Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 4 Berlin, 28. Januar 1916 Der Oemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums". Sorrrhwndensm und Wachrichttn. Sklltschlsnd. E. S. Berlin, 25. Januar. %n\ 13. d. M. sprach Herr Justizrat I. Magnus im herein f ü r jüdische Geschichte und Literatur über „Jüdische Dichter und der Weltkrieg". In keinem Krieg war das Wohl und Wehe der Juden so sehr in Frage gestellt als in dem jetzigen. Wenn nicht alles trügt, so ist jetzt eine neue Geistesrichtung, eine bessere Zeit im- Werden. Redner bekennt sich zu einem unerschütterlichen Optimismus. Weit entfernt, der alten Religion untreu Zu werden, ist der jetzige Jude überall innig mit seinem Vaterland verknüpft, selbst in Rußland, das ihm immer noch Entrechtung und Verfolgung bietet. Von diesem Gesichtspunkt aus sind auch manche unliebsame Aeuszerungen französischer und englischer Juden über Deutschland Zu würdigen. Noch nie hat ein Krieg so die dichterische Kraft entflammt — am meisten in den Ländern deutscher Zunge. Wie ganz anders ist der die dichterische Phantasie erregende Stoff jetzt als 1870/71. Damals ein Landkrieg in einem verhältnismäßig eng begrenzten Gebiet, jetzt ein IX» Jahre in vier Weltteilen tobender Krieg zu Wasser und zu Lande. Konstantinopel, Bagdad, Palästina, Indienrücken uns durch den Krieg näher. Dieselben deutschen Juden, welche vor 100 Jahren in ihrer Masse noch ungelenk die Landessprache innehatten, stellen jetzt die besten Dichter des Weltkrieges. Lissauers Haßgedicht gegen England, von manchen sittlichen Gesichtspunkten aus beanstandet, fand Hunderttausende von Lesern unter den Kriegern und gibt plastischen Ausdruck der auch jetzt noch im deutschen Volk herrschenden Stimmung. Denn wer anders als die englische Politik ist an der grauenvollen Verlängerung dieses Krieges schuld. Ein anderer jüdischer Dichter, Walter H e y m a n n, Ostpreuße von Geburt, Gesinnung und Gestaltung, hat den Krieg durchlebt, durchgedichtet und für das Vaterland frühzeitig sein Leben geopfert. Er, der nie Soldat war, an Rheumatismus litt, stellt sich als Kriegsfreiwilliger; ein brennend unwiderstehliches Pflichtgefühl beseelt ihn. Er, der Individualist, fügt sich freudig dem militärischen Drill. In fast allen Dichtungen dieses in mehr indifferenten Anschauungen ausgewachsenen Mannes bricht der jüdische Grundton immer durch. In Italien fand er sich so recht als Deutscher, als Ostpreuße. Redner geht nun näher ein auf Heymanns herrliche Kriegslieder und Feldpostbriefe, welche dem Frühverstorbenen eine bleibende Stätte in der Literaturgeschichte sichern. Antisemiten und Gesinnungsgenossen wurden nicht müde, den Juden den kriegerischen Berus abzusprechen. Welche Freude mußte aber das Herz Heymanns durchzittern, als er den Mitkämpfenden von seinen Dichtungen vorlesen durste — als neuer Dyrtäus. Ein Dichter ganz anderer Art ist Hugo Zucke r m a n n. In der deutsch-böhmischen Stadt Eger ausgewachsen, hatte er schon als spielendes Kind unter der Verrohung des Antisemitismus zu leiden. Als Hochschüler mußte er fortwährend hören, daß die Juden keine Ehre haben. Da faßte er den heiligen Vorsatz, dem Judentum zur Ehre zu gereichen, und so dem Vaterland und der Menschheit. Gleich Heymann dem juristischen Beruf Angewandt, aber ohne inneren Drang, wirkte er als Anwalt in Meran. Tie Entwicklung macht ihn zum Zionisten und zum begeisterten Oesterreicher. Er, dessen jüdischer Einschlag in der Jugendbildung gering war, lernt gründlich Hebräisch und Jargon, vertieft sich in das jüdische Schrifttum, wird jüdischer Dichter und übersetzt meisterhast Jargondichtungen. Ter angeblich Ehrlose dient sein Militärjahr ab, wird Landwehrofsizier, ist Soldat mit Wonne und stirbt den Heldentod. Da sein nun weltberühmtes „Reiterlied" aufkam, dachte man weniger an einen lebenden Dichter, als an ein wiedererstandenes altes Volkslied. Hier wie in den meisten seiner anderen Dichtungen kein reflektierender kritischer Ton, sondern die naive, innige Weise. Welche entzückenden Naturschilderungen! Der Zionist Hugo Zuckermann wird ein Kriegsdichter, jeder Zoll ein echter Soldat, ein echter Deutscher, ein echter Oesterreicher. Beim Rückblick auf die häufig getrübte Jugend- und Studienzeit des Dichters schloß der Redner seinen feindurchdachten. von