Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-04 · Heft 5 (4.2.1916) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 5 (4.2.1916)
Date
1916-02-04
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229238--71978-3284393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wenig etwas gemein, wie die Finsternis mit dem Licht. Heine charakterisiert John Bull treffend, indem er sagt: „Sein Stolz ist nicht der Stolz des Haman; wenig kümmert es ihn, ob Mvrdechai, der Jude, lang und breit vor der Türe seines Hanfes sitzt; nur dafür sorgt er, daß besagter Mordechai nicht ins Haus hineinkomme, ohne seine spezielle Erlaubnis, die er ihm gewiß nur dann gewährt, wenn es zusammenstimmt mit seinem eigenen Vorteil und Komfort." Nächstenliebe. Von Bertha « choen feld. TFNer fahrplanmäßige Zug, der um 6 Uhr 30 Minuten nachmittags in dem kleinen hessischen Städtchen einfahren sollte, hatte Verspätung gemeldet. Die Leute, die darauf warteten, nahmen die Verzögerung ruhig auf. Sie hatten es alle nicht jo eilig. Ausgenommen ein Reisender, der sich beschwerte, daß er in Löhne den Zug nicht mehr erreichen könnte, sahen sie alle sehr gleichmütig drein. Es waren hauptsächlich Maurer, die, von der Arbeitsstelle kommend, nach Hause wollten, Landsranen, die ihre Einkäufe in der Stadt besorgt hatten, Händler, die mit ihrer Kiepe auf dem Rücken, ein paar Stationen weiterfahren wollten. Für sie alle bedeutete die Wartezeit nichts. Rur als jetzt der eine Weichensteller vorbeiging und auf die Uhr sehend sagte: „Er kommt bald, es hat sich einer im Zuge erschossen," kam Bewegung in die Menge. „Erschossen!" Aus all den Gesichtern konnte man das Entsetzen sehen, das diese Mitteilung verbreitete. Alle diese Menschen, die da standen, die ihr ganzes Leben in der kleinen Stadt oder auf dem Lande gslebt hatten, sie hatten keine Ahnung, daß es Kämpfe lind Sorgen gebe, die das Leben wertlos machen könnten. Ein scharfer Pfiff, und mit einer Geschwindigkeit, als wenn ein Schnellzug ankäme, fuhr der Zug ein. Von den Passagieren, die auf dem Perron standen, rührte sich keiner, um einzusteigen. Sic wollten es mit eigenen Augen fehen, dieses Entsetzliche, wozu sie unfreiwillig Zeuge geworden waren. Jetzt wurde ganz unten eine Wagentür dritter Klasse geöffnet und ein Schaffner und der Zugführer hoben einen Körper aus dem Wagen. „Ein Jtide hat sich erschossen." Ter erste hatte es noch nicht ausgesprochen, als cs auch schon der letzte wußte. „Ein Jude!" Was war denn daran! Das Entsetzen war gewichen. Alles lief, um einen Platz zu bekommen. Bahnbeamte hoben den Körper auf und langsam trugen sie ihn nach dem Stationsgebäude. Ja, es war ein Jude! Das scharfgeschnittene Gesicht, das den Kindern Israels als Merkmal aufgedrückt sein soll, hier trat es ausgeprägt unter dem schwarzen Haar hervor, das feucht und wirr unt die Stirn hing. Ein junger Mensch, kaum 20 Jahre, in abgetragener Kleidung und mit zerrissenen Stiefeln. Als sie ihn im Stationsgebäude niederlegten, erzählte der Schaffner umständlich, wie der junge Mann ihnen schon aus der letzten Station ausgefallen wäre, durch sein niedergedrücktes Wesen, wie Mitfahrende im Nebenkupee den Schuß gehört, die Notleine gezogen hätten, und wie sie ihn gefunden. „Ganz tot ist er aber noch nicht," schloß der Mann, „unterwegs hat er noch einige Male gestöhnt." Ein Arzt wurde requiriert, der ihn untersuchte, und die sofortige Uebersührung in das Landkrankenhaus anordnete. Auch in der Stadt hatte sich die Kunde von dem Selbstmorde sehr schnell verbreitet. Bemerkungen wurden laut, von Unterschlagung. Betrug wurde gesprochen, niemand wußte etwas Bestimmtes. »8 ■ Der aber, von