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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-04 · Heft 5 (4.2.1916) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 5 (4.2.1916)
Date
1916-02-04
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 sei, geboren aus -der Besorgnis, die Juden möchten -- wie es die Zuschrift recht drastisch nusdrückt — „zum Lpielball, Ansbentnngs- und Unterdrückungsobjekt einer Polnischen Majorität" werden. Das wünscht in Deutschland kein Verständiger, das zu verhindern liegt durchaus im deutschen Interesse. Sollte an unserer Ostgrenze ein polnisches Staatsgebilde neu erstehen, so wünschen und erstreben wir selbstverständlich, daß die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, die freie Aufwärtsentwicklung aller Volksteile dort so wenig ein leerer Wahn bleibe wie im Deutschen Reiche. Gibt es dazu aber keinen anderen Weg als die feierliche Anerkennung des ostjüdischen Nationalstaates? Man kann es sehr bezweifeln, ebenso wie man es bezweifeln kann, ob der Jargon „eine Sprache", will sagen eine lebensfähige Kultursprache sei, die ohne künstliche Nachhilfe überhaupt erhalten werden könnte. Polnisch ist eine solche Sprache, und Hebräisch ist auch eine, wenn auch eine sogenannte tote. Aber der Jargon —Das ist ein mixtum compositum, aber kein organisches, gewachsenes Lebewesen, worin sich die Seele eines Kulturvolkes ausspricht, wie in den Psalmen, im Hohenlied und in den Propheten. Die Zuschrift, die wir oben wiedergegeben haben, beruft sich ans Oesterreich, als auf das Muster eines Nationalitätenstaates. Sehr wohl, aber wo und wann hätten die österreichischen Juden verlangt, im Rahmen dieses Staatswesen als g e s o n dort e u n d g e - s ch l o s s e n e N a t i o n behandelt und anerkannt zu werden? Sie sind, sicher in der überwältigenden Mehrzahl, durchaus zufrieden, wenn sie die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung genießen, und verzichten gewiß gern darauf, die Zahl der deutschen, tschechischen, polnischen, slowenischen, italienischen Nationalitäten um eine weitere zu vermehren. Und tüten sie's nicht, sv wäre es immer noch nicht Ausgabe des verbündeten Deutschen Reiches, ihnen zur Verwirklichung gerade dieses Anspruchs zu verhelfen. * In einem sehr bemerkenswerten Artikel des „Berliner Tageblatts" behandelt A l f r e d P h i l i p p s o n die Frage: „A u swanderung der polnisch-russischen Juden n a ch d e r T ü r k e i." Er legt dar, daß, da die Türkei ein agrarisches Land sei, nur von der Ansiedlung von Ackerbauern die Rede sein könne. Palästina sei ausgeschlossen, da es höchstens noch für 300 000 Menschen Platz gewähren könne. Aehnliches" gelte für das ganze türkische Reich. Es käme nur das alte Babylonien in Betracht, wenn es durch Erneuerung der Wasserbauten wohnbar gemacht würde, aber auch dieses Gebiet sei ausgeschlossen, da es zu den sommerheißesten Ländern der Erde gehöre (Mitteltemperatur im Juli 3-1 Grad, in Warschau 18,8). Philippson schließt seine wichtigen Ausführungen mit den Sätzen: Mir scheint überhaupt, ganz abgesehen von den Juden, die Frage, woher man geeignete Ansiedler bekommen soll, die größte Schwierigkeit zu sein, die der Wiederbelebung Babyloniens entgegensteht. Es werden nur solche Leute dafür geeignet sein, die an ein derartiges Klima akklimatisiert sind; die einheimische Bevölkerung aber ist zu geriugzählig, itnt in kürzerer Zeit durch Vermehrung die nötige Zahl, von Ansiedlern für das Neuland stellen zu können. Es kämen dann nur noch Ansiedler aus Oberäghpten und Nordindien in Betracht, Länder mit ähnlichen Sommertemperaturen wie Mesopotamien. Die russischen Juden aber, als Ackerbauer in diesen sommerlichen Glutosen versetzt, wären meiner Ueberzeugung nach dem Untergang geweiht! Wir kommen also zu dem Schluß, daß eine irgend erhebliche Massenansiedlung russisch-pölnischer Juden in die Länder des Osmanischen Reiches aus natürlichen und wirtschaftlichen Gründen n i ch t möglich ist. * Einer größeren Darstellung der neuen Warschauer Universität von Wilhelm Rumpf in der „Bossischen Zeitung" entnehmen wir folgende Ausführung über