Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 kaum wiedererkannt, so schnell und elastisch war sein Schritt. Das Haar war kurz geschnitten. Sein Gesicht war ja noch blaß, aber seine großen Augen, die so trostlos geblickt hatten, sahen jetzt mit einem ganz anderen Ausdruck in die Welt. Besonders jetzt. Ueberall wurden ihm von den Kranken Hände zum Gruße entgegengestreckt. Er bückte sich einige Male und las ein Paar Steinchen auf, die er den Kindern, die dort lagen, aus die Decke zum Spielen schüttete. Schwester Christine sagte so oft, keiner könnte besser mit den Kindern >und Kranken umgehen wie er. Er kam aus dem Tempel. Heute war er besonders glücklich. Er hatte heute morgen die Nachricht bekommen, daß die Verwaltung eines großen jüdischen Krankenhauses Süddeutschlands ihn zur Unterstützung des Inspektors angestellt hatte, durch besondere Befürwortung des Kreisphysikus. Als er ins Haus treten wollte, hörte er oben die Stimme des Arztes. Er blieb an der Treppe stehen, und da kam er auch schon mit dem Inspektor die Stufen herunter. „Wie soll ich Ihnen danken, Herr Kreisphysikus für alles, was Sic an mir getan;" er konnte nicht weiter sprechen, die Stimme versagte ihm. Er bückte sich, um die Hand des ArzteS an seine Lippen zu ziehen. „Nicht doch," sagte dieser, während er sie ihm entzog. „Sie haben mir nichts zu danken. Wir freuen uns, daß wir Sie so weit haben. Bleiben Sie nur weiter so. Nicht wahr, junger Mann, das Leben ist doch schön!" „Ja," sagte er, „das Leben ist schön bei so guten Menschen!" Man sah es dem Kreisphysikus an, wie er sich freute, ein junges Menschenleben geistig und körperlich gerettet zu haben. Diese Freude war noch in seinem Gesicht und lag in seinen Augen, als er zu Haufe in sein Zimmer trat. Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Ein Album lag darauf. Sein Enkelkind hatte es ihm heute morgen gebracht, er sollte den ersten Spruch hineinschreiben. Er schlug es auf und mit fester Hand schrieb er hinein: „Eine schöne Menschenseele finden, ist Gewinn, ein schönerer Gewinn ist, sie erhalten, und der schönste und beste, sie, die schon verloren war, zu retten." Mchrremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Nationalfonds-Bibliothek. Vermächtnisse und Versicher,ungen zugunsten des jüdischen Nationalsonds. Herausgegeben vom Hauptbureau des jüdischen Nationalsonds. Den Haag. Reden, Vorträge und Abhandlungen. Von Alfred Stern. 1914. I. G. Cottasche Buchhandlung Nachf., Stuttgart und Berlin. Litrrarilchr Mitteilungen. ~ Elisabeth Brau n ho s s: Die Wandlungen der E l l i d a R o t t o r f f, Roman. Egon Fleischel & Eo., Berlin. Wenn man diesen Roman zu lesen beginnt, so nreint man, einen gewöhnlichen Schauspielerroman mit all dem üblichen Tratsch, auch mit satirischer Schilderung israelitischer Kunstmäzene, jüdischer Schauspieler und Theateragenten vor sich zu haben. Je weiter man liest, um so mehr erkennt man, daß man es mit den: Buche einer Ringenden zu tun hat, in dem schwere, innere Kämpfe geschildert und der Sieg, ja die Vollendung einer hervorragenden Frauennatur dargestellt wird. Es ist das Leben eines schönen, übrigens vermögenden, kunstbegabten Mädchens, das auch der Liebe und dein Genüsse nicht fernsteht. Von Begeisterung für einen großen Künstler getragen, wird sie Schauspielerin, erlebt Triumphe und Rückschläge, erfährt Annäherungen bedeutender Menschen, Künstler, Dichter, Intendanten, wird verführt, gibt sich hin, wird zum Spielball eines zwar hochbegabten, aber rücksichtslosen Strebers, um endlich in einem jüdischen Jüngling Lobheimer den Genossen ihrer Seele zu finden. Aus diesem Aestheten, der freilich seine Nächte recht unästhetisch, Körper- und Seelenkrüfte vergeudend zubringt, macht sie einen Menschen, zwingt ihn zu strenger geistiger Arbeit (Studium, Abfassung eines Romans), die er ebenso schnell wieder ausgibt, schenkt ihm ihren Körper und ihre Seele, um doch von ihm verlassen zu werden. Lobheimer übernimmt die väterliche Fabrik, ein Riesennnternehmen, dem er eine neue Richtung und einer: ilngeahnten Aufschwung verleiht, und heiratet eine reiche Frau. Ellida werrdet sich einem großen Künstler zu, von den: sie zur höchsten