dem all dieses gesagt wurde, lag noch immer gleich einem Toten im Operationszimmer des Krankenhauses. Die Schwester und der Hausvater hatten ihn entkleidet. Der alte Kreisphysikus, der unter dem rauhen barschen Aeußern ein Kinderherz hatte, war eifrig mit der Untersuchung beschäftigt, assistiert von Schwester Christine. Er schüttelte immer wieder den Kopf. Als er jetzt mit der Sonde etwas tiefer ging, hörte man ein leises Stöhnen. Die Augen des Verwundeten öffneten sich. Er ließ den Blick verständnislos um sich gleiten und war gleich wieder ohnmächtig. „Wir können nichts machen," sagte der Arzt. „Legen Sie ihn ins Bett! Die Kugel ist dicht unter dem Herzen eingedrungen, zu finden ist sie vorläufig nicht. Wir müssen abwarten." Wochenlang hatte der junge Mensch mit dem Tode gerungen. Der Hausvater konnte ihn oft allein nicht im Bette halten, diesen schmalen, engbrüstigen Menschen, der Riesenkräfteim Fieber hatte. Und was für «ine traurige Geschichte schrie er in den Fieberphantasien hinaus. Es war einer jener Unglücklichen von Kischineff. Uebriggeblieben als einziger einer Familie, der jetzt mit einer Freikarte, die man in seinen Sachen fand, aus der Reise nach Amerika, dort ein neues Leben beginnen sollte. Die Vorgänge in der Heimat, das vollständig auf sich allein Angewiesensein im fremden Land hatten ihn seelisch zu tief niedergedrückt, er hatte zum Revolver gegriffen. Das alles hörte man von ihm. Di« kleine jüdische Gemeinde hatte sich gleich zusammengetan. Der Gemeindeälteste mußte im Krankenhause sagen, daß sie gern bereit wären, mit Geld zur Pflege zu helfen; es wurde vorläufig alles zurückgewiesen, er brauchte noch zu wenig. Als das Fieber nach Wochen zurücktrat, lag er wie ein Toter im Bett. Die Kugel konnte nicht herausgenommen iverden, er war zu schwach. Sie -hatte, wie der Arzt sagte, edle Teile nicht verletzt. Oft stand der alte Kreisphysikus lange vor dem Bett, strich dem jungen Mann mit der Hand über die Stirn und sah ihn an, er gefiel ihm gar nicht. Die Pflege war vorzüglich. Als sie ihn nach Monaten zum erstenmal in die Sonne setzten, kam gerade der Kreisphysikus hinzu. „Sehen Sie, junger Mann, einen Schritt weiter wären wir ja. Sie müssen es uns nur nicht so schwer machen, ein bißchen Wollen, dann werden Sie viel schneller gesund." Der Kranke sah ihn mit seinen großen Augen an und sagte müde: „Lassen Sie mich nur, ich bin Jude, da lohnt es nicht." „Was sind Sie!" schrie der Kreisphysikus, „ich will es Ihnen sagen: Ein Kranker sind Sie, der gesund werden soll, dann sind Sie für uns ein Mensch, der noch mal seinen Platz im Leben ausfüllen soll, und wenn Sie dann ein guter Jude sein wollen, dann ist das Ihre Sache, um die wir uns nicht weiter kümmern. Sehen Sie, so denken wir." Als er ging, schüttelte er dem jungen Mann kräftig die Hand. Seit der Zeit ging es mit der Gesundheit des Kranken besser. Die Worte hatten ihn aufgerüttelt, ihn in andere Bahnen gedrängt; man konnte sehen, er hatte das Schwerste überwunden.- Ein wundervoller Herbsttag war es. Im Garten des Krankenhauses der kleinen hessischen Stadt waren die leichteren Kranken noch einmal alle hinausgebracht worden. Sie sollten noch einmal die wundervolle klare Luft genießen. Die Pflegerinnen wußten, nur ganz wenige solcher Tage brachte uns noch dieses Jahr, dann fegte der Hevbstwind über all die Blumen und Blätter, und für all die Kranken und Rekonvaleszenten war die schöne Zeit vorbei. Die Tür des Gartens wurde geöffnet. Den Weg entlang kam der jüdische junge Mann, der vor Monaten als ein I Sterbender hier eingeliefert worden war. Man hätte ihn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.