Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229238--71977-3284392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
57 die Juden konfirmieren und tags darauf die Christen beschneiden würde". Das vielgelesene Journal „Der Kraftsmann" ließ sich über die Folgen der Bill also vernehmen: „Bei Gott ist Gnade, aber bei den Juden ist keine Gnade, und sie haben 1700 Jahre der Züchtigung an uns abzurächen. Wenn diese Bill durchgeht, werden wir alle Sklaven der Juden und ohne Hoffnung irgendeiner Rettung durch die Güte Gottes. Der Monarch würde den Juden untertan werden und der freien Landbesitzer nicht mehr achten. Er würde unsere britij schen Soldaten abschaffen und eine größere Armee von lauter! Juden errichten, die uns zwingen würde, unsere königliche j Familie abzuschwören und gleichfalls unter einem jüdischen; König naturalisiert zu werden. Erwacht daher, meine christ-! lichen und protestantischen Brüder! Nicht Hannibal ist vor euren Pforten, sondern die Juden, und sie verlangen die Schlüssel eurer Kirchtüren!" Unter Georg II. 'war der Minister Lord Pelham den Juden wohlgesinnt und unter ihm wurde im Jahre 1748 der Großvater und Stammesvetter Lord B ea c o n s f i e l d s, Benjamin D i s r a e l i, englischer Bürger ohne Bürgerrechte. Der große Staatsmann, der zeitlebens in begeisterten Worten und in glühender Rede die Hoheit der jüdischen Ethik und die weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Volkes geschildert! hat, ward nach einem Zwiste seines Vaters mit der portugie-! fischen Gemeinde durch die Vermittelung seines Freundes j Samuel Rogers im 13. Lebensjahre in St. Andrews Kirchspiel - getauft. Rogers war in religiöser Beziehung vollständig in- > different, aber es dauerte ihn, daß der hübsche, aufgeweckte Knabe wegen seiner Konfession von den wichtigsten Bürgerrechten und den sozialen Gütern ausgeschlossen sein sollte, j Er wurde in einer Privatschüle zu Winchester untergebracht.! lieber sein inneres Leben im Knabenälter und in den ersten Jünglingsjahren kann man in seinen Romanen Ausschluß finden. „Divian Grey" und „Contarini Fleming", die mit Rücksicht auf diese Jahre die unverkennbarsten selbstbiographischen Elemente enthalten, lehren uns, daß die erste Periode seines Lebens ebenso reich an Demütigungen, wie an Triumphen war. In beiden Werken wird der Held durch seine geistigen Fähigkeiten, seine Keckheit und sein Anführertalent eine Zeitlang der entschiedene Liebling der Schule, aber hinter dieser Beliebtheit verbirgt sich ein brennender Unwille von besonderer und tiefster Art, tierisch in seinem Ursprung, grausam in seinem Hervortreten, mit einem Worte: der Rassenhaß. Da der Unwille des Lehrers gegen Bivian Grey zum erstenmal zum Ausbruch kommt, gebraucht er den Ausdruck „ein aufrührerischer Fremder", und die Kameraden stimmen im selben Augenblick, wo die Parole gegeben ist, in das Schlagwort ein: „Nieder mit dem Fremden! .Fort mit dem Fremden!" Noch näher kommt „Contarini Fleming" der Wirklichkeit, wo sich der Held mit seinem südländischen Aeußern und seiner italienischen Abstammung unter seinen blonden Halbbrüdern im Norden unglücklich fühlt. Man steigere den nationalen Gegensatz noch durch das religiöse Vorurteil, wie es in einer englischen Schule gegen das Jahr 1820 herrschte, und man wird den richtigen Begriff von der isolierten Stellung des jungen Disraeli bekommen, als er aus dem Elternhause in den Knabenstaat hinaustrat und entdeckte, daß man ihn nicht als ebenbürtig, sondern als einen „Fremden" von niedrigerer Kaste einschätzte. Treffend und ergreifend sagt Brandes in seinem Buche über Lord Beaconsfield: „Ein solcher Eindruck in so jungen Jahren ist einer der tiefsten, die das Gemüt überhaupt empfangen kann, einer von denen, welche feinfühlende und aristokratische Gemüter nie vergessen. Sich mit Schande gebrandmarkt zu fühlen, ohne sich einer Schuld bewußt