Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
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66 18. September 1913 eines jähen Todes starb. Von diesem Schicksalsschlage konnte sich der alte Herr, der sich bis dahin einer beneidenswerten körperlichen Rüstigkeit erfreute, nicht mehr erholen. Seit Jahrzehnten stand ich mit dem geistvollen, liebenswürdigen Manne, dessen vornehme Sitten und gewählte Umgangsformen vorbildlich waren, in regem brieflichen Verkehr. Bis in seine letzten Lebenstage verfolgte er nicht nur die Tagesereignisse auf politischem und gesellschaftlichem Gebiet, sondern auch die dichterischen Neuerscheinungen auf dem Felde der modernen jüdischen Literatur mit unermüdlichem Interesse. Aus der reichen Zahl der an mich gerichteten Briefe Leo Herzberg-Fraenkels sei hier nur des liebenswürdigen Glückwunsches zu meinem 60. Geburtstage und gleichzeitigem vierzigjährigen Schriftstellerjubiläum aus dem Grunde gedacht, weil sich darin die außerordentliche Bescheidenheit und der gütige Charakter des prächtigen Mannes spiegeln. Das Brieschen vom 8. November 1908 lautet: „Erst 60 und schon seit 40 Jahren ein Arbeiter auf dem Gebiete der Kultur und Literatur! Quantitativ habe ich einen Vorsprung von zwei Dezennien und bin seit 1848, somit seit Ihrer Geburt, schriftstellerisch tätig — qualitativ würde ich mit Ihnen tauschen, wenn ich nicht dort stände, wo der Jndisferentismus den Ehrgeiz erstickt. Wollen Sie mich übertrumpfen, so müssen Sie noch fünf Quinquennien emsigen Schaffens absolvieren, was ich Ihnen und Ihren vielen Verehrern hiermit herzlich wünsche. In aufrichtiger Hochachtung Leo Herzberg-Fraenkel." Als ich vor etwa 14 Jahren die erste Auflage meines zweibändigen illustrierten Prachtwerkes „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit" herausgab, wandte ich mich selbstverständlich auch an den Verfasser der „Polnischen Juden" mit der Bitte, mir einige biographische Daten zu geben. Er kam dieser Aufforderung nicht allein nach, sondern sandte mir auch zur Verwertung für mein Werk eine große Zahl an ihn gerichteter, höchst interessanter, bisher ungedruckter Briefe berühmter Persönlichkeiten jener Zeit, die ich leider in meinem Werke nicht unterbringen konnte, die aber zum Teil an dieser Stelle einen Platz finden mögen. Gewiß werden die für die politische, Kultur- und Literaturgeschichte der deutschen Juden im 19. Jahrhundert bedeutsamen Briefe unseren Lesern willkommen sein. Zunächst mag hier die in schönster kalligraphischer Schrift verfaßte Autobiographie Lev Herzberg-Fraenkels mitgeteilt werden: „Ich bin am 19. September 1827 in Brody, damals die reichste und bedeutendste Handelsstadt Galiziens, geboren und Autodidakt. Im Jahre 1846 ging ich Familienverhältnisse halber nach Beßarabien, von wo ich nach einem einjährigen Aufenthalte heimkehrte. Nach Niederwerfung der 1848er Revolution und Proklamierung der Militärherrschaft in Oesterreich hatte ich, weil ich Unteroffizier in der Nationalgarde und Korrespondent freiheitlicher Journale war, ziemlich viel Ungemach zu erfahren, nach deren endlicher Beseitigung ich 1850 nach Wien ging und im Redaktionsbureau des Saphirschen „Humorist" Beschäftigung fand. Zu dieser Zeit trat ich in Verkehr zu Franz Schuselka, Dr. Adolf Fischhof, Baron Simon Winterstein, Jos. Ritter v. Wertheimer, Dr. Lud. Aug. Frankl v. Hochwart, Dr. Leop. Kompert, Dr. Jgn. Kuranda, veröffentlichte meine erste Novelle „Die Einsiedlerin auf Louisiania" und im „Oesterreichischen Lloyd" eine Reihe von Feuilletons: „Bilder aus Rußland und Beßarabien", welche damals viele Beachtung fanden und mir die Parterreräume der ersten Journale öffneten. Eine Herzenssache führte mich 1852 in die Heimat zurück, wo man mir später den Posten eines Sekretärs der dortigen Handels- und Gewerbekammer antrug, den ich auch annahm und über 40 