die dortigen jüdischen Studenten: Unter den Studenten befindet sich der Bevölkernngszusammensetzung entsprechend eine sehr große Anzahl Juden, die sich besonders das Studium der deutschen Sprache angelegen sein lassen. Sie betrachten die gegebene Lage nüchtern und verstehen, wie gerade in Polen unsere Sprache immer ein wertvoller Bestandteil der höheren Bildung bleiben wird, weil die Polen immer unsere Nachbarn waren und sein werden und so der Kenntnis der deutschen Sprache und Wissenschaft nicht entraten können. Das Verhältnis zwischen Inden und Polen entspricht der allgemeinen politischen Stimmung. Man liebt einander nicht, darum schließt man sich gern voneinander ab und bleibt unter sich. Es haben sich bis jetzt daraus noch keine Störungen der wissenschaftlichen Arbeit ergeben, hoffen wir das auch für die Zukunft! Auf diesen Stätten der Wissenschaft wird es sich Herausstellen, ob ernste Arbeit zum Wohle des Ganzen politische Gegensätze so weit mildert, daß Völker friedlich nebeneinander leben können, die einander sonst schwer verstehen. * Zum Schluß mag hier eine Notiz stehen über den Shylock- Stosf, der gewiß viele unserer Leser interessieren wird: S o r b i e n u n d Shakespe a r e. In der Londoner „S h a k es P e a x c Associatio n" hielt unter dem Vorsitz von Professor Israel Gollancz der serbische Professor Paul Popovitch von der Universität Belgrad einen Vortrag über „Shakespeare-Geschichten in der serbischen Volkskunde". Der Vortragende befaßte sich vornehmlich mit dem „K a u f m a n n von Be n e d i g", „Cymbeline" und „Macbeth". Es gibt, wie er ausführte, mindestens fünf serbische oder kroatische Volksmärchen, in denen ein Jude vorkommt, der unter der Bedingung Geld verleiht, daß er bei ausbleibender Rückzahlung dem Schuldner ein Stück Fleisch ans dem Körper schneiden darf. In allen zieht der Jude den kürzeren, und in den meisten infolge einer Frau, die die Stelle des Richters einnimmt. Einen historisch bezeugten Fall gab es im Jahre 1585. Siegmar Mehring. Biegmar Mehring ist am 13. April 1856 in Breslau als drittes von zehn Kindern geboren, die alle bis ans einen Bruder früh dahingerafft wurden. Seine Eltern waren Siegfried Mehring, der dem Knaben, als dieser zehn Jahre alt war, entrissen wurde, und Martha Mehring geborene Schumann, deren sich der Sohn bis zum Jahre 1801 erfreuen konnte. Siegmar besuchte in Breslau die Schule, und zwar die unteren Klassen des Elisabeth - Gymnasiums und die höheren Klassen der Realschule zmn Heiligen Geist. Dann war er drei Jahre Lehrling in einem Hanfgeschäft in Breslau, dann Buchhalter bei feinen: Onkel. 1870 siedelte er nach Berlin über! er wurde Konunis in einer Aiehlhandlnng und begründete 1886 eine Buchhandlung unter der Firma Neuseld & Mehring. Schon als junger Mann begann er zu schriftstellern. In: Jahre 1886 veröffentlichte er die Sammlung „Ich bitt inns Wort" (zusammen mit Julius Stettenheim), ferner die Sammlung „Champagner-Geist", Uebersetznngen aus dem Französischen (n. a. die Lustspiele Banvilles „Sokrates und Xanthippe" und Augiers „Schierling"), 1889 „Der Reiin" und „Physiologie der Ehe" (satirisch), 1801 „Deutsche Verslehre". Die Dramen, die in der an zweiter Stelle genannten Sammlung von ihm veröffentlicht waren, sind bald nach ihren: Erscheinen und auch noch später mannigfach zur Aufführung gelangt. Seit 1890 wandte er sich, nach Aufgabe seines kaufmännischen Berufes, ganz der Schriftstellerei zu. 1890 war er Redakteur der „Police", 1892 Mitarbeiter der „Wespen", später Redakteur dieses Blattes, dann Vertreter Sieginund Habers am „Ulk", dessen Hilfsredakteur :u:d späterer Redakteur, er wurde. Mehr als 20 Jahre hat er diesem Blatte die iverrvollsten Beitrüge geliefert und viel dazu beigetragen, es zu einer der geachtetsten und verbreitetsten humoristischen Zeitschriften zu machen. Ausser an den genannten Blättern arbeitete er, namentlich bevor seine Tätigkeit fast ausschließlich de::: „Ulk" galt, an verschiedenen auswärtigen Zeitungen mit und hatte in dieser Tätigkeit nur einmal eine Unannehmlichkeit zu erleiden. Im

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