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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-02-04 · Heft 5 (4.2.1916) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 5 (4.2.1916)
Date
1916-02-04
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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schildern, den ich über die Haltung Ihres Blattes empfinde. Erft heute las ich eine Nummer Ihrer Zeitung und sage Ihnen, daß Sie hoffnungslosaußerhalb jeder Berührung mit in England geborenen Juden stehen, wenn Sie den G tauben über den britischen Patriotismus setzen. Sir Iraneis Montefiore (bekanntlich ein früherer Führer der englischen Nationaljuden) war durchaus korrekt, als er sagte, daß diese Zeiten nicht geeignet sind, kleine Settenfragen zu diskutieren, und daß es jedermanns Pflicht sei, loyal englisch zu fühlen. Nach Ihrer Anschauung wäre es Pflicht, nicht nur mit dem deutschen Volk eine Verständigung nach dem Kriege 311 suchen, sondern auch während des Krieges den Grundstein dazu zu legen. Wenn das Ihre Anschauung ist, so hat Sie das größte Unrecht gegen britische Inden, die nicht die miiibcftc i'itft haben, sich mit dem Schwarm, der zu Zentralenrvpa gehört, einzutassen. Der Deutsche, ob Christ, ob Jude, ist in unserem Lande nicht gehaßt, das wäre ein Zeichen von Furcht, aber er wird betrachtet als ein giftiges Tier, das weder göttlichen noch irdischen Gesetzen gehorcht, und das Gefühl ist nicht gegen ihn, sondern gegen die Lauheit unserer Gesetze, die Mitglieder dieser verworfenen Nasse zum englischen Staatsbürgertum zuläßt, itub Sie irren sich sehr, wenn Sie annehmen, daß irgendeine anständige britische Gemeinde sich mit den „Boches" nach dem Kriege verbinden wird. Der Krieg, in dein wir uns befinden, ist ein Krieg von Völkern, bei denen Religion gar keine Nolle spielt, und ich versichere, wenn ich jünger gewesen Untre und an die Front hätte gehen können, daß ich ein'außerordentliches Vergnügen daran gefunden Hütte, «lein Bajonett in einen Deutschen zu stecken, ob er Jude oder Preußischer Junker wäre, dein: nur machen darin keinen Unterschied. Ihre Bemerkungen wären frech, wenn sie nicht so dumm wären, und erwecken den Anschein, als ob Sie in Jerusalem und nicht in London lebten." Zu diesen Ausführungen von Harry I. Montefivre bemerkt „Iewish World": „Wir versichern, daß es niederdrückeud ist, daß ein Stammesgenosse in England, geboren lote wir, Gedanken anssprechen kann, die beklagenswert wären, wenn sie die Meinung eines rohen Tieres wären. Aber wir nässen, daß Herr Moiitefiore ein Gentleman ist mit edlen Anlagen, so sanft, daß er keiner Fliege wehtun würde. Eili Bajonett in eines Deutschen Brust stecken - - zu viel. Glaubt Herr Montefivre, wir kennen die Geschichte von König Salomon und fcent Schmetterling nicht? Wir wollen sie ihm erzählen. König Sawmon, der die Sprache der Tiere verstand, hörte einen Schmetterling, der an den Mauern des Tempels schabte, ansrufen: „Ich werde es tun, du wirst mich nicht hindern; du sagst, ich solle nicht, aber ich will lhw." Salomon fragte ihn: „Willst du die Mauern meines Tempels niederreißen?" „Mächtiger König," entgegnete der Schmetterling, „du weißt, daß ich derartiges nicht tun könnte." „Freilich weiß ich es," erwiderte der König, „warum sprichst du denn eine solche Prahlerei aus?" „Ich ineinte es nicht so, aber der andere Schmetterling, den du sahst, war meine Frau, sie verhöhnte und ärgerte mich. Da mulitc ich ihr imponieren, das ist alles," sprach der Schmetterling. Solche Schmetterlinge sind Sir Francis und der Schreiber obigen Briefes." Neben Griechenlands Stellung verlautet in den letzten Zeiten nichts; einstweilen ist es jedenfalls den Verbandsmächten nicht gelungen, Griechenland ans seiner Neutralität heräusznreißen. Daß die Inden in einem Teile Griechenlands durchaus der Entente feindlich gesinnt sind, geht aus folgender Nachricht hervor: Die „Anrore" bringt in ihrer Nummer vom 7. Januar 1916 einen Artikel mit der Ueberschrist „Die Juden Salonikis gegen die Entente". Alls dem Artikel ist folgendes hervorzuheben: „Der „Terdjeman-i-Hakikat" veröffentlicht in einer seiner letzten Nummern nachstehende Notiz: „Alle Inden Salonikis sind Anhänger Deutschlands. Um diese Gesinnung