allem Pathos freien Vortrag mit dem Schriftwort: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden." N. C. Berlin, 25. Januar. Einer der altehrwürdigen Vereine innerhalb unserer Gemeinde ist der Verein S ch o m e r l.aboker und Mischan a w e l i m, der sich eines mehr als zloeihundertjührigen Bestehens zu erfreuen hat. Alljährlich anr Erew Rosch Ehodesch Schewat begeht er sein Stiftungsfest in der Alten Synagoge durch einen Festgottesdrenst mit Predigt. Auch in diesem Jahre fand die Feier mit einer Festpredigt statt, die Herr Rabbiner Dr. Petuchowski hielt. Er ging davon aus, daß wir selbst in dieser Zeit des Hasses und der Feindseligkeit nach alter Weise ein „Jom Kippur Koton", ein Versöhnungsfest im kleinen, feiern und dabei den barnrherzigen und gnädigen Gott anrnfen, denn auch in dieser Welt des „Völkerhasses und Ntenschenmordens" könne man das Walten göttlicher Liebe und Barmherzigkeit nicht leugnen. Redner wies sodann auf die Ziele des Vereins hin: Veranstaltung täglichen Frühgottesdienstes und Unterstützung der Trauernden. Mit dem Gebet für das Seelenheil der Begründer und verstorbenen Vorsteher des Vereins und dem Dank an die gegenwärtigen Leiter für ihre selbstlose Tätigkeit schloß die erhebende Feier. — Der Verein verfolgt tatsächlich die segensreichsten Bestrebungen. Der Frühgottesdienst mahnt an das alte Wort: „Bete und arbeite!" Gekräftigt durch das Gebet, soll der V len sch sich, der Arbeit, der Tat zuwenden. Tie Unterstützung der Leidtragenden ist als eine sittliche Tat ohnegleichen zubezeichnen. Dem tief Trauernden die Alltagssorge abzunehmen, ist Zweck des Vereins, den er erfüllt, ohne den Empfänger zu beschämen. Zloei Büchsen werden dem Trauernden ins Haus gesandt, deren einer er Geld entnehmen darf, derer anderer er Geld hinzufügen kann. Niemand weiß, wer entnommen, niemand, wer gegeben hat. Diese Art wohlzutun ist echt und vorbildlich jüdisch. Diese Art der Wohltätigkeit haben wir von myeren Altvorderen ererbt, und sie erfüllt uns alle Zeit mit berechtigtem Stolz, spornt zur Nacheiferung an. Mögen sich zu den bisberigen Gönnern und Freunden des Vereins stets neue hiuzugeselleu. Der Rendant, Herr Samuel E o h u, Lützowufer 13, uiuuut Beitritts- Meldungen und Spenden mit Dank entgegen. G. Berlin, 25. Januar. Sonnabend, den 15. d. M., veranstaltete die Synagogen gemein de „Beth-Zion" aus Anlaß des 2 5jährigen Aultsjubiläums ihres verdienstvollen Rabbiners Herrn L. Hörter einen Festgottesdienst, an dem sämtliche Vorsteher und Mitglieder der Gemeinde teilnahmen. Die Synagoge war von Gästen, Freunden und Anhängern des Jubilars überfüllt. Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Weiße. In seiner ihm eigenen Weise fand er tiefinnige, treffende Worte zur Eharakterisiernng und Würdigung der Persönlichkeit und Wirksamkeit des Jubilars. Er brachte der Gemeinde zum Bewußtsein, was sie in der Persönlichkeit des Gefeierten besitze, wie es ihm während der 25 Jahre seiner Amtstätigkeit gelungen sei. Segensreiches zu schaffen und das Wohl und Ansehen seiner Gemeinde in jeder Beziehung zu fördern. „Durch seine Mitwirkung wurde eine neue Synagoge gebaut, und seiner rastlosen Arbeit hat die Gemeinde die Gründung der Religionsschule zu verdanken. Als Lohn treuer Pflichterfüllung erwarb er sich die ungeteilte Anerkennung und Dankbarkeit seiner ganzen Gemeinde." Tiefgerührt dankte der Gefeierte in ergreifenden Worten und betonte, daß er ohne die kräftige Mithilfe des Vorstandes nicht in der Lage gewesen wäre, das zu leisten, was er geleistet haben soll. Er schloß mit der Bitte, ihn auch fernerhin zu unterstützen. — Am Nachmittag versammelten sich das Lehrerkollegium, die Schüler und Schülerinnen der Religto-nsschule „Beth- Zion", um dem Jubilar auch ihre Anerkennung und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Die Lehrerin Frau Klein hielt eine kurze, herzliche Ansprache und überreichte dem Jubilar ein Geschenk des Lehrerkollegiums. Die Kinder brachten ihm Blumen. Mit herzlichen Worten dankte Herr Rabbiner H ö x t e r für die ihm erwiesenen Ehrungen, gab seiner besonderen Freude über das Gedeihen seiner aus kleinen Anfängen hervorgegangenen Religionsschule Ausdruck und rühmte die treue Mitarbeit der älteste:; Lehrer, der Herren Pollak und Gottlieb, die ihm stets treu