Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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>avte z:vi scheu il>m unb bei Tochter eines ihm innig befreundeten Professors, des berühmten Philologen Döderlein. Tie Neigung dieses reich-begabten, für olles Schone und Edle empfänglichen Paares - - irgendwo must noch der Briefwechsel der beiden ruhen — überdauerte Jugend und reifes Alter: vor der ehelichen Verbindung aber erhob sich die Schranke des Glaubens, und Herz starb ledig. Tie Liebe und Arbeit, die andere ihrer Familie zu wenden dürfen, verschwendete er dafür an die große Familie der Allgemeinheit. Im Berufe suchte er den Ausgleich für die bitteren inneren Erlebnisse. Als Arzt war er vielbegehrt unb nberbeschäftigt. In ganz Franken und darüber hinaus war der Professor Herz berühmt und für viele die letzte Hoffnung. Leine große Praxis ließ ihm wohl auch nicht Zeit zum Bücherschreiben, und sie ist vielleicht auch mit Ursache zu seinem frühen Hingang geworden. Indes: Herz starb a r m. An seinem Large wurde gesagt: „Tie Tugend der Selbstlosigkeit schien sich bei ihm wie von selbst zu verstehen." Und bei der Enthüllung seines Denkmals sagte der Münchener Rechtslehrer A. v. Brinz, einer seiner Frenn.de, von ihm: „Möglichst viel zu geben und möglichst wenig zu nehmen, loar bei ihm Lache der Neigung. Geld verdiente er. weil er mußte, Hilfe leistete er, weil er wollte: er half, mit zu helfen." Herz war, gleich seinem Nürnberger Bruder, dem Urheber der Wärmestuben, ein Fanatiker des Wohltuns. Für sich selber brauchten beide fast nichts: sie gingen im einfachsteil Nock, ließen sich am .Kärglichsten gelingen. Andereil trugen sie es zu. Iii einer Erlanger Faiiiilie findet sich heute noch eine kleine goldene Taschenuhr, die Herz gehörte. Er uivchte sie vielleicht voll einem dankbaren Patienten geschenkt bekommen haben. Aber als ihm einmal wieder das Geld ansging, trug er sie ins Leihhaus, und da er sie nicht zur rechten Beit anslvsen konnte, wurde sie versteigert. Bon ärmeren Leuten nahm er nicht niir nichts, sondern besorgte ihnen noch Arzneien, sorgte für Holz lind Licht, für Nahrung und Kleidung. Er gab, ivo zu geben war. Mit solch offener Hand wird man freilich kein Krösus. Manchmal, wenn weder der Erlanger noch der Nürnberger Bruder etwas im Lack hatten, bettelten sie ihren Wiener Bruder an, einen in Lesterreich durch seine kühnen Bahnbauten bekanntgewordenen Ingenieur. Ter mußte das festgefahrene Lchiff ivieder flott inachen bis zum nach steil Mal. „Wir wissen niemand" - - sagte damals Brinz, che die Hülle vor dein Ltandbild des schlichten Mannes fiel —, „dessen Mund wahrer, dessen Hand hilfreicher, dessen Litten fleckenloser, dessen Urteil liebevoller und gerechter gewesen wäre als das seinige." Und d a r u m steht Herz jetzt in Überragelider Erzgestalt ans dem Erlanger Platz, weil er in seinem Leben als überragender Menschenfreund in Erlangen gelebt unb gewirkt hatte. Auch nicht die Wissenschaft, nicht der' Verstand haben ihm das Denkmal gesetzt, sondern das Herz. Biete wissenschaftlich Berühmtere sind hier vergessen: er aber lebt iloch im dankbaren Gedächtnis der Bevölkeriing und würde auch fort* leben ohne Denkmal. Wir erfüllen mit großer Freude die Pflicht, dem großen j Menschen auch in unseren Kreisen die verdiente Würdigung zu bereiten. % Ta wir die S p r a ch e n f r a g e in Po l e n häufig zum Gegenstand der Erörterung gemacht haben, so sei hier aus dem „Berliner Tageblatt" mitgeteilt, daß in diesen Tagen in Lublin ein jüdisches Gymnasium errichtet worden ist, in welchem außer der deutschen und polnischen Unterrichtssprache auch im jüdischen Jargon gelehrt wird. Diese Notiz bedarf freilich der Bestätigung und der näheren Erklärung; denn es bleibt einstweilen recht unklar, ob die drei Sprachen als gleichberechtigte Unterrichtssprachen angesehen werden! oder ob etwa nur einzelne Schüler, die noch nicht fähig sind,! Deutsch und Polnisch zrl verstehen, ihre Unterweisung im „Jiddischen" empfangen.! In bezug auf die O st j u d e n f r a g e sind kürzlich (Ende! Januar und Anfang Februar) in der zu Wilna erscheinenden j „Zeitung der zehnten Armee" zwei bemerkenswerte Artikel von j Jsmar Freud erschienen, der eine betitelt „Die Ostjuden im! Spiegel ihrer Religionsquellen" und der zweite „Die Ostjnden! im Spiegel der Geschichte". Wir kommen vielleicht ans diese interessanten Ausführungen