Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-04 · Heft 5 (4.2.1916) · p. Seite 60

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 5 (4.2.1916)
Date
1916-02-04
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229238--71980-3284395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

60 Auflage vorliegt, nicht als hochersrenliche Erscheinung gelten lassen, | wenn sie auch von den Widerwärtigkeiten jndenseindlicher Produkte freigesprochen werden mutz. I.. G. * — Dr. Z u ck e r ni a n d e l: F e st p r e d i g t e n und Gelegen-! heitsreden, II. Teil, Preis 3 Mark; I. und II. Teil zusammen! 5 Mark. Kommissionsverlag I. Kanffmann, Frankfurt a. M. —! Wie der vor einigen Jahren erschienene erste Teil, so umfaßt auch der j neuerdings herausgegebene zweite Teil der Zuckermandelschen Predigten das Festjahr, außer patriotischen Gedenkreden. Liegt auch mehr als ein Jahrzehnt seit der Entstehung der einzelnen Kanzelvorträge zurück, so haben sie doch aktuellen Wert. Der Gelehrte Dr. Zuckermandel führt uns dank seines großen Bibel- und Talmudwissens durch den Garten der Religion, behandelt alle Gebiete, die unsere sittlich--hl.'ilige Lebensführung bezwecken, macht -uns die Bibel wert, namentlich an der Hand der aufs trefflichste herangezogenen Talmudvergleiche. Aus den Predigten weht der Odem einer tiefen Frömmigkeit. Ihr Verfasser redet als ein Meister Israels in schlichten Worten uns in Herz und Gewissen und versetzt uns in die charakteristischen Feststimmungen des Jahres. Die Zuckermandelschen Predigteil können dem Lehrenden wie dem Kanzelredner zum Studium und als Andachtsbnch für das Haus warm empfohlen werden. Die Gelegenheitsreden enthalten wertvolle Hinweise in bezug auf unsere vaterländischen Pflichten. sJ)r a x Lazarus, Lübbecke. * Dr. (> h. Tsche r n o w i tz , Die Ent st e h u n g des Schulchan Aruch. Beitrag zur Festlegung der Halacha. Bern, Akademische Buchhandlung von Mar Drechsel. 1915. 79 S. Das Werk ist die Uebersetzung einiger vor Jahren von demselben Verfasser in der hebräischen Zeitschrift „Hasshiloach" erschienenen Aussätze und ist ein Teil eines größeren Werkes über die Kodifikation der Halacha, dessen vollständiges Erscheinen der Verfasser sich für eine güllstigere Zeit vorbehält. Er nimmt den letzten Teil des geplanten Werkes vorweg, weil der Schlilchan-Aruch alle anderen Kodizes verdrängt und sich zur Alleinherrschaft im religiösen Leben der Inden durchgerungen hat. Ziel der Abhandlung ist der Nachweis, daß der Schnlchan-Aruch seine Entstehung der historischen Notwendigkeit zu verdanken hatte und daß er den unvermeidlichen Gesetzender Entwicklung unterlag. Der Verfasser legt, um das alsbald vorwegzunehineu, eine erstaunliche Belesenheit in der gesamten weitschichtigen Deziforenliteratur an deu Dag, eine Belesenheit, die nicht bloß in dem sachlichen Verständnis der schwierigen Werke gipfelt, sondern mit der sich ein Eindringen in die besondere Eigenart der einzelnen Tezisoren und ein Sichvertiefeu in die p chcho loch scheu Voraussetzungen und wissenschaftlichell Ziele der verschiedenen Autoren verbindet. Nach einer Einleitung, in der die Beziehungen voll Midrasch mib Halacha zueinander untersucht werdell, eine Feststellung der Termini Halacha, Hagada, Minhag versucht wird und ihre gegenseitigen Beziehungen erörtert werden, wendet! er sich seinem eigentlichen Thema zu. Er schildert, wie zwei Strömungen miteinander ringen: eine, er nennt sie „die ausdehnende Richtung", die in der steten Weiterentwickelung und Flüssighaltung des Gesetzes ihr Ziel sieht und sich ablehnend gegen jede endgültige Fixierung der Halacha verhält, in der Fixierung eine Verkümmerung der Forschung erblickt, und eine zweite, er nennt sie „die einschränkende Richtnng", die ans das Sammeln imb Abschließen gerichtet ist. Verfasser null schon in der Sammlung und dem Abschluß der Mischna, dem auf sie wieder folgenden Flüssigerwerden des Thorastudiums in der Epoche der babylonischen Amoräer und in dem dann erfolgenden Abschluß des Talmuds den Sieg bald der einen, bald der anderen Richtung sehen, die also dann bereits von alters her um die Herrschaft ringen würden. Das möge dahingestellt bleiben; für diese älteren lind schöpferischen Zeiten werden wohl die psychologischen Voraussetzungen, die jenen Richtungen in späterer Zeit zugrunde liegen, kaum zutreffen. Einleuchtender schon ist es, wenn gezeigt wird, wie in der maiuwmdischen Epoche die Gegensätze mit unverhüllter Deutlichkeit aufeinanderstoßen. In jener und in den folgenden Zeiten sind für die Tätigkeit des Sammelns und Abschließens bald ein seelisches, bald ein materielles Moment von Einfluß. Als in der Epoche des mittelalterlichen Rationalismus der Gesichtskreis sich erweiterte, immer mehr Gegenstände » zur Erforschung sich darboten und das Interesse an philosophischer Vertiefung stark emporwuchs, da erschien die Vertiefung in den Talmud mit der Schwierigkeit