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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-04 · Heft 5 (4.2.1916) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 5 (4.2.1916)
Date
1916-02-04
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 Jahre 1899 wurde er nämlich wegeii seines im „Ulk" abgedruckten Gedichtes „Die feige Tat zu Rennes" (gegen die Jesuiten, für Drehfus) von der „Germania" denunziert, zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt: eine Strafe, die durch 'allerhöchsten Erlaß in drei Monate Festungshaft umgewandelt wurde, eine Haft, die er in der Festung Weichselmünde verbrachte. Auch als Vortragender seiner eigenen und fremder Dichtungen bewährte er sich vielfach. Mehring, der als Kind schon oftmals leidend gewesen war, hatte auch als Mann häufig über schwere Leiden zu klagen. Sein Zustand verschlimmerte sich im Jahre 1913, am 10. Dezember 1915 ist er gestorben. (Er hatte sich im Jahre 1895 mit Hedwig Löwenstein, damals Sopranistin am Landestheater in Prag, verheiratet.) Mehring war ein ungemein fleißiger Schriftsteller. Außer zahlreichen Büchern, in denen er seine Gedichte und seine satirischen Artikel veröffentlichte, hat er sorgsame und gründliche'Studien über neuere französische Lyrik und Verslehre 1 herausgegeben. In diesen Arbeiten liegt seine eigentliche Bedeutung. Eine besondere Anführung verdient das „Mysterium vom Baum der Erkenntnis", die Sammlung humoristischer Gedichte „Ungebundenes in gebundener Form" (1901) und das Werk „Die französische Lyrik im 19. Jahrhundert" (1899). Seine Uebersetzungen aus dem Französischen zeichnen sich durch ihre starke Fähigkeit der Anempfindung und durch ihre außerordentliche Beherrschung der Sprache und des Reims sowie durch ihre geistreichen Wendungen derartig aus, daß man sie geradezu als Meisterwerke bezeichnen muß. Die theoretischen Werke „Der Reim in seiner Entwicklung" und „Deutsche Verslehre" sind Werke von bleibendem Wert. In einer kurzen Selbstbiographie, die im Jahre 1899 veröffentlicht ist, hat er über die Anfänge seiner Schriftstellerei sich folgendermaßen ausgesprochen: „Im Todesjahre Heinrich Heines, 1856, war es der launenhafteste Monat, der April, und in diesem der mit der Unglückszähl 13 behaftete Tag, welcher meinen Augen zum ersten Male leuchtete und mich zum Bürger von Breslau machte. Ich genoß, von ideal veranlagten Eltern erzogen, alle Vorzüge der Großstadt: einen guten Unterricht, mancherlei künstlerische Anregung und — die denkbar schlechteste Mietkasernenluft, die mir dann auch einige lebensgefährliche Krankheiten verschaffte, darunter 1867 die Cholera mit daran anschließendem Typhus. Früh schon interessierte ich mich für die Muse der Dichtkunst und für jüngere Damen, die sich meine Anreimung gefallen ließen. Als ich sehr allmählich vernünftiger wurde, zog ich nach Berlin — man kann auch sagen, als ich nach Berlin zog, wurde ich sehr allmählich vernünftiger. -- Vom Jahre 1879 ab wandte ich mich weniger lebensgefährlichen Krankheiten und einer zielbewußten Tätigkeit zu. Ich bekam mehrmals die schmerzhafte Ischias, die mich beim zweiten Besuche zwei volle Jahre, beim dritten nur acht Monate hintereinander bewegungsunfähig machte, und geriet langsam in die Literatur hinein." Trotz der schweren Krankheiten, -die ihn in den letzten Jahren plagten, hatte Mehring die Ereignisse der Gegenwart mit größter Teilnahme betrachtet und begleitet. Der Verstorbene besaß lebhaftes jüdisches Jntereffe, obgleich keine seiner Schriften, soweit ich weiß, ausschließlich jüdische Dinge behandelt. Vor einigen Jahren bot er mir für diese Zeitung eine Skizze an, die Breslauer jüdische Verhältnisse aus seiner Knabenzeit darstellte. Sie war anmutige und witzig, ich glaubte aber doch, sie ablehnen zu müssen wegen vieler satirischer Bemerkungen, die ein leicht empfindliches Publikum zu verletzen imstande waren. Nun bedauere ich diese Ablehnung aufs lebhafteste. Denn Mehring war in seiner tapferen Art ein Verbündeter, den wir uns wohl gefallen lassen dürfen, .und dessen wir nach seinem verhältnismäßig frühen Abscheiden (er hatte das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht) mit Trauer, Teilnahme und Anerkennung gedenken. 1,. 6. Lin Freund der Armen. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht die „Times" vom 20. April 1915 auf S. 12 einen Bericht über den Gottesdienst, der zu Ehren des verstorbenen LordS Rothschild in der großen Synagoge zu London in Anwesenheit der Famllie Rothschild und von Damen und Herren der ersten Gesellschaftskreise, des Adels und der Regierung am 19. April abgehalten wurde. Nach dem üblichen Nachmittagsgottesdienst wurde Psalm 15 vom Chor gesungen. Dann öffnete Lord Rothschild, der Sohn des Verstorbenen,, die heilige Lade, und vor geöffneter Lade wurden ein Gebet für den Verewigten und das Kaddisch der Leidtragenden vorgetragen. Der Chief Rabbi I. H. Hertz hielt eine Gedächtnisrede, die wegen ihres politischen Ausklangs gerade vor dem hochangesehenen Zuhörerkreise eine über den Rahmen der üblichen Gedenkreden weit hinausgreifende Bedeutung hatte und deren Veröffentlichung in der russenfreundlichen „Times" besonderes Aufsehen erwecken muß. Der Redner führte aus, daß das soeben beendete Leben so bekannt war, daß er nur von den Lehren sprechen j wollte, die dieser Lebenslauf für Juden und für Christen in sich schloß. In Nathan Meyer Rothschild war der Engländer und der Jude Wesenseins geworden. Auf allen Gebieten seiner so vielgestaltigen Betätigung war fein Name gleich- ' bedeutend mit vollkommener Rechtlichkeit, adliger Lauterkeit I und fleckenloser Ehrenhaftigkeit. Berühmt durch sein Fein-! gefühl für das Rechte, seinen Scharfblick und sein sicheres Urteil, suchte und befolgte man seinen Rat in Fragen des öffentlichen Lebens und der Menschenliebe auch außerhalb der Grenzen Englands. So bedeutete sein Tod einen Verlust für das Vaterland. In vornehmer Pflege der Ueberlieserungen seines Hauses und seiner Familie übte er in großem Stile ' Nächstenliebe, die für ihn, den hochherzigen echtjüdischen Ehrenmann, nicht Wohltat, sondern Zedaka, Ehrenpflicht der Gerech- ■ tigkeit, bedeutete. War er ja ein Mann voll tiefer, aufrichtiger,; schlichter Frömmigkeit. So gehörte er viele Jahre zum Vorstand i dieses Gotteshauses und betete hier fast zwei Menschenalter hin-! durch. Die Religion aber leitete sein ganzes Leben. Darum nahm er seine Lebensarbeit so ernst und seine Pflichten so heilig. Seine Vaterlandsliebe war frei von allem Rassenhaß, nur sittliche Hingabe an das Vaterland. Nicht nur die Siegmar Mehring.

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