zurück. * Aus Salo n i f i wird gemeldet: General Sarrail ließ viel: Inden Verhafterl, der Großrabbiner protestierte vergeben-: gegen diese Vergewaltigung. Man geht wohl nicht fehl, wem man diese Schandtat als eine Vergeltung für die Haltung der Juden in der Wahlfrage ansieht, von der in der letzten Wochen Übersicht die Rede war, * Bon neuen russische n an den I u d e n b e g arr - genen Grerreltaten berichtet das österreichische Presse quartier nachstehendes: Ans der reichen Sammlung amtlicher Belege über die russi s ch en Schandtaten in G a l i z i e lt u n d in bei Buko w i n a sei folgende zu Protokoll gegebene Aussage eines städtische: Beamten als besonders bezeichnerrd wiedergegeben: Moses T a n n e n b a u in, Stadtsekretär in Kotzmaim, gab übe die Behandlung der von den Russen nach Nordostgalizien verschleppte: jüdischen Bewohner folgendes zu Protokoll: Ich bin am io.Februar IVIZ - Uhr morgens, von russischen Gendarmen aus dem Bette geholt unk mit anderen jüdischen Geiseln nach Galizien gebracht rvorden. Ich und meine Schicksalsgenossen wurden ans dem Wege von den begleitende: Soldaten schwer mißhandelt. In Zaleszezyki wurden HO Per füllen in einen nur wenige Geviertmeter fassenden Arrest gesteckt, wr wir wie Heringe zusammengedrängt die ganze Nacht bleiben mußten, nm am nächsten Tage weiter nach Nordostgalizien gebracht zu werden Dort blieb ich ungefähr % Jahre und habe mit eigenen Augen gesehen, welche Schandtaten die Russen an meinen Glaubensgenossen begangen haben. Nur die schrecklichsten Greuel will ich hier erwähnen Am 17. April wurden in der Nacht in Zaleszezyki s ä m t L i ch e 5 0 0 r Iuden, Iü binnen und i hre Kinder z u sa m m en getrieben u n d ans Zaleszezyki a n s g e w i e s e n. Li: wurden unter Begleitung in der )kacht in der Richtung nach Tlusb getrieben. Kosaken, welche die traurige Schar führten, s ch l u g e : die Greise, welche nicht r a s ch g e n n g ge h e u konnte n b l u t i g. Ost stachen auch Kosaken in die Menge, wenn sie sich nich rasch genug sortbewegte. Selbst die kleinen Kinder und Frauei blieben von Nagaikahieben nicht verschont. In 14 Stunden wurpeu sc von schwachen Greisen, schwangeren Frauen, kleinen Kindern und an deren 40 Kilometer znrnckgelegt. Ein Teil der armen Ge schöpfe blieb vor Hunger und D u r st entkräfte' liegen. In diesem Zuge befand auch ich mich. Ich habe es mit erlebt, wie im Juli in Ulaszkowce, Jezierzanh, Jagielnica, Tluste uni Czortkow, wo die mitgeschleppten Inden ans Zaleszezyki und Skle in Buden, Scheunen und Stallungen wohnten, die C h o l e r a wütete Infolge Hungers, Kälte, gänzlich nnhygienischer Wohnungen mit sonstiger schlechter Verhältnisse, unter denen diese Juden lebten, ander seits wegen des Mangels jeder gesundheitlichen Maßnahme von russi scher Seite gingen in ganz kurzer Zeit m ehr als 1 0 0 o I u d e n an dies e r K r a n k h e i t z u g r u n d e. Tie Kinder de: an Cholera verstorbenen Eltern wälzten sich zu Dutzenden im Staub: der Straßen und bettelten um Brot. Die vorbei ziehende n r n s s i s ch e n Offiziere und S o l d a t e! schlugen diese Kinder b l u t i g. Die überlebenden Jude: lourden von den Russen zu Schanzarbeiten am Sereth gezwungen Selbst die Schwerkranken wurden dazu genötigt. So war ich in August Zeuge, wie zwei russische Soldaten einen krebskranken Jude: aus dem Bette holten und ihn zu Schanzarbeiten schleppten. Auf den Wege stürzte er zusammen, Blut entquoll seinem Munde, und i: einigen Stunden war er tot. Unter furchtbaren Mißhandlunge: mußten die schwachen, zu Schanzarbeiten nicht mehr ganz kräftige: Leute von 6 Uhr morgens bis <S Uhr abends graben. Fort w ä h r e n d w u r d e n sie von de n K o f a k e n geprügelt Sie wurden nicht beköstigt, es wurden ihnen nur 50 Kopeken an Tage lohn zugewiesen, von dem die Hälfte, manchmal auch das Ganze, uich ausbezahlk wurde. Ich weiß bestimmt, daß in der ersten Zeit zehr Juden ans Sniatyn an Hunger starben. B e r g e w a l t i g u n g e i w a r e n an der T a g e s o r d n u n g. In Ulaszkowce kamen m einem Tage 30 Vergewaltigungen an wehrlosen Frauen und Mädchen durch russische Soldaten vor, nachdem die Männer und Eltern vorher ans den Häusern gewaltsam entfernt worden waren. Das Blatt, dem wir diesen Bericht entnehmen, fügt hinzu daß weitere Schandtaten ihrer Scheußlichkeit wegen nicht ge meldet werden können. Und ein Staat, der solches tut, wird