringen in ganz Deutschland eine Sammlung zu veranstalten. Es war von vornherein klar, daß für uns eine Synagogenkollekte nicht in Betracht kommen könne. Zur Rück- und Aussprache über die Notwendigkeit und das Einschlagen eines gangbaren Weges folgten Ende Juli 1915 eine größere Anzahl Straßburger Inden einer Einladung des Rechtsanwalts Dr. Bruno Weil. Das Ergebnis der Besprechung bildete zunächst die Bildung eines Gesamtkvmitees, aus diesem heraus die eines Arbeitsausschusses, der an der Spitze des Gesamtkomitees die laufenden Arbeiten erledigt. Dem Ausschuß gehören an: Herr Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, zurzeit zu den Fahnen einberufen, als 1. Vorsitzender. Herr Justizrat Dr. Schmoll, Präsident des israelitischen Konsistoriums für das Unter-Elsaß, stellvertretender Vorsitzender. Herr Handelsrichter Direktor H. Levy, als Schatzmeister. Herr Max Epstein, Kaufmann, 2. Vorsitzender der Ortsgruppe Straßburg des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, als Schriftführer. Ferner die Herren: Direktor Dr. Grombacher, Präsident der Umtas-Loge. Rabbiner Dr. B. Marx, Referendar Ed. Weit, Vorsitzender des jüdischen Jugendbundes, alle in Straßburg. Der Gesamtausschuß, aus nahezu 40 Herren aus Elsaß-Lothringen bestehend, zählt eine Anzahl bekannter Juden im Lande, Mitglieder der Konsistorien und Synagogenverlvaltungeu und andere. Die erste zu beantwortende Frage für den Gesamtausschuß war: die Bedürfnisse für eine Sammlung und die Erforschung des Bedürfnisses. Wer von Anfang an etwas skeptisch der Auffassung huldigte, daß die Kriegsschäden unseres Vaterlandes speziell für unsere Glaubensgenossen unbeträchtlicher Art seien, konnte sehr bald eines andern belehrt werden. Die direkten Anfragen an alle Rabbinate des Landes, durch den Ausschuß und die Ermittelungen, welche durch die sofortige freundliche Unterstützung der drei Konsistorien in Straßburg, Colmar und Metz angestellt wurden, ließen in Kürze einen allgemeinen und einen speziellen Ueberblick zu, daß bei einer großen Reihe unserer Glaubensgenossen im Lande dringende augenblickliche und über den Krieg dauernde Hilfe bitter nottut. Um aus unseren Feststellungen nur einiges herauszugreifen, seien die heute jedem Deutschen aus den Tagesberichten von der Westfront her bekannten Ortschaften wie: Sennheim, Münster, Hartmannsweiler z. B. genannt. Sennheim eine stattliche jüdische Gemeinde: die Synagoge ist zerstört, einschließlich der Thorarollen. Münster und Hartmannsweiler, Gemeinden mit geringerer Anzahl Juden, sind längst geräumt, vor kurzem auch die stattliche Gemeinde Altkirch. Eine Anzahl Glaubensgenossen sind als Geiseln nach Frankreich verschleppt worden. Eine noch größere Anzahl hat unter dem Zwange der Kriegsnotwendigkeit Haus und Hof verlassen müssen und sieht sich, eigenen Vermögens bar, auf Unterstützung aus öffentlichen und privaten Mitteln angewiesen. Bei anderen ist Hab und Gut unmittelbar durch den Krieg vernichtet worden. Die im Sperr- und Operationsgebiet erlassenen Vorschriften, durch die der Verkehr von Ort zu Ort verboten ist, haben eine große Anzahl Gewerbetreibender wie Hausierer, Makler und ähnliche Berufe der Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, beraubt. In zahlreichen Familien stehen die Erwerber und männlichen Mitglieder im Felde, und Verdienstmöglichkeit ist für die Zurückgebliebenen nicht gegeben. So