Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Kommerzienrat Nieder m eier; Gemeindebevollmächtigter U l l - in a n n (München) lind Rechtsanwalt Dr. B u ch m a n n (Regens bürg). L. 9lierftein am Rhein, 20. Januar. Gin Tode^sfall von erschütternder Tragik ereignete sich hier am vergangenen Freitag. Der angesehene Kaufmann August Hirsch, ein Mann von 65 Jahreil, der mn Mittwoch vorher gelegentlich eines geschäftlichen Auftrages, den er als amtlich bestellter Kommissionär in Dahlheim besorgte, am- Bahnhofsschalter doctselbst infolge eines Herzschlages tot zu Boden stürzte, sollte am -Freitagmittag beerdigt werden. Der zu diesem Zweck aus Mainz eingetroffene Großherzogliche Kreisrabbiner, Herr Professor Dr. Sa lfeld, wollte eben inmitten der zahlreich erschienenen Leidtragenden mit der religiösen Trauerfeier beginnen, als die Gattin des so jäh Verschiedenen plötzlich mit einem kürzen Aufschrei leblos zu Boden sank. Die Aufregung und der Schmerz um den so unerwartet ihr entrissenen Gatten hatte ihr selbst das Herz gebrochen, obgleich sie ihrem Manne an Lebensjahren mehr denn zehn Jahre nachstand. So sind denn beide auch im Tode vereint geblieben. Ter überaus tragische Fall rief unter der Trauerversammlung eine unbeschreibliche Aufregung hervor, so daß der Geistliche die religiöse Feier abbrechen mußte. Ter einzige Sohn des Ehepaares steht als Verteidiger des Vaterlandes an der östlichen Front, konnte daher zu der Beerdigung der Eltern nicht herbeieilen. Der ganze Ort bezeugt den Verwandten der so schnell Abberusenen die größte Teilnahme. Wiesbaden, 21. Januar. Im Pensionat von Fräulein H e r - mine Wolf f, Wiesbaden, Kapellenstraße 81, fand am Samstag, den 15. d. M., abends, zum Besten der schwergeprüften Ostjuden eine Wohltätigkeitsseiec statt. Die Darbietungen des Abends wurden durch die jungen Damen des Pensionats in hervorragender Weise ausgeführt. Unterstützt von ersten, bewährten Kräften des Königlichen Hoftheaters tonnte den vielen Besuchern ein genußreicher Abend geboten werden. Die herrlichen Darbietungen trugen dazu bei, daß für die unglücklichen Glaubensgenossen 1300 Mark gespendet wurden. Die Veranstaltung verdient nachgeahmt zu werden. schwer?. — Zürich, 21. Januar. Ueber die Juden in Bulgarien veröffentlicht das hier erscheinende „Israelitische Wochenblatt" folgende interessante Mitteilungen: Es gibt in Bulgarien etwa 55 000 bis 60 000 Juden. Im letzten Krieg waren etlva 6000 jüdische Soldaten iin bulgarischen Heere, auch viele Offiziere unter ihnen. Allgemein wurde der Patriotismus der bulgarischen Juden anerkannt. Viele wurden dekoriert. Etwa 400 bis 500 sind gefallen. Ueber die Anteilnahme an dem jetzigen Krieg sind noch keine Zahlen bekannt. Es ist auzunehuien, daß diesmal noch mehr Juden im Felde stehen. Es gibt Hauptleute und Majore unter den Juden, auch eine Anzahl mit Oberstrang; einige Offiziere auch in Friedenszeiten im stehenden Heer. Seit dem Berliner Kongreß (1878) haben die Juden in Bulgarien alle Rechte. Man findet keinen Antisemitismus im Land. In jeder größeren Stadt wird stets ein Jude in den Stadtrat gewählt; man betrachtet es als selbstverständlich, daß die Juden dafür, daß sie den anderen Kandidaten ihre Stinnnen geben, auch selbst einen Vertreter erhalten. Auch in der großen Sobranje ist ein Jude. Im Staatsdienst sind sie nicht angestellt. Es gibt keine jüdischen Lehrer, Richter, Professoren; aber viele Juristen und Aerzte, Ingenieure, Apotheker, auch vier jüdische Konsuln. Ein Jude ist Chef der Presse im Ministerium des Aeußern. Der Zar Ferdinand gilt nicht als Freund der Juden. Aber er tut nichts gegen die Inden. Der frühere Großrabbiner für Bulgarien, Dr. Ehrenpreis, war speziell bei ihm sehr beliebt. Die Juden schenkten dem Fürsten anläßlich seines Regiernngsjubiläums eine Sefer-Thora. Diese ist in seinem Arbeitszimmer, und man erzählt, daß er sich aus dem silbernen Deuter eine Feder habe machen lasten, mit der er die wichtigeren Dokumente unterschreibt. Die Kriegserklärung soll er mit dieser Feder unterzeichnet haben. Tie bulgarischen Juden sind ursprünglich Türken, Spaniolen. Es gibt nur wenig, etwa 5000 Aschkenasim unter ihnen, zumeist aus Oesterreich-Ungarn eingewandert. In Sofia haben sie eine eigene Synagoge; sonst sind sie mit den Spaniolen assimiliert. Gemeinden gibt es in allen Städten, größere Gemeinden in Philippopel, Rustschuk, Varna, Burgas, die größte (zirka 16 000 bis 18 000 Mitglieder) in Sofia. Jeder Jude muß an die Gemeinde Steuern zahlen. Man zahlt bis 1000 Fr. jährlich. In der Provinz Tirnowo gibt es keine Juden. Die Juden von Silistria, das nach dem letzten Krieg an Rumänien fiel, gehören