Jahre, viel belo >: und belohnt, bekleidete. Die früher in Wiener und deutschu, Zeitschriften erschienenen Genrebilder und Novellen wurden von Hilberg in Wien unter dem Kollektivtitel „Polnische Jude, " herausgegeben und sehr günstig ausgenommen. Das Bu h erschien später in 2. und 3. Auflage bei Grüninger in Stut:- gart, wurde in Englische, Russische, Hebräische und von d r „Revue des deux mondes“ ins Französische übersetzt. En e Erzählung aus dem Treiben der Nihilisten in Petersburg „G - Heime Wege" erschien bei Brandeis in Prag und eine historiso c und ethnographische Studie „Die Juden in Polen" im kro> prinzlichen Werke „Oesterreich-Ungarn in Wort und Bild" n it vielen Illustrationen jüdischer Typen. Seitens der Handel-- kammer wurden meine statistischen und nationalökonomisch n Arbeiten in acht Bänden veröffentlicht. Auf Antrag d früheren Statthalters von Galizien, Grafen Potocki, wurde i (> mit dem goldenen Verdienstkreuz mit der Krone dekoriert ui b erhielt nach Austritt die Ehrenmedaille für 40jährige treu: Dienste. Die Stelle eines Gemeinderates bekleidete ich ebenso! 40 Jahre, eines Schulinspektors 32 und eines Präsidenten d:-l Musikvereins 8 Jahre. Gegenwärtig lebe ich im Sommer i» Teplitz, den größten Teil des Winters in Meran. Mein ältest: r Sohn ist Universttätsprofessor in Czernowitz, der zweite Sohn Hof- und Gerichtsadvokat in Wien, und meine an einen Ap> - theker verheiratete Tochter lebt in Teplitz." Vor zwei Jahren bat ich den alten Herrn um einige bi: - graphische Ergänzungen für die zu veranstaltende zweite An lage meines genannten Werkes. Er schrieb mir bereitwillig „Am 19. September 1907 beging ich unter außerordentlichr Teilnahme der literarischen Welt und jüdischen Gemeind:» meinen 80. Geburtstag. In der Adresse der Wiener Kult» - gemeinde kommt folgender schmeichelhafte Passus vor: „Bei uns in Wien weilt gern die Erinnerung bei jen r Reihe glänzender Namen, denen Sie durch geistige Verwand schaft so nahestanden, einer der Ihren waren und blieben. I: den vielen Jahrzehnten Ihres literarischen Wirkens habui Sie unermüdlich Ihre Kraft und die Genialität Ihres Geist § eingesetzt, die Wohlfahrt, den Fortschritt und die Aufklärui z unserer Glaubensbrüder zu fördern und die jüdische Wisse: - schaft zu bereichern. Dankbar blicken zwei Generationen z i Ihnen auf als ihrem Lehrer, der ihre Kenntnisse auf ve - schiedenen Gebieten erweitert, Glaubenstreue gelehrt und edle c Empfindungen ihnen beigebracht." — Erschienen ist in neuest:: Zeit außer 13 Feuilletons in der „Allgemeinen Zeitung bi- Judentums" eine Novelle „Heimatlos". Dr. Sigmund Herzberg-Fraenkel, der älteste Sohn i>. :• Schriftstellers Leo Herzberg-Fraenkel, Professor der Geschieh e an der Universität in Czernowitz und im Jahre 1906 der:» Rektor, ist ebenfalls in Brody geboren, wo er bis zum Obe - gymnasium studierte, das er dann in Lemberg absolvier!', worauf er die Wiener Universität bezog. Hier widmete er si li vorzugsweise dem Studium der Geschichte und der Quellenforschung, war ein bevorzugter Schüler des Sektionsche:■ Scok, arbeitete als geschickter Paläograph im Institute für österreichische Geschichtsforschung, widmete sich ein Jahr lanz den Vorträgen von Mommsen und Sybel, erhielt von der deutschen Reichsregierung auf Antrag des Professors Syb>l den ehrenden Auftrag, die lückenhafte Kaisergeschichte de? 12. und 13. Jahrhunderts zu ergänzen, und habilitierte siel dann als Privatdozent für vaterländische Geschichte an der Wiener Universität. Lange blieb er nicht in dieser Stellung: die österreichische Regierung berief ihn zum außerordentliche > Professor an der deutschen Universität in Czernowitz, um deren Ausbau und Ausgestaltung er sich große Verdienste erwart', die durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Eisernen Kronenordens III. Klasse gewürdigt wurden. Von seinen