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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-04 · Heft 5 (4.2.1916) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 5 (4.2.1916)
Date
1916-02-04
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 „Faktor" auch als „Pan" zu begrüßen. Und über das hinaus war auch die Verachtung Her ganzen Art so gestiegen, daß sic » auch unbedingt und rücksichtslos aus das Einzelindividnum .zurückschlug. Das Jahr 1764 ist, so gesehen, in tragischem Sinne eine Wegscheide. II. Bei solcher Lage der Dinge kann man es lebhaft nachempfinden, wie eine polnische Adelsfamilie cs ausnehmen mußte, wenn einmal der umgekehrte Fall einzutreffen drohte, wenn ein Familienmitglied seine Zuneigllng zum Judentum durch den Uebertritt zur jüdischen Religion öffentlich bekunden wollte. So kolportageromanmäßig auch das anmuten mag, was ich im folgenden über einen solchen Fall auffrische, so wenig unglaubwürdig muß es nach den vorausgeschickten Bemerkungen erscheinen! mindestens kann man sagen: si non c vero e buon trovato. Ter später mecklenburg-strelitzsche Hofrat Karl Hahn, der im ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts Erzieher des dem preußischen Königshause nahestehenden Prinzen Wilhelm von Solms-Braunfels gewesen war, hat in seinem Buch „Meine Reisen durch einen Teil der preußischen Staaten usw." (Leipzig 1816) die Flucht seiner Herrschaften und der königlichen Familie nach der Schlacht von Auerstädt beschrieben und im Stil und Sinn der Zeit den Bericht mit belehrenden Exkursen und interessanten Anekdoten umrankt. Zu diesen letzteren gehört die Erzählung von dem Manne, den ich den geheimnisvollen Gefangenen nennen möchte. Dieser Gefangene war im Jahre 1806 schon fast 40 Jahre auf der Danziger Festung interniert, war im Jahre 1793 beim Nebergang Danzigs aus polnischer Oberhoheit an Preußen dem preußischen Oberst v. Jürgens unter der Bezeichnung „Kostgänger auf der Festung" übergeben worden und von diesem unter gleicher Benennung an seinen Nachfolger, den Obersten v. Bonhorst, weitergegangen. Für die Verpflegung des Gefangenen sorgte seine Familie, die in Polen begütert und recht angesehen war, auch mehrere Mitglieder in der preußischen Armee hatte. Der gefangene Herr v. Kornatorsch war aber durch die lange Gefangenschaft körperlich und seelisch gebrochen und siechte in vollster Apathie dahin, wie dies Hahn, der sich zu ihm hatte führen lassen, tief erschütternd beschreibt. Natürlich trieb es ihn. Näheres über die Geschichte des geheimnisvollen Gefangenen zu erfahren, der im Wechsel der Regierungen fast wie eine Ware von Hand zu Hand gegeben worden war; allein weder er noch der Erzieher des preußischen Kronprinzen, der nachmalige Geheimrat und Vater der berühmten Beamtenfamilie Delbrück, konnten durch Erkundigungen beim Festungsgouvernement und durch private Nachforschungen irgend etwas Dokumentarisches herausbringen, was vollkommenen Aufschluß über Ursprung und Ursache dieser Gefangenschaft hätte gewähren können. Und so kann Hahn doch nur das weitererzählen, womit die Fama Licht in die dtinkle Geschichte des stadtbekannten geheimnisvollen Gefangenen hatte bringen wollen. Alan erzählt, K. hätte ein Jude werden wollen; seine reiche, ausgebreitete Familie wäre diesem Schimpfe zuvorgekommen und hätte ihn den Danzigern zur Verwahrung übergeben. Es läßt sich denken, baß K. ein Anstoß in seiner Familie gewesen und deswegen der menschlichen Gesellschaft entzogen worden ist. Es scheint von der Familie alles im geheimen mit dem Rate von Danzig abgehandelt und jede Nachricht unterdrückt worden zu sein. So verschwand in früheren Zeiten manches Familienmitglied und mußte iit Gefängnissen und Klöstern sein Leben beschließen. Dem sei, wie ihm wolle. Aber dieser Geschichte, wie dem vorerwähnten polnischen Brauch ließ sich leichtlich