Stellurrg enrporg^Avgen und zu den größten Leistungen begeistert wird, zieht sich aber nachdem sie Mutter geworden ist, von der Bühne, der Stätte ihrer großen Erfolge, Zurück. Sie bewirtschaftet ihr Gut, das sie von ihrem Bruder, einem merkwürdigen Sonderling, ererbt hat, übergibt es aber einem armen Verwandten. Sie lebt ferner ihrem Kinde, das sie aber nach einigen Jahren verliert. Aber die stille Zurückgezogenheit, in der sie nun nach Preisgabe ihres Berufes, nach dem Verluste ihres Kindes, nach der freiwilligen Entäußerung ihres Besitzes lebt, ist nicht die Einsamkeit einer Verzweifelten — die schöne, noch immer begehrenswerte, auch noch jugendliche Frau hat sich selbst gefunden, als ein großer, innerlich einheitlich gewordener Mensch, der neidlos die anderen betrachtet, Gutes wirkt und sich zu innerer Klarheit, zu tiefer religiöser und philosophischer Einsicht emporgerungen hat. Ein ernstes Buch, das wir unseren Lesern wegen seines Inhalts-im allgemeinen und wegen der darin geschilderten jüdischen Persönlichkeit empfehlen. Diese ist nicht etwa ein Zerrbild oder, wie besonders empfindliche Schnüffler meinen könnten, antisemitisch verzerrt. Gewiß ist Lobheimer kein Held, aber er hat neben seinen vielen Schwächen so viel treffliche Eigenschaften: Zartheit, geistige Bedeutung, Anerkennung des wahrhaft Großen und Vollendeten, daß er nicht nur ein treues Spiegelbild mancher modernen christlichen und jüdischen Jünglinge genannt werden, sondern als ein ungemein wichtiger, anregender Faktor im Leben eines heroischen Weibes bezeichnet werden darf. Der Roman unterhält und belehrt, führt in eine bunte Welt ein, in der die meisten gern verweilen, und gibt, wenn er auch an Vielen Stelle:: gar zu sehr m die dumpfigen Niederungen des Knlissenlebens führt, Anlaß zu erbauenden und erhebenden Gedanken. L. G. T r i m p o p p und Bla nasse. Bon Reue Schickele. Eine Erzählung. Auflage. Verlag der Weißen Bücher, Leipzig. Eine Groteske, die recht witzig anfängt, viel amüsante Einzelheiten enthält, aber doch so manche Umvahrscheinlichkeiten in sieh birgt, daß der Leser zu einen: reinen Genuß nicht kommt. Ein junges, nicht unvermögendes, modisches Mädchen, Amalie Kleinschnh, lvird von einen: Chemiker, der eine kleine Stellung in den: Patentamt besitzt, den: Dr. Karl August Trimpopp, begehrt, wendet aber ihr Herz dem jungen Manasse zu, einen: reichen, gutaussehenden jüdischen Jüngling, der! freilich keine fleckenlose Vergangenheit hat, weder in seinen: militäri- I scheu Verhältnis noch in seinem sonstigen Leben, der aber durch sein. Wesen die junge Dame vollständig bestrickt hat. Es kvuunt, naehden: der junge Manasse weniger ernste Absichten verfolgt hatte, nach kurzem Widerstand der Eltern Amaliens und unter den: Kopsschütteln der Verwandten Manasses zu einer regelrechten Verlobung, die aber zu einer Heirat nicht führen kam:, denn Amaliens Bruder, ein Offizier und erklärter Judenfeind, ohrfeigt den künftigen Schlvager und wird von ihn: regelrecht verhauen. Manasse und der junge Trimpopp, dessen Chancen nach den: Rückzug des erfolgreichen Konkurrenten gestiegen wäre::, der aber nach schmutzigen Durchstechereien Berlin verlassen mußte und seine Seele mit einen: gemeinen Morde befleckte, flüchten beide in die Fremdenlegion und sterben in Afrika, nachdem sie desertiert waren, einen heldenhaften Tod. Diese seltsame, trotz einiger Unwahrscheinlichkeit verhältnismäßig glaubhaft gen nachte Geschichte lvird mit vielen: unterhaltenden Einzelheiten verbränrt. Was uns am meisten dabei interessiert, ist die Schilderung des jüdischen Milieus. Einen Philvserniten kann man den Verfasser gewiß nicht nennen, aber auch keinen erklärte:: Antisemiten. Tenn lvenn er auch die Tante des jüdische:: Heiratskandidaten mit aller Una:issteh lichteit einer älteren, d-en Christen abgeneigten Dame behaftet vorführt, so findet er bei der Darstellung des alten Manasse. eines behaglichen Lebemannes, liebenswürdige Töne und verklärt unliebsame Erörterungenüber das Vorleben des jungen Manasse durch die Erzählung von seinem heldenhaften Tode. Trotzdem möchte ich die Geschichte, die übrigens vor dem Kriege erschienen ist und nun in einer neuen