zu ändern, begab sich der Baron v. Rothschild aus Paris nach Saloniki, bestimmte seine Jacht für die Verwundeten und machte den armen Juden ein Geschenk von '10 000 Francs. Der Großrabbiner von Saloniki erklärte dem Baron, daß, solange Frankreich mit Rußland verbündet bliebe, die dortigen Juden keine freundschaftlichen Gefühle für Frankreich hegen könnten." Wir fügen zur Vervollständigung der Bemerkung unseres türkischen > Kollegen die Nachricht hinzu, daß der Mißerfolg des von dem Baron Rothschild unternommenen Schrittes bei seinen Glaubensgenossen mit einem gewissen Pomp begleitet war. Denn die entschiedene Antwort des Rabbiners erfolgte in feierlicher Weise, öffentlich, in Anwesenheit der hervorragendsten jüdischen Gesellschaft in der Synagoge. Dorthin hatte Rothschild die Juden zu einer Konferenz eingeladen, die über die von den Juden einzunehmende Haltung beraten sollte. Infolge des Ansehens, das Rothschild genießt, war die Synagoge gestopft voll. Notschild redete von der Kanzel aus mit viel Wärme, nach ihm gab der Rabbiner Jakob Meir die erwähnte Antwort. Die Kühle der jüdischen Bevölkerung gegen die Ententemächte wird uns außerdem durch ein anderes Faktum bezeugt, nämlich durch das Verhalten der Juden bei der griechischen Wahlkampagne. Sämtliche Juden Salonikis stellten sich auf die Seite der Partei des Ministeriums Gunaris und trugen damit zum Triumph der Regierungspartei bei." Wir geben diese Nachricht des, wie wir glauben, wohlunterrichteten konstantinopolitanischen Blattes ohne jeden weiteren Kommentar, sind aber überzeugt, daß diese Notizen auf Wahrheit beruhen. Auch R u m ä n i e n verharrt in seinerNeutralität. Darfman dem rumänischen Politiker Peter Carp trauen, der seine Bildung in Deutschland genossen hat, so ist trotz aller Anstrengungen, die von unseren Feinden gemacht werden, nicht die geringste Aussicht vorhanden, daß dieser Staat auf die Seite jener Mächte tritt; eher möchte man annehmen, daß er sich den Mittelmächten, das heißt, uns und unseren Verbündeten anschließt. Von Leiden Seiten wird zurzeit ein starker Druck ausgeübt, so daß eine Entscheidung wohl nahe bevorsteht. Uebrigens rühren sich, was sehr erfreulich ist, die dortigen Juden, nicht in ihrer Parteinahme für diese oder jene Macht, sondern in dem Kamps für ihre Existenz. Sie haben einen Kongreß abgehalten, in dem sie von der rumänischen Regierung die Gewährung der bürgerlichen Rechte fordern. * Die O st judenfrage steht nach wie vor im Vordergrund des Interesses. Ein in Oesterreich gebildeter „Deutscher Nationalverband" hatte in Wien eine große Versammlung abgehalten, in der besonders von dem wirtschaftlichen Zusammenschluß zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland die Rede war, in der aber auch die Ostjudensrage gestreift wurde. Darüber heißt es in einem Bericht der „Neuen Freien Presse": lieber den Bericht des Obmannes Dr. Groß entspann sich eine eingehende W e ch s e l r e d e, in deren Verlaus auch vielfach besondere Wünsche geäußert wurden. So wurde insbesondere auch die Notwendigkeit betont, für den Fall der Angliederung eines Teiles von Russisch-Polen die Ostjudenfrag-e zu regeln, und es wurde dabei hervorgehoben, daß eine solche Regelung nicht nur im Interesse der Gesamtheit der Staatsbürger, sondern namentlich auch im Interesse der Staatsbürger jüdischer Konfession gelegen sei. lieber dasselbe Problem handelt auch ein Artikel von P a u l H a r m s im „Berliner Tageblatt". Nach einer Erwiderung auf eine zionistische Zuschrift, aus der wir bloß eine warme Verteidigung von K. E. Franzos hervorheben — der Zionist hatte den gefeierten Dichter als Verfasser von „Genreschriften" und „Jugenderinnerungen" abzutun versucht, während Harms ihn als wahrhaften Schilderer wirklicher Zustände preist — schließt er mit folgenden Sätzen, die uns ganz aus der Seele geschrieben sind: Vergessen wir auch nicht, daß der Artikel über das polnisch-jüdische Problem ausging von Nack;um Goldmanns Behauptung, die „ostdeutsche Judenheit" bilde einen „geschlossenen und v 0 l l entwickelten" nationalen Organismus. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser ostjüdisch-e Nationalstaat eine Selbsttäuschung

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