eine Moral entpressen, die Bezüge auf unsere Gegenwart böte. Lur Grlchjchtr der Juden in England Bon I. B. m ü n z. iel früher als aus Spanien und Portugal sind die Juden aus England vertrieben worden. Nur von Wilhelm dem Eroberer bis zur Zeit von Richard Löwenherz wurden sie in England geduldet; dann brachen blutige Judenverfolgungen aus, bis im Jahre 1290 die im ganzen Mittelalter auftretende Blutbeschuldigung die Wirkung hatte, daß sie, mißhandelt und ausgeplündert, das Land als endgültig Verwiesene verlassen mußten. Sehr richtig bemerkt Georg Brandes: „Eine Ballade in Percys Sammlung altenglischer Volkslieder zeigt, daß die Volksphantasie sich fortdauernd mit dem vertriebenen Stamm beschäftigte; in der Entfernung wurden die nie gesehenen Landsleute und Mörder des Erlösers zu blutdürstigen Ungeheuern, und als Denkmäler des abergläubischen Schreckens und Abscheus, die sich bis in die Renaissancezeit erhielten, sind in der englischen Literatur Marlowes Barabbas und Shakespeares Shylock stehen geblieben. „Der Jude von Malta" war gewissermaßen das Vorbild seines Stammesgenossen im „Kaufmann von Venedig". Mit gutem Grund ist die Szene in diesen beiden berühmten Tragödien nach den Ländern des Mittelmeers verlegt; denn in England selbst fanden sich keine Juden. Mit weniger gutem Grund tritt der südländische Jude in diesen Dramen als Typus der Grausamkeit auf; denn während er ans den englischen Bühnen seine Tochter vergiftete und das Messer gegen seinen Schuldner wetzte, ließen sich Tausende seiner Stammverwandten von beiden Geschlechtern in Spanien und Portugal lieber martern und verbrennen, als daß sie den angeerbten Glauben ihrer Väter abschwuren. Die am härtesten geprüften Märtyrer der damaligen Zeit wurden auf der Bühne des fernen Englands zu Mördern und Henkern." Erst zur Zeit der englischen Republik begannen die Juden, von keinem Gesetz, nur von Cromwells persönlicher Protektion geschützt, nach England zurückzukehren. Hundert Jahre später brachte man im Parlament eine Bill für die Naturalisierung der Juden ein, welche den heftigsten Widerspruch hervorrief und eine Menge von Bittschriften aus London und anderen Städten zur Folge hatte. In der Bittschrift der Londoner Bürger hieß es: „Sollte die besagte Bill sür die Juden gesetzliche Sanktion erhalten, so würde sie die christliche Religion erschrecklich gefährden, sie würde die Konstitution des Staates und unserer heiligen Kirche untergraben und würde den Interessen des Handels im allgemeinen und der Stadt London insbesondere außerordentlich schaden." Bei den Debatten, die über die Bill im Unterhause stattfanden, erklärte ein Baron, daß man durch die Annahme derselben Gefahr laufe, von den Juden im Parlament überstimmt zu werden. „Sie werden unsere Grafschaften," sagte er, „unter ihre Stämme verteilen und unsere Landgüter den Meistbietenden verkaufen." Ein anderes Parlamentsmitglied war der Meinung, „wenn die Bill durchgehe, würden sich die Juden so schnell vermehren, daß sie sich über den größten Teil Englands verbreiten und dem Volke sein Land ebenso wie seine Macht abringen würden". Das Parlamentsmitglied für London, Sir John Bernard, betrachtete den Gegenstand aus einem tieferen theologischen Gesichtspunkte und kam von dieser hohen Warte aus zu dem Ergebnisse, „die Juden seien die Nachkommen derjenigen, welche den Heiland gekreuzigt haben, und deshalb bis auf die spätesten Enkel von Gott verflucht werden". Der Bischof von Norwich war zugunsten der Judenbill ausgetreten und wurde deshalb bei seiner Zurückkunft in seinen Kirchsprengel insultiert; als er sich nach Ipswich begab, um dort einige Knaben zu konfirmieren, ward er unterwegs verspottet und man verlangte, von ihm beschnitten zu werden. Auch annoncierte man, „daß der Herr Bischof nächsten Samstag

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