jetzt dorthin und haben dadurch ihre Gleichberechtigung verloren. Die meisten leben vom Handel. Es gibt besonders jüdische Engrvsgeschäste, und stark vertreten sind die Juden im Bankwesen. Auch das Handwerk wird von ihnen gepflegt. Es gibt viele wohlhabende Juden, keine ganz armen, keine Bettler. Jede Gemeinde hat ihre Unterstützungsvereine, Bidkur Cholim, Ehewra Kaddischa und Socket« für Wohltätigkeit. Jede Gemeinde hat auch ihre eigenen Schulen für den Unterricht der Jugend: Knaben- und Mädchenschul-eu, mit 6 Klassen. Alan schickt die Kinder nicht in die bulgarischen Schulen, sondern in diese. Haben sie diese absolviert, so kommen sie zur weiteren Ausbildung nach Europa. Diese Schulen sind ursprünglich von der Alliance gegründet worden; jetzt sind sie Gemeindeinstitute. Die Lehrer werden von der Gemeinde allgestellt und besoldet. Auch sonst leben die Juden für sich. Alan kommt mit den anderen geschäftlich zusammen, auch bei öffentlichen Anlässen. Aber Familienverkehr gibt es nicht. Das liegt hauptsächlich daran, daß die Juden die bulgarische Sprache nicht sprechen. Wiewohl schon sehr lange im Land, haben sie dennoch als Umgangssprache das Spanische ihrer mittelalterlichen Heimat beibehalten. Erst die junge Generation spricht auch Bulgarisch. In Sofia ist es schon etwas anders, schon ein wenig mehr Verkehr untereinander. Aber auch da spricht inan in den Häusern nur Spanisch. Hier und auch anderswo besuchen jetzt auch schon jüdische Kinder, luemt sie mit der jüdischen Volksschule fertig sind, bulgarische Schulen. Das religiöse Leben hat unter der Einführung der Sonntagsruhe gelitten. Früher lvar kein Geschäft am Sabbat geöffnet, jetzt sind nur ncd) wenige -geschlossen. Die Feiertage werden gehalten, besonders Pestach. Es gibt kein jüdisches Hans, in den: nicht wahrend dieses ganzen Festes Mazzoth gegessen würde. In den Häusern ist überall noch rituelle Haushaltung. Mischehen gibt es nicht. Das jüdische Wissen beschränkt sich ans geläufiges Beten. In der Schule lernt inan nur lesen und etwas übersetzen. Der Gottesdienst ward am Sabbat nur noch schwach besucht. Der Zionismus ist verhältnismäßig stark vertreten. Jede Gemeinde hat einen Rabbiner. Diese üben keine eigene Gerichtsbarkeit mehr aus, aber sind die Standesbeamten für Familiensachen. Es gibt leine Zivilehen. Das Amt des Großrabbiners ist seit dem Rücktritt von Dr. Ehrenpreis frei. Grstkrreich-Angarn. z. Wien, 21. Januar. Der I s r et c IC 11 i s ch e F r a u e n w ohlt ä t i g ke i t s v e r e i n , 1. Bezirk, Seitenstettergasse 2, blickt auf das hundertste Jahr seines Bestandes zurück. Die Gründling des Vereins, an dessen Spitze seit einem halben Jahrhundert als Präsidentin Frau Charlotte Freifrau v. Königs Wärter steht, erfolgte gleich zu Beginn des Jahres 1816 durch eine Vereinigung mehrerer Frauen, die es sich zur Aufgabe gestellt hatten, die infolge der verheerenden Wirkungen der Napoleonischeu Kriege verarmten Familien durch Sammlung von Liebesgaben zu unterstützen. Aus Anlaß des Gedenktages fand mn 2. d. M. im israelitischen Tempel in der Seitenstettergasse 4 ein Festgottesdienst statt. Lange vor Beginn der Feier war das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Bürgermeister Dr. Weiskirchner hatte Gemeinderat Dr. Oskar Hein mit ferner Vertretung betraut, und Polizeibezirksleitsr Regierungsrat Polt war als Vertreter des Polizeipräsidenten Freiherrn v. Gorup erschienen. Ferner waren anwesend: Präsidentin Charlotte Freifrau v. Königs wart er mit den Damen des Vorstandes, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern mit dem Vizepräsidenten Hosrat Dr. Rappaport und fast sämtlichen Mitgliedern des Vorstandes, der Präsident der „Ehewra Kaddischa" (Verein für fromme und wohltätige Werke) Salo Cohn, der Präsident des Bethausvorskandes Dr. Markus Spitzer mit dem Vizepräsidenten Anton Beck und allen Mitgliedern des Vorstandes, Sekretär kaiserl. Rat Dr. Theodor L i e b e n , der Vizepräsident der Armenanstalt der israelitischen Kultusgemeinde M. A. Pollak, die Obmänner der Wiener Tempelvereine und Abordnungen aller Frauenwohltätigkeitsvereine und viele andere. Eingeleitet wurde die festliche Feier mit dein Vortrage des von Salomon Sukzer vertonten Psalmes 111 durch Oberkautor Don Fuchs, der vom Chorpersonal begleitet war. Dann hielt Oberrabbiner Dr. Güde m n n n die Festpredigt. Nach der Absingnng des Psalmes 113 wurde von allen Festgüsten die Volkshymne gesungen. Ein Schlnhgebet beendete die Feier. Die Vorsteherinnen aller israelitischen Frauenwohltätigkeitsvereine Wiens hatten vor Beginn des Festgottesdienstes im Zeremoniensaale des Tempels der Präsidentin Charlotte Freifrau