seiner verschlungenen Wege als zu zeitraubend nnb' kleinlich; man drängte daher zur Fixierung der Halacha, um, indem man der Thora ihr Recht gab und die Ergebnisse der iahrhnndertetangen Arbeit vor Verkünnnerung bewahrte, zugleich Zeit und freie Bahn für philosophische Tätigkeit zu gewinnen. Mitunter ist es wiederum ein materieller Grund, der zum Abschluß drängt: wenn Verfolgungen über die Judenheit Hereinbrechen und die Ungunst und Härte der Zeit die Möglichkeit der freien Forschung verkümmert, die 311 ihrem Gedeihen ein gewisses Entrücktsein von Sorge und Kummer braucht, dann erwächst mit innerer Notwendigkeit der Wunsch nach Vereinfachung und Erleichterung des Studiums, die durch eine Fixierung der Halacha erzielt werden. Immer aber erheben dann die Vertreter der „ausdehnenden Richtung", die prinzipiellen Verfechter des freien Forschens im Talmud, Widerstand gegen jeden Versuch der Fixierung. Verfasser schildert nun in der Hauptsache den Versuch Josef Karos, aus den Bedürfnissen und inneren Notwendigkeiten seiner Zeit heraus eineu Abschluß herzustellen, eben den Schulchan- Arnch, lind die vielen Widersprüche und Anfeindungen, denen das Buch begegnete, Anfeindungen, die zum Teil aus dem Gegensatz zwischen der sephardischen und der aschkenasischen Entwickelung der Halacha sich ergaben, zum Teil gegen einzelne Halachasestsetzungeu Josef Karos, gegen behauptete Planlosigkeit in der Abfassung des Werkes und gegen die ganze methodische Anlage sich richteten, zum Teil aber in der schon eben genannten prinzipiellen Gegnerschaft der „ausdehnenden" gegen die „einschränkende" Richtung begründet sind. Er legt dar, auf wie seltsamen Wegen es getommen ist, daß Werke, die ursprünglich als Opposition, als Kampfschriften gegen den Schnlchan-Aruch gedacht waren, lvie die Glossen des Mose Jsserles und andere mehr, zu einer inneren Einheit mit deul Schnlchan-Aruch verschmolzen; er führt den Leser ein in das Ringen um andere tiefer schürfende Methoden der Kodifikation, die durch Persönlichkeiten wie Salomo Lurja und Mordechai Jaffa gekennzeichnet sind, und um eine veränderte methodische Anlage des ganzen Talmudstudiums, wie sie etwa von Lipmann Heller erstrebt wird; und er zeigt dann, wie allmählich durch das Zusammentreffen verschieden gearteter Ursachen der Endsieg des Schnlchan- Aruch sich vollzog, der so vollständig wurde, daß Gemeinden bei der Anstellung eines Rabbiners ihm das Entscheiden nach dem Schnlchan- Aruch als Bedingung auferlegten. Es wäre für den Gesamteindruck der Abhandlung vorteilhafter gewesen, wenn in der Schilderung der verschiedenen Bersuche der Opposition gegen den Schulchan-Arnch eiije größere stilistische Klarheit erzielt worden und die Gruppierung in Gegner, die zwar auch Kodifikation wünschten, aber gegen deu Schulchan-Aruch sachliche Bedenken hatten, und in Gegner, die der Kodifikation im ganzen ablehnend gegenüberstanden, schärfer gegeneinander abgegrenzt wäre. Dem Verfasser gebührt für sein Werk lebhafter Tank. Eine wissenschastliche Abhandlung, die gerade die Entstehung des Schnlchan-Aruch und die mit seiner Geltung in Zusammenhang stehenden Fragen erneut einer gründlichen Untersuchung unterzieht, war eine Notwendigfeit. Die Neoorthodoxie hat mit solcher Emphase ihre These von der endgültigen und unbestreitbaren Festlegung des gesamten Inhalts des Judentums im Schulchan-Arnch und dessen absoluter Geltung in die Welt zu setzen gewußt, daß weite Kreise von den Kämpfen, die sich einst um seine Einführung erhoben, nichts mehr ahnten. Um so dankenswerter ist ein Werk, das den wissenschaftlichen Nachweis führt, wie viele und schwerwiegende Widersprüche dem Bersuche der endgültigen Kodifikation entgegengesetzt wurden, lvie wenig der Antor selbst es als selbständiges Entscheidungsbuch empfand, wie sehr es, in den Verhältnissen einer bestimmten Zeit wurzelnd, zwar geschichtlich begründet ist, aber and; der geschichtlichen Entwicklung unterliegt, und wie sehr die besten mit der Thoraforschung lies verknüpften Geister im Judentum von jeher der Kodifikation ablehnend gegenüberstanden und sie als eine Verkümmerung und Unterbindung der religiösen Initiative empfanden. Untersuchungen dieser Art können viel Aufklärung verbreiten und lvürden die Auseinandersetzungen über die religiösen Fragen innerhalb des Judentums befruchten und wohltuend beeinflussen. Um AUßdeutungen zu verhüten, sei übrigens ausdrücklich gesagt, daß Tschernowitz' Werk natürlich keinerlei parteipolitischer Absicht seine Entstehung verdankt, sondern eine streng wissenschaftliche, der unbefangenen und voraussetzungslosen Forschung dienende Abhandlung ist. Das Buch verdient eine aufmerksame Beachtung. Zn rügen ist — wenn das auch nur als Aenßerlichkeit in Betracht kommt --- der Mangel an Sorgfalt bei der Drucklegung, es sind viele häßliche Druckfehler stehengeblieben. D i e n e m a n n (Ratibor).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.