sieht gerade der Winter viele Hunderte unserer Glaubensgenossen in Elsaß-Lothringen in der dringendsten Notlage. Wir haben uns nun zunächst an unsere Glaubensgenossen in Elsaß-Lothringen gewandt. Wir halten es für eine Ehrenpflicht derjenigen, die nicht unmittelbar unter der Not des Krieges zu leiden haben, den bedrängten Glaubensgenossen zu Hilfe zu kommen. Ter größere Teil der bei uns eingehenden Gelder ist für unsere hilfsbedürf'tigen Glanbensgenossen in Elsaß-Lothringen bestimmt, ein Bruchteil muß der allgemeinen Kriegsspende zur interkonfessionellen Verwendung zugeführt werden. Mit Unterstützung der großen deutschen jüdischen Organisationen: Verband der Deutschen Juden, Deutsch-Israelitischer Gemeindebund, Hilfsverein der Deutschen Juden, Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B., deren hervorragendste Vertreter unterzeichnet haben, sind in den letzten Tagen unsere Aufrufe durch ganz Deutschland gegangen, lieber 250 Familien mit über 900 Köpfen bedürfen nach genauer Prüfung, von vielen Einzelsällen abgesehen, unserer monatlichem Unterstützung; dazu ist eine monatliche Summe von 7- bis S000 Mark erforderlich; das Ende des Krieges ist noch nicht abzusehen, daher unübersehbar, ums im ganzen uns notwendig ist. Bis Ende Dezember waren rund 3 0000 Mark eingegangen, vornehmlich aus Elsaß-Lothringen. Die jüdischen Logen des U. O. B. B. und einzelne große deutsche jüdische Gemeinden, die rasch und reichlich gaben, seien hier dankend erwähnt. Tie eingegangeneu Beträge sind bis auf weniges verausgabt, die Ansprüche, die unserer noch harren, sind noch enorm. Ohne den Sammlungen für unsere Glaubensgenossen im Osten und in Polen Abbruch tun zu wollen, richten wir unseren Hilferuf an alle unsere Glaubensgenossen im ganzen Deutschen Reiche. Die oft beivährte jüdische Mildtätigkeit möge auch hier rasch und in reichem Maße eingreifen, mit uns zu helfen, die Wunden zu stillen, die ein unerbittliches Geschick geschlagen. Zahlungen nimmt entgegen: Bank für Handel tmd Industrie, Filiale Straßburg, auf Conto: „Jüdische .Kriegsfürsorge für Elsaß Lothringen", ebenso deren Postscheckkonto 283 in Karlsruhe. Briefe an: Herrn Justizrat Dr. Sch m o l l, Straßburg i. Elf. (I ü d i sch e K ri egs fü rso r ge). Ueber die eingehenden Gelder erfolgt öffentliche Empfangsanzeige. ^21 Leinen Laddilch wird man lagen... Bon I o n a t h a n F r i e d. ch humpele jetzt schon im Garten des Lazarettes herum \ und streichele jede Blume wie etwas unsagbar Köstliches. Ich stehe voll tiefer Andacht vor jedem Baum und jedem Strauch. Niemand weiß es, was Leben, lebendig sein bedeutet, der nicht in jener Hölle gewandert ist, vor der selbst Dantes Phantasie versagt. Du verstehst, was ich meine, wenn ich von Andacht spreche. Sie ist von Spinozas Geist. Und doch — ich suche eins: Synagoge, einen richtigen jüdischen Tempel, wie ich ihn seit meiner Kindheit kaum kenne. Du lächelst und denkst, in dieser Zeit mache die Kirche die besten Geschäfte; selbst bei uns, die man Freigeister nennt. Es stimmt. Aber ich habe ein Versprechen zu erfüllen. Niemals hat mich Heines Wort mehr erschüttert als jetzt, wenn ich daran denke, dieses wehe Wort des kranken Juden: Keinen Kaddisch wird man sagen. . . So war es. Die Franzosen hatten einen Nachtangriff gemacht. Sie wurden zurückgeschlagen. Aber unsere Gräben waren von dem furchtbaren Granatfeuer dermaßen eingedeckt.