zu sein! Seines Aussehens, seines Vaters, seines Volks, seiner Religion, seiner Stammesgenossen wegen verhöhnt zu werden! Ein. armer Knabe unter lauter reichen, ein uneheliches Kind unter legitimen Kindern, ein katholisches unter Protestanten, ein verkrüppeltes unter wohlgebildeten Kameraden fühlen sich jedes in seiner Weise zurückgesetzt und gedemütigt. Aber der jüdische Knabe in einer christlichen Schule altmodischer Art empfand etwas von dem, was alle diese so Gezeichneten fühlen. Er erfuhr zum erstenmal, daß er Jude war, alles war, was dieses Wort in sich zusammenfaßt. Er entdeckte, daß er zu dem Volke, unter welchem er lebte, nicht mitgerechnet wurde, keinen Anteil an den Taten ihrer Vorväter und an ihrer Geschichte hatte, sondern als ein Vereinzelter d'askand und trotzdem unaufhörlich mit einer Menge anderer zusammengeworsen wurde, die er nicht gesehen hatte und nicht kannte, deren Aussehen für häßlich, ja widerlich galt, deren Sprachweise als lächerlich, ja ekelhaft bezeichnet wurde und denen man nachspottete, indem man auf ihn mit Fingern wies. In den Lesestücken, an denen die Schüler sich übten, war unumgänglich ein Jude die lächerliche, gemeine oder schmutzig-habsüchtige Person, Betrüger, Wucherer oder Feigling. Und in derselben Klasse oder in der Klasse nebenan fand sich ebenso unumgänglich ein anderer Knabe jüdischer Herkunft mit einem Sklavenzeichen auf dem Gesicht, bis zur tiefsten Stufe der Erbärmlichkeit erniedrigt und unterjocht, zum Sündenbock und Clown ausersehen, und jeden Schlag, der jenen Aermsten traf, fühlte er in seinem Gesicht brennen, und selbst wenn er durch harte Kampfe für sich selbst eine relative Sicherheit erwarb, hatte er doch nicht die geringste Macht, seinen Rassegenossen gegen die Ausbrüche der allgemeinen Verachtung und Brutalität zu sichern." Und die Verfolgungen und Demütigungen und Enttäuschungen hatten noch nicht ihr Ende erreicht, als sich sein Leben zu einem großen Stück Weltgeschichte erweitert und verdichtet hatte. William Gladstone, der Freund der russischen Agentin Olga von Nowikow, entblödete sich nicht, den Mann, der das unter den Völkern in Verruf gekommene England rehabilitiert, ihm neuen Glanz und Schimmer verliehen, dem Nimmersatten, siegestrunkenen russischen Bären den Meister gezeigt hatte und zum Danke dafür bei seiner Rückkehr vom Berliner Kongresse auf dem Charing Croßbahnhofe von den vornehmsten Persönlichkeiten Englands, darunter dem allverehrten Sir Moses Montefiore, wie auch von dem Volke im Triumphe empfangen worden war, „einen Fremden ohne einen Tropfen englischen Blutes in seinen Adern" zu schelten. Schon 1831 hatte Macaulay seinen berühmten Essay über die Emanzipation der Juden geschrieben, 1833 ging das dahin lautende Gesetz durch und 1847 wurden zum erstenmal zwei Juden ins Parlament gewählt; aber das Gesetz war unwirksam und die Wahlen unnütz, solange die Worte „upon the true faitli of a Christian“ in der Eidesformel im Wege standen. Erst unter dem Derbh-Disraelischen Ministerium wurde es nach dem Vorschläge Lord Russells erlaubt, sie wegzulassen. Durch einen Zufall, der einem Symbole glich, fiel dem Führer der früher so unduldsamen Torypartei, welcher der jüdischen Rasse vor allen anderen die Palme gereicht hat, das Los zu, den Baron Lionel von Rothschild, den Repräsentanten jüdischen .Handelsgeistes und Reichtums, über die Schwelle des Unterhauses zu führen. Die Welt war mit Blindheit geschlagen, als sie das meerumgürtete Albion als das Asyl der Freiheit par excellence feierte. Ein Staat, dem alles Menschliche fremd ist, dem die heiligsten Güter nichts gelten, dem der Zweck die Mittel heiligt, — ein Staat, der sich aus gelbem Neid, aus Krämervorteil zum Helfershelfer des gewalttätigsten und heimtückischsten Despotismus, des sich in der Inszenierung von Judenpogromen gefallenden Zarentums hergibt, hat mit der Freiheit so